Der Menschen Liebster, Priamos!
Du Liebste, weinend seh' ich dich und deine Stadt,
925
Und deine Tochter, welche jungst im Tod erblich.
Ach!
Nichts ist im Leben sicher, nicht erhabne Macht,
Nicht, daß das Ungluck ewig flieht den Glücklichen.
Denn seine Loose, Wohl und Weh, mischt ohne Wahl
Ein Gott verwirrend, daß wir Unerfahrnen ihn
930
Verehren sollen. Doch warum beklag' ich das?
Die Klage bringt ja nie zurück, was früher war.
Du, willst du schelten, daß ich nicht erschien vor dir,
Halt' ein: im Thrakerlande fand ich ferne mich,
Als du daherkamst; eben war ich heimgekehrt,
935
Und aus der Wohnung sezt' ich schon hierher den Fuß,
Da traf mich deine Dienerinn und meldete
Die Worte, die vernehmend ich zu dir geeilt.
Hekabe.
Ich scheue, Polymestor, dir in's Angesicht
zu blicken, da mich solches Leid umfangen hålt.
940
Denn wer im Glücke mich gesehen, ich scháme mich,
Vor den in diesem Ungemach zu treten jezt;
Ich wag' es nicht, dich offnen Blickes anzusehn.
Nicht wähne deßhalb, daß ich übelwolle dir,
Polymestor; auch verbeut die Sitte ja,
945
Daß Frauen Männern offen schaun in's Angesicht.
Polymestor.
Kein Wunder ist mir's. Doch wozu bedarfst du mein?
Warum beriefst du mich daher aus meinem Haus?
Hekabe.
Zu dir und deinen Söhnen wünscht' ich gern ein Wort,
Das mich betrifft, zu reden: doch befiehl vorerst,
950
Von diesen Zelten fern zu gehn, der Dienerschaar.
Polymestor.
Geht ferne! Sicher ist es hier am stillen Ort;
Du bist mir wohlbefreundet, auch die Danaër
Sind wohlgesinnt uns. Aber nun erkläre mir:
Wie kann dem unglückselgen Freund der glückliche
955
Hülfreich sich zeigen? Gern bin ich bereit dazu.
Hekabe.
Hecuba. Euripides. Johann Jakob Christian Donner (Translator). . .