Wo war er aber, als die Stadt erobert ward?
Hekabe.
Ihn sandte, fürchtend seinen Tod, der Vater fort.
Agamemnon.
Wohin von allen seinen Kindern ihn allein?
Hekabe.
In dieses Land hier, wo er todt gefunden ward.
Agamemnon.
Zu Polymestor, welcher diesem Land gebeut?
750
Hekabe.
Ia; schnddem Golde sollt' er da der Hüter sein.
Agamemnon.
Und wer erschlug ihn, wie ereilt ihn sein Geschick?
Hekabe.
Kein Andrer that es, ihn erschlug der Thrakerfreund.
Agamemnon.
Unsel'ger! Wohl verlangt er nach des Todten Gold?
Hekabe.
Gewiß, nachdem ihm Kunde ward von Troja's Loos.
755
Agamemnon.
Wo fandest du ihn? Oder bracht' ihn irgendwer?
1
Hekabe.
Dies Mädchen fand ihn ausgestreckt am Meeresstrand.
Agamemnon.
Ihn suchend, oder that sie dort ein andres Werk?
Hekabe.
Sie ging ein Bad zu schopfen für Polyxena.
Agamemnon.
Es scheint, der Gastfreund mordet' ihn, und warf ihn weg -
760
Hekabe.
Daß ihn das Meer entfuhre: so zerfleischt' er ihn.
Agamemnon.
Elende, namenloses Leid erfuhrest du!
Hekabe.
Ich bin verloren: alles Leid erschöpft' ich, Herr!
Agamemnon.
Weh, keinem andern Weibe ward solch herbes Loos!
Hekabe.
Gewiß; das Unglück ist allein unseliger.
2
765
Doch höre nun, warum ich deine Kniee, Fürst,
Umschlinge: dünkt dir billig, was ich tragen muß,
So trag' ich's; wenn das Gegentheil, so werde du
An diesem Manne Rächer mir, dem verruchten Freund,
Der nicht die Götter drunten, noch die oberen
770
Gefürchtet, und die schwere Gråuelthat verübt:
Bei mir am Tische saß er oft, dem gastlichen;
Als Gast empfing er, was dem Freund gebührt, zuerst
3
Von unsern Freunden, alle Lieb' und alle Gunst,
Und mordet' ihn, und würdigt', als er das vollbracht,
4
775
Ihn nicht des Grabes, schleudert' ihn in's Meer hinab.
Wir freilich, wir sind Sklaven, sind unmächtig wohl;
Den Göttern aber ward die Macht, und ihr Gesez,
Es waltet mächtig; dieses lehrt sie kennen uns,
Und Recht und Unrecht stellt' es uns für's Leben fest.
780
In deine Hut gelangt' es: wenn es untergeht,
Wenn, wer den Gastfreund mordet, wer das Heiligthum
Der Götter frevelnd niedertrat, nicht büßen soll;
Dann hat im Menschenleben Nichts hinfort Bestand.
Dies denn für schändlich achtend, hege Scheu vor mir!
785
Schenk' uns Erbarmen! Wie ein Künstler ferne steht,
So sieh mich an, betrachte, was ich leiden muß.
Einst Herrinn war ich, jezo bin ich deine Magd;
Reich einst an Kindern, jezo Greisinn, kinderlos,
Ohn' Heimat, einsam, aller Frau'n unseligste. -
790
Hecuba. Euripides. Johann Jakob Christian Donner (Translator). . .