Euripides Ion 1106-1620

Edward P. Coleridge (Translator)

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Ion. Euripides. Edward P. Coleridge (Translator). London. 1906.

Sponsored by Perseus Project, Tufts University.

Current edition Perseus

Ion (English) (Euripides. The Plays of Euripides, Vol. I. Coleridge, Edward P., translator. London: George Bell and Sons, 1906.)

Editions (4)
Ἴων Perseus (Euripides. Euripidis Fabulae, Vol. II. Murray, Gilbert, editor. Oxford: Clarendon Press, 1913. (Reprinted 1921-1962)) — 1106-1622 focus
Ion, Greek text (M. A. Bayfield, 1924) (OCR draft) Experimental (The Greek text and dramatic structure of M. A. Bayfield's second edition of 1924 (first edition 1889), aligned by line to the Murray reference edition.)

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Ion, Greek text (A. W. Verrall, 1890) (OCR draft) Experimental (The Greek text and dramatic structure of A. W. Verrall's 1890 edition, aligned by line to the Murray reference edition.)

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Ion, Greek text (Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff, 1926) (OCR draft) Experimental (Wilamowitz's 1926 Greek edition with its critical apparatus, aligned by line to the Murray reference edition.)

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Translations (3)
Ion (OCR draft) Experimental (Ion. Robert Potter's English verse translation, first published in 1781–1783; text from the 1808 Oxford printing.)

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Ion, English translation (A. W. Verrall, 1890) (OCR draft) Experimental (A. W. Verrall's English verse translation, passage-aligned to the Murray reference edition.)

