Ich wår' in Argos' Heere wohl der feigste Mensch,
Ich wåre Nichts und Menelaos hieß ein Mann,
935
Mich hatt' ein Unheilsdamon, nicht Pcleus, gezeugt,
Wollt' ich zum Mord dem König meinen Namen leihn.
Bei Jenem, der in feuchtem Wellengrunde wohnt,
Nereus, der Thetis Vater, welche mich gebar,
Anrühren soll Agamemnon deine Tochter nicht,
940
Nicht ihr Gewand mit seines Fingers Spize nur;
Sonst hicße Sipylos eine Stadt, dies Fleckchen im
1
Barbarenlande, wo der Feldherrn Ahn gewohnt,
Und meine Phthia wurde nirgendwo genannt!
Herb soll das Salzschrot werden und die Weiheflut
2
945
Dem Seher Kalchas! Was denn ist ein Seher auch,
Der wenig Wahres unter viel Unwahrem sagt
Im guten Falle? Trifft er fehl, ihm geht es hin.
Nicht dieser Hochzeit wegen (denn nach meiner Hand
3
Sind tausend Jungfraun lustern) hab' ich das gesagt,
950
Nein, weil der Fürst Agamemnon Schmach auf uns gehår
Erbitten mußt' er meinen Namen sich von mir,
Sein Kind hieher zu locken. Wenn die Mutter dann,
4
Sie mir zu geben vom Gemahl sich stimmen ließ,
So gab ich sie für Hellas, wenn nur so die Fahrt
955
Nach Troja möglich wurde; nicht verweigert' ich's
Dem Wohl des Volkes, das mit mir zu Felde zog.
Nun aber bin ich diesen Heergebietern Nichts;
Gleich gilt es ihnen, ob sie recht thun oder schlecht.
Bald soll das Schwert entscheiden, das ich råthen will
960
Mit Blut, des Mordes Flecken, eh's nach Troja kommt,
Wenn deine Tochter Einer mir entreißen will.
5
Doch ruhig! Sichtbar kam ich dir ein starker Gott;
Und bin ich kein Gott, werd' ich doch für dich es sein.
Chor.
O Sohn des Peleus, würdig sprachst du deiner und
965
Der hohen Göttin, die gebeut im Meeresschooß.
Klytamnestra.
Wie lobt dich meine Rede nicht zu sehr und nicht
Zu spårlich, daß du deine Huld mir nicht entziehst?
Denn edlen Männern, die man lobt, sind Lobende
Wohl gar zuwider, wenn sie loben ohne Maß.
970
Auch trag' ich Scheu, den Jammer, der nur mich berührt,
Dir vorzuklagen, dem ja fremd mein Leiden ist.
Doch ziemt's dem wackern Manne wohl, des Leidenden
Sich anzunehmen, wenn er ihm auch ferne steht.
So fühle Mitleid; wohl bin ich mitleidenswerth:
975
Dich Sohn zu nennen wähnt' ich erst, und tauschte mich
Mit leerer Hoffnung; dann vielleicht auch schreckt dir einst
Mit schwarzer Vorbedeutung mein gemordet Kind
Dein kunstig Hochzeitbette: davor hute dich!
Nein, schon beginnend sprachst du, schon auch endige!
6
980
Du darfst nur wollen, und gerettet ist mein Kind.
Iphigenia in Aulis. Euripides. Johann Jakob Christian Donner (Translator). . .