Euripides Hippolytus 776-1101

ed. Gilbert Murray

View: By Card

Hippolytus. Euripides. ed. Gilbert Murray. Oxford. 1902.

Sponsored by Perseus Project, Tufts University.

Funding provided by Tufts University.

Current edition Perseus

Ἱππόλυτος (Greek) (Euripides. Euripidis Fabulae, Vol. I. Murray, Gilbert, editor. Oxford: Clarendon Press, 1902.)

Translations (3)
Hippolytus Perseus (Euripides. The Plays of Euripides, Vol. I. Coleridge, Edward P., translator. London: George Bell and Sons, 1906.) — 776-1100 focus
Hippolytus (OCR draft) Experimental (Hippolytus. Robert Potter's English verse translation, first published in 1781–1783; text from the 1808 Oxford printing.)

No corresponding passage available

German (J. J. C. Donner, 1841; OCR review) (OCR draft) Experimental (Euripides. Deutsch in den Versmaßen der Urschrift. Volume 1, Heidelberg: C. F. Winter, 1841. Harvard OCR compared with an independent BSB copy. Native Donner verse citations, Murray reference cards, explicitly located notes and page facsimiles. Unresolved OCR, verse divisions, unlocated notes and printed errata are documented in the source review.) — 776 focus
Weh, weh!
Zu Hülf ihr alle, die dem Hause nahe sind!
Theseus' Gemahlinn, unsre Frau erhenkte sich.
weh, wehe dir! Welch unerhdrtes Leid!
Arme, du litt'st, du that'st
So Schweres, daß dies ganze Haus in Trümmer stürzt!
Was, ach! wagtest Du? Gewalt war es, was
805
Dich in den Tod gerafft, ein unheilig Loos,
Gewalt deiner Hand!
Wer trübt', armes Weib, also das Leben dir?
Dweh, welches Loos!
Das graunvollste Leid,
Das ich erlitt, ist dies!
810
Zürnendes Schicksal, weh,
Wie schwer getroffen hast du mich und meinen Stamm
Durch eines Rachegottes ungeahnten Fluch!
Ein todåhnlich Leben, ha! zehrt mich auf;
Ein Merr seh' ich Trostloser, ein Leidensmeer,
Und aus den Wogen dieser Noth vermag ich nie
815
Hersvorzutauchen noch hindurchzuringen mehr.
Wehe, mit welchem Wort mein unseliges
Geschick nennend, Weib, treff ich der Wahrheit Ziel?
Denn wie ein Vogel aus der Hand entschwandest du
Mit raschem Sprunge mir hinab in Hades' Haus.
820
Auf mir lastet schwer aus uralter Zeit
Ein götttliches Gericht,
Durch Schuld Eines meiner Ahnherrn verwirkt.
Dir nicht, o König, widerfuhr dies Leid allein;
Mit vielen Andern klagest du das treue Weib.
825
Unter der Erde will ich, in der Erde Nacht,
Bei dir will ich todt wohnen im dunkeln Haus,
Nun deine Nähe mir entschwand, Holdseligste;
Denn minder gabst du dir den Tod, als Anderen.
Von wem hor' ich's doch, woher dies Geschick
830
Dein Herz tödtend überschlich, armes Weib?
Sagt Einer uns wohl, was geschehn ist, oder birgt
Das Königshaus vergeblich meiner Knechte Schwarm ?
weh, weh mir! Dein
Beraubt, welches Leid muß ich im Hause sehn!
835
Unsåglich, unerträglich! Hin ist unser Glück,
Mein Haus verddet, meine Kinder sind verwaist!
In welch Leiden, ach, seh' ich dein Haus versenkt!
Die Thrån' überströmt
Nezend das Auge mir, denk ich an deinen Schmerz;
Vor dem, der auf diesen folgt, zittr' ich långst.
845
Ha, ha!
Was will die Tafel, hier von ihrer lieben Hand
Herniederhängend? Neues mir verkündigen?
Hat ihretwegen oder um die Kinder mir
Die Arme bittend einen Wunsch an's Herz gelegt?
Sei gutes Muthes! Nie betritt ein andres Weib