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German (J. J. C. Donner, 1852; OCR review) (OCR draft) Experimental (Euripides. Deutsch in den Versmaßen der Urschrift. Volume 3, Heidelberg: C. F. Winter, 1852. Harvard OCR compared with an independent BSB copy. Native Donner verse citations, Murray reference cards, explicitly located notes and page facsimiles. Unresolved OCR, verse divisions, unlocated notes and printed errata are documented in the source review.) — 1106 focus
Ihr lieben Frau'n, wo treff' ich unsre Königin, 1
1085
Erechthens Tochter? Ueberall die ganze Stadt
Durchirrend sucht' ich ihre Spur und fand sie nicht.
Er nimmt die Kinder und enteilt; der Jungling låßt
Des Zeltes Umkreis ohne Wand in edlem Maß
Auf Pfeilern hoch aufrichten, doch der Sonnenglut 5
Vorsichtig wehrend, so des Mittags heißem Strahl,
Wie jenem, wo der Sonne sinkend Leben flieht.
1115
Er maß ein Viereck winkelrecht, von hundert Fuß
Auf allen Seiten, und der Mittelraum umschloß,
Wie Kenner sagen, im Geviert zehntausend Fuß,
Weil Jon alles Delphervolk zum Mahle lud.
Dann nimmt er heil'ge Weberei'n aus Phobos' Schaz, 6
1120
Und überdeckt (o wunderbare Schau!) das Zelt.
Erst auf die Decke breitet er den Flügel aus
Des Teppichs, eine Gabe, die Herakles einst,
Zeus' Sohn, vom Amazonenraub dem Gott geweiht.
Darauf mit Farben eingewebt war dieses Bild:
1125
Uranos, die Sterne sammelnd aus des Aethers Kreis.
Zur lezten Bahn trieb sein Gespann der Sonnengott,
Und zog des Abendsternes lichten Glanz sich nach.
Die Nacht in schwarzem Schleier schwang ihr Zweigespann
An leichtem Bande: hinter ihr der Sterne Chor; 7
1130
Die Pleias wallte mitten durch den Aether hin, 8
Und, schwertgegürtet, Orion, und über ihm 9
Die Bårin, die den goldnen Schweif zum Pole kehrt. 10
Selene's volle Scheibe schwang sich hoch empor,
Die Monde theilend, auch die Hyas, Schiffenden
1135
Der Stürme sichres Zeichen, dann die leuchtende
Eos, die Sterne scheuchend. An den Wänden hing
Er andre Webereien auf: barbarische
Meerschiffe, wohlberudert, mit hellenischen
Im Kampfe, Iåger hoch zu Roß, halbthierische
1140
Kentauren, ungezähmter Leu'n und Hirsche Fang.
Zulezt am Eingang windet sich, den Töchtern nah,
Kekrops in Schlangenkreisen, eines Attikers 11
Geschenk. In Saales Mitte ließ er goldene
Mischkrüge stellen. Nun erhob sich auf den Zeh'n
1145
Und lud ein Herold alles Volk der Delpher ein,
Zum Mahl zu kommen. Wie der Saal sich angefullt:
Da, schmucke Kranz' im Haare, labten sie das Herz
Un reicher Tafel. Als die Lust gesättigt war,
Da tritt der Alte mitten auf des Zeltes Plan,
1150
Und regt im Kreis der Gåste viel Gelächter auf
Durch sein geschäftig Wesen; denn Handwasser gießt
Er aus den Urnen und entflammt der Myrrhe Schweiß,
Den Saal durchrauchernd, und besorgt der Schenken Amt
Bei goldnen Bechern, das er selbst sich ausgelegt.
1155
Drauf als die Flåten klangen und der Rundpokal 12
Umging, begann der Alte: „schaffet ungesäumt
Hinweg die kleinen Becher und die großen bringt:
So zieht die Freude rascher ein in jede Brust!"
Da mühten sich die Knechte, brachten silberne
1160
Und goldne Becher, und den schönsten nimmt der Greis,
Damit er wohlgefällig sei dem neuen Herrn,
Und reicht den vollen Weinpokal, in welchen er
Schnellwirkend Gift geworfen, das, den neuen Sohn
Damit zu todten, sagt man, ihm die Herrin gab.
1165
Das wußte Niemand. Als der neugefundne Sohn
Trankopfer spenden wollte mit den Anderen:
Da scholl aus eines Dieners Mund ein arges Wort.
Er, der bei wackern Sehern groß im Tempel ward,
Nahm dies als Ungluckzeichen, ließ den Becher sich
1170
Mit neuem Weine fullen, und den ersten Trunk
Der Erde weihend, heißt er all' ein Gleiches thun. 13
Nun herrschte Schweigen, und mit Wasser füllten wir
- Geweihte Becher und mit Trank von Biblos' Höhn. 14
Indeß wir solches thaten, flog ein Taubenschwarm
1175
Zum Belt heran: denn ungefährdet wohnen sie
Am Haus Apollons. Als sie nun den Wein gesprengt:
Da tauchten jene voller Gier die Schnabel ein, 15
Und schlurften ihn den federreichen Hals hinab.
Nicht schlecht bekam den andern dieser Gottestrank; 16
1180
