in Ausregung versetzt, da überall Zerwürfniß herrschte und die
Häupter der Volkspartei die Athener herbeizuführen strebten, die
Vornehmen aber die Lakedämonier. Und wenn sie bei Fortdauer des
-Friedens auch weder Veranlassung noch Neigung gehabt haben würden,
jene herbeizurufen, so doch jetzt, wo beide in Krieg verwickelt waren.
Und weil jede der kriegführenden Parteien, wie zur Schwächung des
Gegners so zur eigenen Verstärkung Bundesgenossen wünschte, so war
es denen, welche in den Städten Neuerungen wünschten, leicht, die
Zusendung von Hülfstruppen zu erwirken. Und in diesem Ansruhr
trafen die einzelnen Städte viele schwere Ereignisse, wie sie noch
vorkommen und immer vorkommen werden, so lange die menschliche
Natur dieselbe ist, bald härter, bald gelinder, und verschieden an Art, je
nachdem die äußeren Zufälle wechseln. Denn im Frieden und unter
bequemen Verhältnissen pflegen die Staaten sowohl wie die Bürger
vernünftigere Gesinnung zu hegen, weil die gebieterische
Nothwendigkeit sie noch nicht angefallen hat; der Krieg aber, der die gewohnte
alltägliche Gemächlichkeit entzieht, ist ein gewaltsamer Lehrmeister und
stimmt die Leidenschaften der Menge nach der jeweiligen
Beschaffenbeit der Laae.
erst später eintrat, da brachte die Kunde von dem, was anderwärts
bereits früher geschehen war, ein höheres Maß der Verderbtheit der
Gesinnung zu Wege, wie sie sich in der Verschmitztheit persönlicher
Angriffe und in unerhörter Art der Rache zeigte. Ja sogar die
gewohnte Bedeutung der Worte, wie sie zur Würdigung der Thaten
dienen, änderte man nach Belieben. Tobsüchtige Verwegenheit galt
als treufreundliche Tapferkeit; in wohlüberlegter Bedächtigkeit sah
man Beschönigung der Feigheit, und besonnenes Maßhalten erschien
als Vorwand der Unmännlichkeit, und wer überall vernünftig handeln
wollte, galt überall als schlafsüchtig; für ein Stück Männlichkeit aber
hielt man es, wenn Einer aufbrauste wie ein Wahnsinniger. Wer
vorsichtig mit sich zu Rathe gehen wollte, schien nur einen anständigen
Vorwand zu suchen, sich ganz aus der Sache zu ziehen. Wer recht
schimpfen konnte, der galt überall als ein zuverlässiger Mann, wer
ihm aber widersprach, der wurde verdächtig. Hatte Einer den Andern
listig zu Fall gebracht, so galt er für klug, für noch tüchtiger aber -
der, reicher rechtzeitig Lunte gerochen hatte. Wer aber von vorn 2
herein seine Sache so gestellt Halle, deß er nichts dergleichen bedürfte, i
von dem hieß es, er störe die Freundschaft -und fürchte die Gegner.
Ueberhauvt wurde den: Beifall geschenkt, der den: Andern zuror^m,
wenn dieser ihn: einen Sn^eich svielen sollte, und der Andere eben
dazu aufstachelte, die keine seine Rase hauen. P^arteigenoisenschasi
nxir ein engeres Band, als Verrvandtshc^st, n?ei! jene bereite: war,
rücksichtslos mitzurvagen- denn nicht zum Schirm der Gesetze wurden
dergleichen Verbindungen eingegangen, sondern zum eigenen Vortheil
aus Kosten der bestehenden Einrichtungen, und an die Eide, die sie
unter einander geleistet, banden sie sich nich: sowohl an- Scheu ro:
den: göttlichen Gesetz, als vielmehr im Beivußtsein gemeinsamer
Verbrechen.
jene etnxi in: Vortheil waren und man thaisächlich gegen sie gedeckt
wurde, aber nicht ans Vertrauen und Großmuth. Hinterher Rache
zu nehmen galt mehr als sich vorher vor Leid geschützt zu haben.
Versöhnungseide , wenn sie et^ann vorkamen, galten nur für den
Augenblick, als von beiden Seiten nur im Zwange der Umstände gegeben,
und nur so lange, als kein Zuivach- an Mach: andersn-oher kommen
r?oll:e. Wem aber die Gunst des Augenblicks zuerst mieder größeres
Vertrauen auf seine Kraft gab, der nahm, wenn er den Gegner
ungedeckt sand, gerade seines Vertrauens wegen. mit viel größerer Lust an
ihm Rache, als im offenen Kampfe, und er bedcch:e dabei nicht minder
die größere Sicherheit des Gelingens, als das Lob der Klugheit, das
ihm als Sieger durch List zu Theil würde. Lassen sich doch die
meisten Menschen viel liebe? gewiegte Schelme nennen, als gutmüthig und
einfältig, denn dieses Lobes schämen sie sich, mit jenem aber thun
sie groß.
ehrgeizigen Regiment und in Folge deisen in dem leidenschaftlichen
Eifer der Männer, die sich in die Kämpfe der Ehrsucht eingelassen
hatten. Denn die Regierungshäupler in den einzelnen Städten, und
zwar von beiden Parteien, indem sie der Sache einen schönen Hainen
gaben, jenachdem sie und der bürgerlichen Gleichheit des ganzen
Volkes, oder einer maßvollen Staatslenkung der Vornehmen den Vorzug 3
schenkten, schienen nur die Hebung des Gemeinwohls zum Preise ihres
Wettkampfs zu machen, in der That aber rangen sie nur auf jede Weise
Einer des Andern Meister zu werden, indem sie dabei die äußersten
Mittel wagten nnd sich einander mit immer empfindlicheren Strafen
belegten, die sie nicht nach der Gerechtigkeit und dem Staatsvortheil
abmaßen, sondern nach dem schadenfrohen Belieben der Parteien
bestimmten, und so waren sie immer fertig, entweder durch ungerechte
Verurtheilung mittels Abstimmung, oder durch das Uebergewicht der
Fäuste sich den Sieg zu verschaffen und so für den Augenblick ihr
Müthchen zu kühlen. Auf Furcht der Götter sah Niemand mehr,
sondern wem es gelingen mochte, durch schönllingende Worte etwas
Unerhörtes durchzusetzen, der wuchs dadurch nur an gutem Rufe. Wer
aber von den Bürgern es mit keinem Theil hielt, der wurde von
beiden tödtlich verfolgt, entweder weil sie im Kampfe nicht zu ihnen
standen, oder aus Neid, daß sie allein glücklich davon kommen sollten.
History of the Peloponnesian War. Thucydides. Adolf Wahrmund (Translator). Stuttgart. 1864.
Sponsored by University of Leipzig.
Funding provided by European Social Fund Saxony.