Euripides Iphigenia in Tauris 236-391

ed. Gilbert Murray

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Iphigenia in Tauris. Euripides. ed. Gilbert Murray. Oxford. 1913.

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Current edition Perseus

Ἰφιγένεια ἐν Ταύροις (Greek) (Euripides. Euripidis Fabulae, Vol. II. Murray, Gilbert, editor. Oxford: Clarendon Press, 1913. (Reprinted 1921-1962))

Translations (3)
Iphigenia Among the Tauri Perseus (Euripides. The Plays of Euripides, Vol. II. Coleridge, Edward P., translator. London: George Bell and Sons, 1891. (Modernized by Perseus.)) — 236-390 focus
Iphigenia in Tauris (OCR draft) Experimental (Iphigenia in Tauris. Robert Potter's English verse translation, first published in 1781–1783; text from the 1808 Oxford printing.)

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German (J. J. C. Donner, 1845; OCR review) (OCR draft) Experimental (Euripides. Deutsch in den Versmaßen der Urschrift. Volume 2, Heidelberg: C. F. Winter, 1845. Harvard OCR compared with an independent BSB copy. Native Donner verse citations, Murray reference cards, explicitly located notes and page facsimiles. Unresolved OCR, verse divisions, unlocated notes and printed errata are documented in the source review.) — 236 focus
Sieh da, vom Meergestade kommt ein Rinderhirt
Heran, dir etwas Neues anzukündigen.
225
Wir trieben unsrer Rinder walddurchweidend Volk
In's Meer hinab, das durch die Symplegaden rauscht;
Da fand, von stetem Wogenschlag durchbrochen, sich
250
Ein hohler Fels, der Purpurfischer Aufenthalt.
Hier sah ein Hirte, der mit uns am Ufer stand,
Ein Junglingspaar; er wandte seinen Schritt zurück,
Auf hohen Zehenspizen ihn beschleunigend,
Und rief den Andern: „Seht ihr nicht? Unsterbliche
255
Sind hier gelagert!" Und ein frommer Mann von uns
Erhob die Hånde betend, als er sie gewahrt:
„O Sohn der Meeresherrscherin Leukothea,
Seegott Palamon, Schiffeshort, sei gnädig uns,
Auch ihr, o Dioskuren, wenn ihr weilt am Strand,
260
Und ihr, des Nereus Töchter, der mit Doris einst
Der fünfzig Nereïden edeln Chor gezeugt!"
Ein Andrer, eitel trozig voll Ruchlosigkeit,
Dies Flehn verhöhnend, meinte, daß Schiffbrüchige
In jener Schlucht sich bårgen, die von unserm Brauch
265
Gehört mit Schrecken, daß wir Fremde schlachteten.
Sein Wort gefiel den Meisten, und wir eilten schon,
Ihr üblich Opfer unsrer Königin zu fahn;
Da tritt der eine Fremdling rasch vom Felsen her,
Bleibt stehn, und schittelt wild das Haupt hinab, hinauf,
270
Und Arm' und Hände zittern ihm, er stöhnt und seufzt,
Und schreit, von Wahnsinn umgestürmt, dem Jäger gleich:
„Erblickst du die da, Pylades? Gewahrst du nicht
Die dort, des Hades Schlange, die mich morden will,
Mit grausen Nattern wider mich zornvoll bewehrt?
275
Und Jene, schnaubend Glut und Mord, mit Flügeln am
Gewande, rudert, meine Mutter hoch im Arm,
Auf mich herabzuschmettern einen Felsenberg.
Sie wird mich todten! Wie entfliehn?" Man konnte Nichts
Von diesen Graungestalten sehn; er achtete
280
Der Rinder Brillen und der Hunde dumpf Geheul
Für Laute, die der Eumeniden Zung' entströmt.
Wir, uns zusammenschmiegend, wie von Furcht betaubt,
Verharrten ruhig. Aber er entbloßt das Schwert,
Sturzt auf die Rinder mitten los, dem Lowen gleich,
285
Und haut mit Stahl in die Weichen, sturmt in die Seiten ein,
Als wehr' er so der Eumeniden Wuth sich ab,
Daß hoch das Meer von rothem Blutschaum überwallt.
Und nun bewaffnet jeder Mann zum Streite sich,
Sobald er stürzen unsre Heerd' und sterben sieht,
290
Und blåst die Muscheln und beruft des Landes Volk; 3
Denn wider wohlgenährte, junge Fremdlinge
Erschienen Rinderhirten allzuschwach im Kampf. 4
Und unser viele wurden wir in kurzer Zeit.
Da stürzt der Fremdling nieder, frei der tollen Wuth,
295
Sein Kinn von Schaume triefend. Als wir so nach Wunsch
- Ihn liegen sahen, mühte sich ein Jeder ab
Mit Wurf und Stoße. Doch der Andre, sein Genoß,