Nur Eine, die am Size, wo der neue Sohn
Gesprengt, vom Tranke nippte, schittelt sich sofort
Am Flugelleibe, ſchwirrt umher wie toll, und achzt
Und stöhnt in dumpfen Lauten; voll Entsezen sieht
Der Eingeladnen ganze Schaar des Vogels Qual.
1185
Er zappelt fort, senkt schlaff die Purpurfuße dann,
Und stirbt. Der gottgeschenkte Sohn streckt über Tisch
Den bloßen Arm aus seinem Oberkleide vor,
Lautrufend: „Wer auf Erden wollte meinen Tod?
Sprich, Alter: du ja thatest so geschäftig hier,
1190
Und deine Hand hat diesen Becher mir gereicht!"
Schnell faßt er seinen greisen Arm und forscht ihn aus,
Ihn darzustellen als ertappt auf solcher That.
Und überführt, bekennt er nothgedrungen kaum
Kreusens Unthat und des Tranks Geheimnisse.
1195
Da stürmt der Jungling, den Apollons Spruch enthullt,
Mit seinen Tischgenossen unverweilt hinaus,
Und tritt vor Pytho's Häupter hin, und spricht das Wort:
„O Erde, heil'ge, sterben sollten wir durch Gift, 17
Das uns Erechtheus' Tochter bot, ein fremdes Weib!"
1200
Die Fürsten Delphi's sezten dann einhellig fest,
Daß meine Herrin sterben soll vom Fels gestürzt,
Weil sie den Heil'gen todten, Mord in Phobos' Haus
Verüben wollte. Nach der Unheilvollen, die
Den Todespfad hereilte, spåht die ganze Stadt.
1205
Sie, die zu Phobos' Hause kam, nach einem Sohn
Verlangend, büßt ihr Leben sammt der Hoffnung ein. 18
Keine Schuzwehr wider den Tod
Blieb mir, keine mir Armen!
Nun kam Alles zu Tage, nun,
1210
Durch todbringenden Trank bacchischer Trauben, dem 19
Sich die Tropfen vermählt, gråßlicher Schlange Gift!
Ja, dies Opfer der Höllen ist,
Meinem Leben ein Leid, enthult:
Tod der Steinigung bringt es meiner Herrin!
1215
Welche beschwingte Flucht entführt
Mich in der Erde düstersten Schooß,
Daß ich fliehe das schmachvolle Geschick,
Das mich bedroht? Soll ich dem schnellsten
Huse des Vierspanns oder des Schiff's
1220
Eilendem Kiel mich vertrauen?
Wie verbergen wir uns, wenn ein gnådiger Gott
Nicht selbst uns entrafft?
Was wartet auf dich Herzkrankendes noch,
Ungluckliche Herrin? Sollen nicht wir,
1225
Die den Andern ein Leid zu bereiten gedacht,
Nun selbst es erdulden, wie's recht ist?
Kreusa stürzt herbei. Der Chor.
Dienerinnen, mich verfolgt man, blut'gem Tode mich zu weihn:
Delphi's Ausspruch hat gerichtet, gibt mich grausem Morde
O Stiergestalt des Kephissos, dem dies Weib entsproß,
Welch eine Natter zeugtest du, welch Drachenbild, 20
1240
Das aus den Augen Mordesflammen språht, in ihr,
Die, keinen Frevel scheuend, selbst der Gorgo nicht
Nachsteht, mit deren Gifte sie mich morden will!
Ergreift sie, daß ihr ungeschornes Lockenhaar
Parnassos' Fels zerrause, wann in jåhem Sturz
1245
Sie dort die Klipp' hinabgeschleudert werden wird!
Wohl schirmten gute Götter mich, bevor zur Stadt
Athen ich kam, in solcher Mutter Hånde fiel.
Denn hier an deinen Helfern konnt' ich deinen Sinn
Ermessen, welch ein feindlich Unheil du mir warst.
1250
In deinem Hause håttest du mich flugs umfaßt,
Und ohne Säumen fortgesandt in Hades' Haus.
Doch nicht Apollons Opferherd noch Tempel foll
Dich retten. Mitleid hoffst du? Mir gebührt es mehr
Und meiner Mutter; ob ihr Leib auch ferne sei,
1255
Doch immer gegenwärtig ist ihr Name mir.
O seht die Schnode, welchen Trug aus Truge sie
Geflochten! Scheu zu Phobos' Altar flüchtet sie,
Als müßte sie nicht bußen, was sie frevelte.
Mich hier zu todten wehr' ich dir in meinem und
1260
Des Gottes Namen, dessen Herd wir zugeflohn.
Halt ein, o Sohn! Den gottbetrauten Seherstuhl
Verlassend, überschreit' ich diese Schranken hier,
Apolls Prophetin, die des Stuhles alten Brauch
1300
Zu wahren, ausersehen ward aus Delphi's Frau'n.
Ach! Heiß aus meinen Augen stromt die Zahre mir,
Gedenk' ich dessen, wie die Mutter mich, die Frucht
Verborgner Liebe, heimlich ausgesezt, verkauft,
Und nicht die Brust mir reichte, daß ich namenlos
1350
Ein dienstbar Leben führte hier im Gotteshaus!
Des Gottes Nath ist heilsam, nur das Schicksal spielt
Grausam mit uns; denn während ich im Mutterarm
Mich wiegend schwelgen sollte, mich des Lebens freun,
War mir der Mutter süße Lieb' und Pflege fern.
1355
Unglucklich auch die Mutter, daß sie gleiches Leid
