Er übte schwere Thaten, schwer auch bust' er dir
945
Und deinem Bruder: denn des Rechtes Macht ist groß.
Orestes.
Wohlan, den Leichnam, Diener, tragt in's Haus hinein,
Und huut ihn ein in Dunkel, daß die Mutter, wann
Sie kommt, den Todten nicht erblickt, bevor sie stirbt!
Elektra.
Halt ein! An Andres werde nun von uns gedacht!
950
Orestes.
Wie? Siehst du Helfer etwa, die von Argos nah'n?
Elektra.
Nein; nur die Mutter seh' ich, die mich einst gebar.
Orestes.
So geht sie glucklich mitten in das Nez hinein!
Elektra.
Und prangt dabei im Wagen, prangt in stolzem Kleid.
Orestes.
Was also thun wir? Wagen wir den Muttermord?
955
Elektra.
Erbarmt dich denn der Mutter, nun du sie gesehn?
Weh!
Orestes.
Sie soll ich morden, die mich aufzog und gebar?
Elektra.
So wie sie selbst den Vater dir und mir erschlug.
Orestes.
Welch Wort des Wahnes, Phobos, scholl aus deinem Mund -
Elektra.
Doch, ist Apollon thoricht, wer ist weise dann?
960
Orestes.
Das mir den Mord der Mutter (welchen Graul!) gebot!
Elektra.
Wie kann's dir schaden, wenn du deinen Vater råchst?
Orestes.
Einst schuldlos, werd' ich schuldig sein des Muttermords.
Elektra.
Und rächst du nicht den Vater, fehlst du deiner Pflicht.
Orestes.
Doch bus' ich dann der Mutter, geb' ich ihr den Tod.
965
Elektra.
Wem aber wirst du büßen, bleibt er ungericht?
Orestes.
Ein böser Geist wohl sprach es, der dem Gotte glich.
Elektra.
Auf heiligem Dreifuß sizend? Nein, das glaub' ich nicht.
Orestes.
Doch glaub' ich auch nicht, daß der Spruch wahrhaftig sei.
Elektra.
In feigen Unmuth sinke nicht, verzage nicht!
970
Orestes.
So soll ich sie verstricken durch denselben Trug?
Elektra.
Womit Vegisthos, ihr Gemahl, durch dich erlag.
Orestes.
Ich geh' hinein denn, schicke mich zu grausem Werk,
Will thun das Grause: wenn's den Göttern so gefällt,
So sei es! Süß und bitter ist der Kampf für mich.
975
(er geht in's Haus.)
Der Chor.
Electra. Euripides. Johann Jakob Christian Donner (Translator). . .