Wischt ihm den Schaum ab, und bemüht sich viel um ihn,
Und hullt in seiner Mäntel schön Geweb' ihn ein,
300
Und merkt auf alle Wunden, die dem Freunde drohn,
Und nimmt mit jedem Dienste sich des Theuren an.
Nun rafft der Fremdling, wieder sein bewußt, sich auf,
Erkennt die Feindeswoge, die heran sich wålzt,
Das Ungewitter, das so nah' um beide schwebt,
305
Und stöhnt; wir Andern warfen Stein' ohn' Unterlaß,
Und hier und dort, auf allen Seiten drångten wir.
Da drohnt der grausenvolle Ruf in unser Ohr:
,,Wir sterben, Pylades; aber laß den schönsten Tod
Uns sterben! Mir nach, in der Hand das Schwert gezickt!"
310
Und als wir zwei geschwungne Feindesschwerter sahn:
Durch felsig Waldthal stürzten wir in jåher Flucht.
Doch, floh der Eine, drang ein Andrer rasch herbei,
Die Fremden werfend; wann sie den zurückgedrängt,
So warf mit Steinen wiederum, wer nun entwich.
315
Doch war es ganz unglaublich, daß von tausenden
Nicht Eine Hand der hohen Göttin Opfer traf.
Kaum konnten wir sie zwingen, nicht durch Tapferkeit;
Sie rings im Kreis umschließend, schlugen wir die Wehr
Aus ihrer Hand mit Steinen, und ermattet sank
320
Ihr Knie zur Erde. Wir geleiten sie darauf
Zum Landesherrscher. Dieser sieht und sendet sie
Sofort zum heiligen Wasser und als Opfer dir.
Doch flehe, Jungfrau, daß es dir an Solchen nie
Zum Opfer mangle; wenn du solche Fremdlinge
325
Hinschlachtest, dann büßt Hellas deinen Opfertod,
Und zahlt die Strafe deines Falls in Aulis' Bucht.
Wohlan; so geh' und hole mir die Fremdlinge.
330
Was unser Amt uns hier gebeut, vollbringen wir.
Mein armes Herz, du warest immerdar zuvor
Sanftmüthig gegen Fremdling' und erbarmenvoll,
Und brachtest Stammverwandten gern der Thrane Zol,
So oft ein Mann Achia's fiel in deine Hand!
335
Nun, nach dem Traumbild, das mich schreckt' in wilder Angst,
Als weil' Orestes nimmermehr im Sonnenlicht,
Sollt ihr mich grausam finden, wer mir immer naht!
Und ewig wahr bleibt dieses: (ich erfuhr's, o Fraun :) 5
Der, den das Ungluck beugte, pflegt dem Glücklichern,
340
Weil ihn das Glück verlassen, niemals hold zu sein.
Doch nie bis diese Stunde kam ein Wind von Zeus,
Kein Segel, das der Symplegaden Fels hindurch
Hierher die Helena trüge, die mich mordete,
Und den Menelaos, daß ich ihn bestraft' und sie,
345
Daß dieses Aulis lohnte für das dortige,
Wo mich die Danaïden, einer Fårse gleich,
Zum Opfer schleppten; Priester war mein Vater selbst!
Weh! Dieser Leiden bange Zeit vergess ich nie,
Wie oft zu meines Vaters Kinn ich flehentlich
350
Die Hånd' emporwarf, und an seinen Knieen hing,
Und rief: „o Vater, einem unglückseligen
Brautfest entgegen führst du mich; du tödtest mich,
Indessen meine Mutter und Mykene's Fraun
Hochzeitsgesång' anstimmen, und das ganze Haus
355
Erschallt von Flöten; aber uns gibst du den Tod!
So war es Hades, den du mir zum Gatten gibst, 6
Und nicht Achilleus, Thetis' Sohn; zu blutigem
Brautfeste hat mich dein Gespann durch Trug entführt!"
Ich hullt' in zarte Schleier mir das Aug', und nicht
360
Umfing ich meinen Bruder mehr mit diesem Arm, 7
Den nun verblichnen, küßte nicht der Schwester Mund, 8
Aus Scham; zu Peleus' Hause wähnt' ich fortzuziehn, 9
Und viele Zärtlichkeiten schob ich hoffend auf,
Als kehrt' ich einmal wieder heim in Argos' Land.
365
O wenn du starbst, Orestes, ach! von welchem Glanz
Des Vaterhauses schiedest du, von welchem Glück!
Doch unsre Gittin tadl' ich ob des Widersinns,
Sie, die den Mann, der eines Andern Blut vergoß,
Der Leichen anruhrt' oder Neugeborenes,
370
Ausschließt von ihren Tempeln, ihm als Frevler zürnt,
Und selbst der Menschenopfer sich, des Mordes freut.
Nein, nimmermehr hat Leto solchen Unverstand
Erzeugt, Kronions hohe Braut. Ich acht' es auch 10
Als eitle Fabel, jenes Mahl des Tantalos, 11
375
Daß Götter sich an seines Sohnes Fleisch ergözt,
Wie dieses Volk hier, weil es selbst nach Blute giert,
Wohl eigne Schuld auf unsre Gottheit übertrågt;
Denn kein unsterblich Wesen dünkt mich båser Art.
Erste Strophe.