850
Theseus' Palast und Lager, Ungluckselige!
Doch sieh des goldnen Siegelringes Züge, den
Die Todte trug, sie locken schmeichelnd mich heran.
Wohlan, die Siegel los ich samt den Bändern auf,
zu sehen, was mir dieses Täflein sagen will.
855
Ach, ach! Im Wechsel führt ein neues Leid
Ein Gott hier herauf!
Auch mir fiel, nachdem dieses vollendet ward, 1
Ein unselig todähnliches Lebensloos.
Dahin ist es, ja! dem Tod fiel es heim,
860
Das Haus meiner Fürsten; weh' über uns!
Damon, ist es möglich, sturze nicht das Haus,
Und mein Gebet erhdre! Denn, dem Seher gleich,
Erblick ich schon Vorboten eines Ungemachs.
Weh, welches neue Leiden folgt dem alten Leid,
865
Unnennbar, unerträglich! Ich Unseliger!
Es rust, es ruft Arges die Tafel! Wie entfliehn
Der Last des Unglücks? Ich Verlorner bin dahin!
Welches, welches Lied erblick' ich Unseliger, 2
870
Tonend in dieser Schrift!
Ach, ach, ein unheilbringend Wort verkündest du.
Nicht in den Schranken des Mundes halt' ich mehr
Zurück dieses unentwirrbar grause Leid: hor' es, Stadt! 3
Gewaltsam anzutasten wagt' Hippolytos
875
Mein Lager, hat Kronions heiligen Blick verhöhnt.
Nun, Vater Poseidaon, der drei Wunsche mir
Vormals verheißen, strecke nun mit Einem uns
Den Sohn zu Boden: diesem Tag entrinn' er nicht,
Wofern du mir wahrhafte Wünsche zugesagt!
880
Herr, bei den Göttern, widerrufe dies Gebet!
Bald siehst du deinen Irrthum ein; o folge mir.
Weh, dieser Geist der Menschen, wohin schreitet er?
Wo findet Frechheit und Verwegenheit ihr Ziel?
Wenn diese mit der Menschen Lebensalter wächst,
Und wenn der Spåtre jederzeit in arger List
Besiegt den Frühern: fügten doch zur Erde dann
930
Ein andres Land die Götter, das in seinem Schooß
Den Frevler aufnimmt und den ungerechten Mann!
D blickt einmal auf Diesen, der, von mir gezeugt,
Mein Ehebett geschåndet, und der schwersten Schuld
Von dieser Todten offenbar geziehen wird!.
935
So zeige nun, nachdem die Blutschuld dich befleckt,
Dem Vater gegenüber hier dein Angesicht.
Du lebst mit Göttern, als ein auserwählter Mann?:
Du bist ein Reiner, unentweiht vom, Sündendienst?^^
Nie rührt mich deine Prahlerei, des Unverstan
940
In argem Wahn die Gåtter anzuschuldigen.
So rühme dich denn immerhin, und prunke stolz
Mit Pflanzennahrung, diene Bacchos, huldige
Dem Meister Orpheus und der grauen Bücher Dunst:
Du bist entlarvt. Ich mahne Jedermann, zu fliehn
945
Vor Solchen, die dir gleichen; denn sie sinnen nur
Auf Schnides, jagen diesem nach mit frommem Wort.
Gestorben ist sie: wahnst du, dieses rette dich?
Das überführt dich eben, du Nichtswürdiger!
Denn welcher Eidschwur, welches Wort spricht machtiger,
950
Als diese Todte, daß du schuldbefleckt erscheinst?
„Sie haßte mich," erklärst du, „wie Bastarde ja
Von achten Söhnen immer angefeindet sind."
Du meinst, mit ihrem Leben trieb sie schlechten Tausch,
Wenn sie das Liebste deiner Feindschaft opferte. 5
955
Auch wahnst du, Thorheit wohne nicht in Mannesbrust,
Szi bloß den Weibern eigen; ich weiß Junglinge,
Die keinesweges sichrer als die Frauen sind,
Wann Kypris ihren jugendlichen Sinn erregt;
Doch ihnen frommt die angeborne Männlichkeit.
960
Indeß warum bekamps ich deine Worte so,
Da dieser Leichnam wider dich so sichtbar zeugt?
Entweich, ein Flüchtling, ungesäumt aus diesem Land,
