Euripides Hecuba 953-1295

ed. Gilbert Murray

View: By Card

Hecuba. Euripides. ed. Gilbert Murray. Oxford. 1902.

Sponsored by Perseus Project, Tufts University.

Funding provided by The Annenberg CPB/Project.

Current edition Perseus

Ἑκάβη (Greek) (Euripides. Euripidis Fabulae, Vol. I. Murray, Gilbert, editor. Oxford: Clarendon Press, 1902. (Reprinted 1906-1974))

Translations (3)
Hecuba Perseus (Euripides. The Plays of Euripides, Vol. II. Coleridge, Edward P., translator. London: George Bell and Sons, 1891. (Modernized by Perseus.)) — 953-1295 focus
Hecuba (OCR draft) Experimental (Hecuba. Robert Potter's English verse translation, first published in 1781–1783; text from the 1808 Oxford printing.)

No corresponding passage available

German (J. J. C. Donner, 1841; OCR review) (OCR draft) Experimental (Euripides. Deutsch in den Versmaßen der Urschrift. Volume 1, Heidelberg: C. F. Winter, 1841. Harvard OCR compared with an independent BSB copy. Native Donner verse citations, Murray reference cards, explicitly located notes and page facsimiles. Unresolved OCR, verse divisions, unlocated notes and printed errata are documented in the source review.) — 953 focus
Der Menschen Liebster, Priamos!
Du Liebste, weinend seh' ich dich und deine Stadt,
925
Und deine Tochter, welche jungst im Tod erblich.
Ach!
Nichts ist im Leben sicher, nicht erhabne Macht,
Nicht, daß das Ungluck ewig flieht den Glücklichen.
Denn seine Loose, Wohl und Weh, mischt ohne Wahl
Ein Gott verwirrend, daß wir Unerfahrnen ihn
930
Verehren sollen. Doch warum beklag' ich das?
Die Klage bringt ja nie zurück, was früher war.
Du, willst du schelten, daß ich nicht erschien vor dir,
Halt' ein: im Thrakerlande fand ich ferne mich,
Als du daherkamst; eben war ich heimgekehrt,
935
Und aus der Wohnung sezt' ich schon hierher den Fuß,
Da traf mich deine Dienerinn und meldete
Die Worte, die vernehmend ich zu dir geeilt.
So sprich vor Allem: lebt er noch in deinem Haus,
Der Knabe, den dir Priamos' und meine Hand
Vertraut? Hernach befrag' ich um das Andre dich.
Wie in des hafenlosen Meers tiefe Flut 3
995
Ein Mann jah' hinabstürzend, den Tod umarmt:
So in des Todes Hand stürzest du! Wer dem Recht 4
Verfiel, wen ein Gott schuldig erfand, es trifft
Sichres Verderben ihn. 5
Dich trügt die Hoffnung dieses Wegs, Unsel'ger, die
1000
Dich hinführt in Hades' graunvolle Nacht!
Unter der Schwachen Hand hauchst du das Leben aus.
Weh mir, weh!
Wo geh' ich, tret' ich, entwande' ich?
1025
Die Hand, gleich dem vierfüßigen Waldesthier,
Zum Tritt' aufgestüzt, tast' ich der Spur nach.
Ach, welchen der Weg', hierhin? dorthin?
Wo schreit' ich hinaus?
Ich erhaschte so gern' euch, ilische Fraun,
1030
Die, von Blut triefend, gemordet mich!
Ihr Unsel'gen, ihr, Dirnen vom Phrygervolk! 7
Ha, wo in die Winkel entfliehn sie, wohin,
Die Versluchten, vor mir?
Daß du das Augenlied mir, das geblendete,
1035
Das verwundete, heiltest, daß du mir das Licht,
Helios, wiedergåbst!
Ach, ach! Still, still!
Ich vernehme den heimlich schleichenden Tritt
Der verruchtesten Fraun. Wie sturz ich auf sie,
1040
Und sättige mich an Fleisch und Gebein,
Und bereite die Speise des Raubwilds mir,
Die Schmach råchend, ha!
Die Schmach meiner Schandung? Weh' über mich!
Wo irr' ich, wohin, und lasse die Sohn'
1045
Allein den Månaden des Todes zurück,
Sie zu zerfleischen, lasse sie, ein blutig Mahl, 8
Den Hunden und des Berges Wild?
Wo ruh'n, wo steh'n, wo weilen ?
Scheu, dem Meerschiffe gleich, zich ich die Seget ein,
1050
Hierher an das Lager des Todes verſtürmt,
Zu meiner Kinder Schuz,
An ihr Todesbett.
Welch grauses Leid geschah dir, Unglückseliger!
Doch furchtbar ist die Strafe, die den Frevler trifft. 9
1055
Daher, Thrakia's
Verzeihlich ist es, wenn man unerträglich Leid
Erlitt, ein Dasein enden, das so traurig ist.
Da hört von ihres Sohnes Loos die Königinn,
1110
Und mich berückt sie durch das Wort, sie wolle mir
Der Priamiden goldne Scház' in Ilion
Entdecken, führt mit meinen Kindern mich in's Zelt,
Allein, damit kein Andrer das erkundige.
Ich size mitten auf dem Bett, das Knie gebeugt,
1115
Und viele Jungfraun Ilions, zur Linken die,
Zur Rechten andre, sezten, wie zum Freunde, sich
Zu mir, betrachtend mein Gewand am Sonnenlicht,
