Euripides Iphigenia in Aulis 1098-1275

ed. Gilbert Murray

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Iphigenia in Aulis. Euripides. ed. Gilbert Murray. Oxford. 1913.

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Current edition Perseus

Ἰφιγένεια ἐν Αὐλίδι (Greek) (Euripides. Euripidis Fabulae, Vol. III. Murray, Gilbert, editor. Oxford: Clarendon Press, 1913. (Reprinted 1920-1978))

Translations (3)
Iphigenia at Aulis Perseus (Euripides. The Plays of Euripides, Vol. II. Coleridge, Edward P., translator. London: George Bell and Sons, 1891. (Modernized by Perseus.)) — 1098-1275 focus
Iphigenia in Aulis (OCR draft) Experimental (Iphigenia in Aulis. Robert Potter's English verse translation, first published in 1781–1783; text from the 1808 Oxford printing.)

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German (J. J. C. Donner, 1845; OCR review) (OCR draft) Experimental (Euripides. Deutsch in den Versmaßen der Urschrift. Volume 2, Heidelberg: C. F. Winter, 1845. Harvard OCR compared with an independent BSB copy. Native Donner verse citations, Murray reference cards, explicitly located notes and page facsimiles. Unresolved OCR, verse divisions, unlocated notes and printed errata are documented in the source review.) — 1098 focus
Ich trat heraus, nach meinem Gatten umzuspahn,
1085
Der lange fort ist und das Zelt verlassen hat.
Und drinnen schwimmt in Thränen mein unselig Kind,
Und bricht in tausend Jammerton' abwechselnd aus,
Seitdem sie weiß vom Tode, den der Vater droht.
(Agamemnon tritt auf.)
Doch, den ich eben nannte, sieh', er kommt heran, 1
1090
Dieser Agamemnon, der am eignen Kinde so
Unmenschlich frevelt, wie sich bald enthullen wird.
So hore nun! In offner Rede will ich dir
Entgegentreten, nicht versteckt in Räthseln mehr.
Erst nahmst du - dieses ruck' ich dir am ersten vor -
1135
Mich wider Willen zum Gemahl, und raubtest mich,
Nachdem du mir den frühern Gatten Tantalos 6
Erschlugst, und meinen Säugling, den du meiner Brust
Entrafft gewaltsam, auf dem Grund zerschmettertest.
Die Söhne Zeus', sie, meine Brüder, zogen dann,
1140
Auf Rossen schimmernd, wider dich zum Kampf hinaus;
Doch Tyndareus, mein grauer Vater, schirmte dich -
Du flehtest knieend - und ich wurde wieder dein.
Mit dir versöhnt nun, war ich dir und deinem Haus,
Auch du bezeugst es, eine tadellose Frau,
1145
Im Ehebette züchtig, und des Hauses Glanz
Dir mehrend, daß dich Wonne, wenn du tratſt herein,
Und Seligkeit durchzuckte, wenn du weiter gingst.
Wohl ist es selten, wenn der Mann ein solches Weib 7
Erringt; die bösen Frauen sind nichts Seltenes.
1150
Den Sohn gebar ich außer drei Jungfrauen dir,
Wovon du eine jammervoll mir rauben willst. 8
Und fragt dich wer, weshalb du diese todten willst,
Was wirst du sagen? Oder soll ich's thun für dich?
Daß Menelaos Helenen gewinne." Schön 9
1155
Der Ruhm, die Kinder opfern für ein schnodes Weib!
Mit unserm Liebsten kaufen wir das Håßlichste. 10
Sieh, wenn du fortziehst und daheim mich låssest, Herr,
Und dort die lange, lange Zeit abwesend bist:
Wie wird im Hause, glaubst du, mir zu Muthe sein,
1160
Erblick ich alle Stuhle leer, wo diese saß,
Und leer die Frauenzimmer, siz' in Thränen stets
Allein, und singe dieses Klagelied von ihr:
,, Ermordet hat dich, Tochter, der dir Leben gab,
Dein Vater selbst, kein Andrer, nicht durch fremde Hand,
1165
Und ließ für dich dem Hause solchen Lohn zurück." 11
Geringen Vorwand wahrlich nur bedarf es da
Für mich und meine Tochter, die mir blieben sind,
Dich, kehrst du heim, zu grüßen, wie du's würdig bist.
Bei allen Göttern, zwinge mich doch nicht, an dir
1170
Zur Frevlerin zu werden, noch sei du's an uns.
Wohlan!
Du wirst die Tochter opfern; dann wie betest du?
Was wirst du Gutes dir erslehn bei Kindesmord?
Schmachvolle Heimkehr, wie du schlecht vom Hause zogst?
Doch mir geziemt wohl, Gutes dir herabzuflehn? 12
1175
Traun, unverständig måsten mir die Götter dann 13
Erscheinen, wär' ich Mördern liebevoll gesinnt.