Und nicht Athene's gotterbaute Stadt betritt,
Noch eines Landes Gränzen, die mein Speer regirt.
965
Denn wenn ich, solches duldend, unterliege dir;
Dann wird der isthmische Sinis nie mir zeugen, daß
Ich ihn getödtet, und ich rühmte mich umsonst;
Noch werden Skeiron's meerumwogte Klippen mir
Bekennen, daß ich Frevler züchtige.
970
Cho r.
Ich schwanke zweifelnd, ob ich einen Sterblichen
Gluckselig preise; denn das Höchste stürzt hinab.
Mich, Vater, schreckt dein zornig aufgeregter Sinn;
Indeß die Sache, die so schöne Worte hat,
975 Nicht schon erscheint sie, wenn man sie genauer prüft.
Vor allem. Volk zu reden bin ich ungeschickt,
Vor Altersfreunden könnt' ich's wohl und Wenigen.
Und Grande hat auch dieses: die vor Weisen nicht
Zu reden wissen, hört die Menge lieber an.
Doch zwingt es mich, nun Dieses über mich erging,
980
Die Zunge freizulassen. Davon denn zuerst,
Womit Verderbensinnend du mich erst beschlichst,
Als könnt' ich Nichts erwiedern! Siehst du dieses Licht
Und diesen Erdkreis? Hier verweilt kein Mann, wie ich,
Der tadelloser wäre, läugnest du es auch.
985
Denn vor den Gottern weiß ich erstens mich zu scheun,
Und liebe Jeden, der das Unrecht nicht versucht,
Vielmehr errothet, Boses anzumuthen mir,
Und schnode Gegendienste nie dem Schlechten thut.
Niemals verspott' ich, Vater, die mir Freunde sind,
990
Derselbe bin ich, ob sie fern', ob nahe sein,
Bin frei des Einen, wo du mich zu fangen wahnst:
Denn keusch bewahrt' ich meinen Leib bis diesen Tag;
Bom Hörensagen kenn' ich nur der Liebe Werk,
Und aus Gemälden; aber selbst auch diese nur
995
Zu sehn, verlangte nimmer mein jungfräulich Herz.
Doch wenn du nicht auf meine Tugend bauen magst,
So mußt du zeigen, wie ich so verdorben ward.
Glänzt ihres Leibes Wohlgestalt denn herrlicher,
Ais aller Frauen? Oder hofft' ich durch den Raub
1000
Der reichen Mitgift deines Hauses Herr zu sein?
Da wär' ich eitel thricht, ja von Sinnen, traun.
Doch wahnst du, Herrschen sei so sus? Dem weisen Mann
Mitnichten, wenn nicht unbeschränkte Herrschermacht
Den Menschen, welchen sie gefiel, den Sinn verkehrt.
1005
Ich möchte wohl in Hellas Kampferspielen gern
Der erste Sieger heißen, doch im Staate nur
Als Zweiter, stets mit edeln Freunden glücklich sein.
Denn also wirkt man freker, und die Sicherheit
Verleiht dem Leben höhern Reiz, als Herrschgewalt.
1010
Noch Eines hore; denn mein Andres weißt du schon.
Erschien' als Zeuge mir ein Mann von meiner Art,
Und stånde sie noch lebend gegenüber mir;
So tráfst du forschend auf der That die Schuldigen.
Bei Zeus, des Eides Racher, bei der Erde Grund,
1015
Betheur' ich jezo, daß ich nie dein Bett berührt,
Es nie gewollt auch, noch daran jemals gedacht.
Ja, mog' ich ruhmlos, ohne Namen, untergehn,
Und weder Meer noch Erde mein entschlummertes
Gebein empfangen, wenn ich also frevelte!
1020
Doch was befürchtend diese sich den Tod erwählt,
Nicht weiß ich's; weiter ziemt ja nicht zu sagen mir.
So weise, dennoch fand sie nicht das weise Maaß;
Mir, der's gefunden, ward dafür kein schöner Lohn.
Warum, o Götter, los ich meine Zunge nicht,
Von euch vernichtet, denen fromm ich huldige?
1050
Nein, nein; ich überzeugte, den ich sollte, nie,
Und bråche nuzlos meinen euch geschwornen Eid.