Erlitt: des Sohnes durfte sie sich nicht erfreun!
Plun nehm' ich dieses Körbchen, will's dem Gotte weihn,
Um nie zu finden, was ich nicht gern finden mag.
Denn bin ich einer Sclavin Sohn: viel besser dann,
1360
Die Mutter schweigend lassen, als sie wiedersehn!
O Phobos, deinem Tempel will ich dieses weihn.
Doch was beginn' ich? Kampf' ich nicht des Gottes Huld
Entgegen, der die Mutterspuren mir bewahrt?
Geoffnet muß es werden: sei's muthvoll gewagt!
1365
Denn meinem Schicksal mag ich doch niemals entfliehn. 25
Ihr heil'gen Kranze, was verbergt ihr euch vor mir,
Ihr Bånder, die bewahrten, was mein Liebstes ist?
Sich da den Umkreis dieses schongeflochtnen Korbs:
Ein Götterschicksal, daß er nicht gealtert ist!
1370
Kein Kost bedeckt die Flechten, da doch lange Zeit
Entschwunden, seit das Körbchen diesen Schaz bewahrt!
Welch unverhofft Gebilde tritt vor meinen Blick?
O Mutter, freudig schau' ich dich, Geliebteste,
1415
Und sink' an deine Wange dir, der Freudigen.
O Mutter, auch mein Vater soll zugegen sein 33
Und dies Entzücken theilen, das ich euch erschuf.
Es moge keinem kein Geschick auf Erden je
Unglaublich dünken, wenn er sieht, was hier geschah!
Fleuch nicht! Es ist ja keine Feindin, die du fliehst,
Nein, hier, wie dort in Atthis, eure Gönnerin. 42
1530
Den Namen tragend deiner Stadt, erschien ich hier,
Pallas, von Phobos hergeeilt in raschem Lauf,
Der selbst vor euer Auge sich zu treten scheut,
Damit ihr ihn nicht tadelnd an Vergangnes mahnt,
Und mich gesendet, um das Wort euch kundzuthun,
1535
Daß dieses Weib dem Vater Phobos dich gebar,
Und er dich jenem schenkte, der dich nicht gezeugt,
Nur daß ein hohes Fürstenhaus dein Erbe sei.
Doch als die Sache völlig kund und offen war:
Besorgt, du müssest sterben durch der Mutter List
1540
Und sie von deinen Hånden, schritt er rettend ein.
Der Fürst Apollon wollte, dies verheimlichend,
Erst in Athen enthullen, daß sie Deine sei
Und du von ihr entsprossen und aus Phobos' Blut,
Doch um die Sache, der zulieb' ich mein Gespann
1545
Anschirrt', und Phobos' Gotteswort zu enden, hort!
Nimm diesen Jungling, kehre heim zum Land Athens,
Kreusa, sez' ihn auf den Thron der Könige;
Denn weil der Jungling aus Erechtheus' Blut entsproß,
So herrscht er billig über mein geliebtes Land.
1550
Ganz Hellas wird ihn feiern; denn das Doppelpaar
Der Söhne, das aus Einer Wurzel stammt, von ihm,
Wird dieses Landes Stammen einst den Namen leih'n
Und seinem Volke, welches wohnt um meinen Fels.
Der erste Stamm ist Geleon's; an diesen reih'n 43
1555
Hopleten sich, Argaden, Vegikorer an,
Genannt von meiner Aegis. Die von diesen dann
Geboren werden, wohnen, wann die Zeit erschien,
Dereinst in Inselstädten der Kykladen und
An Meergestaden, und verleihen meinem Land
1560
Die Macht; sie werden auf den zwei Festlanden, die
Sich gegenüberliegen, ihr Gefilde baun,
In Asien und Europa, dann von dir, o Sohn,
Sich Joner nennend, leben in des Ruhmes Glanz.
Kreusa, dir und Xuthos werden Söhne noch
1565
Erbluhen: Doros; er verherrlicht einst den Staat
Der Dorer: Pelops' Insel wählt der andre sich,
Achaos, der bei Nhion auf dem Meeresstrand 44
Als Herrscher waltet, und das Volk, nach ihm genannt,
Wird hoch sich rühmen, daß es seinen Namen trågt.
1570
Schon hat Apollon Alles so vollendet: er
Entband dich schmerzlos, und die Deinen wußten's nicht.
Dann als du den geboren und in Windeln ihn
Gelegt, befahl er Hermes, auf den Arm sofort
Das Kind zu raffen und hieher zu tragen, wo
1575
Er seiner wartet und es nicht verschmachten ließ.
Doch nun verschweige, daß du seine Mutter bist,
Damit sich Xuthos freuen mag des süßen Wahns,
Und du mit deinem Glucke froh heimziehst, o Frau ! ! 45
Lebt wohl! Nachdem ihr euch erholt aus diesen Muh'n,
1580
Verheiß' ich euch ein hochbeglucktes Erdenloos.
Tochter Zeus', des großen, Pallas! Voll Vertrau'n empfingen wir,
Was du sagst, und gerne glaub' ich, daß Apollon mich gezeugt,
Diese mich geboren, was ich schon zuvor für möglich hielt.

Notes on the current edition

Ion

1. This line is assigned to Ion in the Greek.
2. This line is assigned to Creusa in the Greek.