Heimkehrend druckst du deine Kinder wohl an's Herz?
Du darfst es nimmer! Welches Kind auch mochte dich
Anblicken, wenn du eines kalt ermordetest?
1180
Dies hatt' ich dir zu sagen. Oder gilt bei dir
Allein das Zepter, mußt du bloß Heerführer sein?
Dann ziemt' in Argos' Heere dir ein wackres Wort:
,, Ihr wollt, Achaer, schiffen nach dem Phrygerland?
So werft das Loos denn, wessen Tochter sterben soll. "
1185
Das wåre billig, aber nicht, daß du dein Kind
Als auserlesnes Opfer botst den Danaern.
Menelaos, ihm gilt euer Zug, er opfere
Hermione für die Mutter! Nun soll ich, die treu 14
Dein Bett bewahrte, mich beraubt des Kindes sehn,
1190
Und jene Lasterhafte wird in Sparta sich,
Heimkehrend, ihrer Tochter freun und glucklich sein!
Antworte hierauf, wenn ich unrecht redete;
Doch wenn ich wohl gesprochen, o dann wirst du nicht
Dein Kind und meines morden, wirst besonnen sein.
1195
Besåß ich Orpheus' Liedermund, o Vater, nur,
Um Felsen mir durch seine Zauber nachzuziehn,
Und, wen ich wollte, durch mein Wort zu båndigen:
1200
Versucht' ich's also. Nun besteht all meine Kunst
In Thränen, diese geb' ich; das vermag ich ja.
Statt eines Delzweigs heft' ich an dein Knie mich selbst,
Dein Kind, o Vater, welches diese dir gebar:
Nicht opfre mich in der Bluthe, (dieses Licht, es ist
1205
So suß!) noch zwinge mich zu sehn, was drunten ist!
Zuerst hab' ich dich Vater, du mich Kind genannt,
Zuerst an deine Kniee schmiegt' ich meinen Leib,
Und gab und nahm der Liebe süßen Zoll von dir.
Da pflegtest du zu sagen: Tochter, werd' ich auch 15
1210
Dich glucklich einst in eines Mannes Hause sehn,
In Lebenskraft und Bluthe, wie's mein würdig ist?
Und ich erwiedert', um das Kinn dir angeschmiegt,
An das ich flehend rühre nun mit dieser Hand:
Werd' ich den alten Vater, werd' ich dich dereinst
1215
Gastfrei bewirthend unter meinem Dache sehn,
Die Muhn vergeltend, die du pflegend mir geweiht?
Ich denke noch an diese Reden; aber du
Vergaßest Alles und bestimmst dem Tode mich.
Beim Vater Atreus, bei dem Ahn Pelops und ihr,
1220
Der Mutter, die mit Schmerzen mich geboren einst,
Nun diesen zweiten Schmerz um mich empfinden muß!
Was gehen mich denn Paris an und Helena?
Warum, e Vater, kam er, daß ich sterben muß? 16
Sieh her, o gonn' uns deinen Blick und einen Kuß,
1225
Damit ich sterbend dieses Denkmal doch von dir
Empfange, wenn dich meine Rede nicht bewegt!
Mein Bruder, zwar ein kleiner Helfer bist du nur
Den Deinen, dennoch weine mit und fleh' ihn an,
Den Vater, deine Schwester nicht zu tödten. Traun,
1230
Ein Mitgefühl der Leiden ist in Kindern auch.
O siehe! Schweigend, Vater, fleht dein Sohn zu dir;
So laß dich denn erbitten, laß mein Leben mir.
Zwei deiner Lieben flehn dich an bei deinem Kinn:
Unmündig noch ist Einer, ich, herangereift,
1235
Gedrängt in Ein Wort fass ich aller Grunde Kraft:
Dies Licht der Sonne schauen ist das Süßeste,
Der Tod so graunvoll. Rasend, wer zu sterben wunscht!
Ein traurig Leben besser, als ein schöner Tod!
Weh, Helena!
Ich kenne Mitleid, wo das Mitleid mir geziemt,
Und liebe meine Kinder; anders rast' ich ja.
Entsezlich ist mir's, diese That zu wagen, Frau,
Entsezlich, sie zu lassen; doch ich muß sie thun. 17
1245
Ihr seht des Schiffheers große hier vereinte Macht,
Der Fürsten Hellas' große Zahl im Erzgewand;
Zur Veste Troja's finden sie niemals die Bahn,
Erobern niemals Ilion's gepriesnen Siz,
So redet Kalchas, wenn ich dich nicht opfere.
1250
Ein wild Verlangen sezt' in Wuth Achaa's Heer,
Hinauszusegeln unverweilt in's Phrygerland,
Zu wehren, daß man Hellas' Fraun hinfort entführt.
Sie morden, widerstreb' ich diesem Gottesspruch,
Die Tochter mir in Argos, morden euch und mich.
1255
O Tochter, nicht Menelaos unterjochte mich,
Und nicht in seinen Willen hab' ich mich gefugt;
Nein, Hellas zwingt mich, dem ich, wollend oder nicht,
Dich opfern muß; an diesem scheitert unsre Macht. 18
Denn frei, so viel, o Tochter, du vermagst und ich,
1260
Muß Hellas werden, - nicht Barbaren unterthan,
Sich seine Frauen mit Gewalt entreißen sehn.