Und lobten staunend solch Gewirk von Thrakerhand;
Noch andre sahn bewundernd auf den Thrakerspeer,
1120
Und also wurde mir entwandt mein Doppelschmuck.
Die Mütter waren, wiegten voll Verwunderung
Die Sohne schmeichelnd auf dem Arm, und ließen sie
Von Hand zu Hand gehn, daß sie fern vom Vater sein.
Und was bedunkt dich? - jezo nach den freundlichsten
1125
Gesprächen ziehn sie Dolche rasch aus ihrem Kleid,
Durchbohren mir die Kinder; andre greifen mich,
Gleich Feinden, halten Füße mir und Arme fest.
Indeß ich suchte, meinen Kindern beizustehn,
Ward ich am Haar gehalten, wenn ich mein Gesicht
1130
Emporzurichten strebte; regt' ich eine Hand,
Vermocht' ich Armer vor dem Schwarm der Weiber Nichts.
Zulezt - o Schmach, o Frevel, dem kein andrer gleicht! —
Verübten sie das Grause; sie durchbohren mir
Der Augen unglücksel'ge Stern', in ihrer Hand
1135
Die Spangen, daß es blutig stromt, entweichen dann
Durch ihr Gemach: ich, gleich dem Wilde, spring' empor,
Und seze nach den blutbefleckten Hündinnen,
Im ganzen Zelt umspürend, wie der Jägersmann,
Schlag' ein, zertrümmre. Dieses hab' ich deinethalb
1140
Erlitten, weil ich deinen Feind ermordete,
Agamemnon! Doch was dehn' ich lang die Rede noch?
Wenn Einer vor mir ehemals geschmäht die Fraun,
Wenn Einer nun sie schmåhet, oder kunstig schmäht;
Dies Alles press ich kurzgefast in dieses Wort:
1145
Solch eine Brut hegt nicht die Erde, nicht das Meer;
Das weiß ja Jeder, der mit ihr zusammenlebt.
Wohl, Agamemnon, sollte bei den Sterblichen
Die Zunge niemals mehr vermogen als die That.
Wenn Einer Gutes übte, sprech' er Gutes auch,
Und that er Boses, set die Red' unmächtig stets,
1155
Und nicht vermögend, Uebles gut zu nennen je.
Die solches gründlich lernten, nennt man weise wohl;
Doch bis zum Ende können sie nicht weise sein,
Und gehen unter; Keiner noch entfloh der Schmach.
Mit diesen Worten redet' ich bisher zu dir:
1160
Nun geh' ich wider diesen, und erwieder' ihm.
Du sagst, um Hellas nicht zu mühn in neuer Noth,
Wegen Agamemnons, habest du mein Kind entseelt.
Doch wird mit Hellas Volke, du Verruchtester,
Ein Stamm Barbaren nimmermehr befreundet sein,
1165
Und kann es niemals werden. Wem zu Gunsten denn
Bewiesest du den Eifer? Trieb ein Eidam dich,
Ein Blutsverwandter? Oder war's ein andrer Grund?
Sie möchten wiederkehrend euch der Felder Saat
Bertreten? Wo war' Einer, der das glaubte dir?
1170
Wenn du die Wahrheit sagen willst, es war das Gold,
Ja, deine Habsucht war es, die mein Kind erschlug.
Denn sonst erkläre dieses! wie, da Troja noch
Im Glücke war, noch Wall' umgaben unsre Stadt,
Mein Gatte lebte, Hektor kühn die Lanze schwang,
1175
Was hast du da nicht, war es dir um Hellas Gunst
Zu thun, den Knaben, der in deinem Hause war,
Ermordet, oder lebend zugeführt dem Heer?
Nein, als des Glückes Sonne nicht mehr lächelt' uns,
Und Rauch verkundete, daß der Feind die Stadt gewann,
1180
Erschlugst du jenen, welcher kam zu deinem Heerd?
Zudem vernimm nun, wie verrucht du noch erscheinst.
Du mußtest, warst du anders Freund der Danaër,
Das Gold, (du hast es selber sein, nicht dein, genannt) 11
Den Armen geben, die so lange Zeit bereits
1185
Auf fremder Erd' umirrten, fern vom Vaterland.
Du aber willst auch jezo nicht aus deiner Hand
Es lassen, und behältst es noch voll Troz daheim.
Ja, wenn du, wie's dir ziemte, meinen Sohn erzogst,
Und ihn erhieltest, krönte dich ein schöner Ruhm:
1190
Im Ungemache wird erprobt ein edler Freund;
In guten Tagen findet sich der Freund von selbst.
Und wenn du arm geworden, und er blüht' im Glück;
Ein großer Schaz noch wäre dir mein Knabe dann.
Nun hast du keinen Freund an ihm; verblichen ist
1195
Der Glanz des Goldes; deine Kinder sind dahin;
Du bist des Unglücks armer Sohn, - Agamemnon, dir,
Dir sag' ich: wenn du diesem hilfst, erscheinst du schlecht;
Denn keinen Frommen, Keinen, der den Freunden sich
Als treuen, biedern Freund erprobt, beschůzest du:
1200
Ja, thust du dieses, sag' ich, daß der Frevel dich
Erfreue: doch nicht schmåhen will ich meinen Herrn
Von einer Sklavinn, scheint es, weh! bin ich besiegt,
Und büßen muß ich einer viel Geringeren.
Zu dem Port, zu den Zelten, o Freundinnen, geht,
Zu versuchen der Herrn mühseligen Dienst!
Unbeugsam waltet das Schicksal.
1260