Wer bist du? Selig preis' ich sie, die dich gebar.
Jon.
Des Gottes Diener heiß' ich, Frau, und bin es auch.
Kreusa.
Geweiht von Delphern, oder irgendwo gekauft?
1
Jon.
Nur Eines weiß ich, daß ich Phobos eigen bin.
Kreusa.
So muß ich dich bedauern, wie du mich, o Freund.
310
Jon.
Weil mir geheim blieb, welcher Aeltern Sohn ich sei.
Kreusa.
Du wohnst im Tempel, oder sonst in einem Haus?
Ion.
Des Gottes Haus ist meines, wo mich Schlaf befällt.
Kreusa.
Du kamst als Jungling oder schon als Kind hieher?
Jon.
Als Kind, behauptet Mancher, der's zu wissen meint.
315
Kreusa.
A
Und hat dich eine Delpherin mit Milch genährt?
Jon.
Nie sah ich Frauenbruste; doch, die mich erzog,
Kreusa.
Wer war es, Armer? (Leidend fand ich andres Leid!)
Jon.
Die Seherin des Phobos gilt als Mutter mir.
Kreusa.
Von wem gepflegt denn wuchsest du zum Mann heran?
320
Jon.
Von Phobos' Herd, von Pilgern, die hiehergelangt.
Kreusa,
Unglucklich deine Mutter, wer sie immer war!
Jon.
Wohl gab der Fehltritt einer Frau das Leben mir.
Kreusa.
Doch hast du Mittel? Dein Gewand ist reich bestellt.
Jon.
Uns schmuckt des Gottes Habe, dem wir dienen hier.
325
Kreusa.
Nach deinen Veltern gingst du nie zu spåhen aus?
Jon.
Mir fehlt's an allen Spuren, sie zu finden, Frau.
Weh!
Kreusa.
Was deine Mutter, duldet auch ein andres Weib.
Jon.
Wer? Theilt sie meinen Kummer, soll mir's Freude sein.
Kreusa.
Um ihretwillen kam ich eh' als mein Gemahl.
330
Jon.
Wonach verlangst du? Denn ich will dir helfen, Frau.
Kreusa.
Geheime Spruche wunsch' ich mir aus Phobos' Mund.
Jon.
Sprich immer; ich vermittle dann das Uebrige.
Kreusa.
So hore, was ich sage; doch
Jon.
ich schame mich.
Dann wirst du Nichts ausrichten; denn tråg ist die Scham.
335
Kreusa.
Apollon, sagt die Freundin, hab' ihr beigewohnt.
Jon.
Dem Menschenweib Apollon? Frau, so rede nicht!
Kreusa.
Geheim dem Vater, schenkte sie ihm einen Sohn.
Jon.
Nicht so! Sie schämt sich dessen, was ein Mensch verbrach.
Kreusa.
Die Schmach, von der sie redet, widerfuhr ihr auch.
340
Jon.
Durch welche Handlung, wenn ein Gott sich ihr gesellt?
Kreusa.
Sie sezt' ihn aus, den Knaben, dem sie Mutter war.
Jon.
Wo weilt der Säugling? Athmet er im Sonnenlicht?
Kreusa.
Das weiß kein Mensch: dies eben frag' ich hier den Gott.
Ion.
Und, lebt er nicht mehr, wie ereilt' ihn sein Geschick?
345
Kreusa.
Ein Thier der Wildnis tödtet' ihn, so fürchtet sie.
Jon.
Auf welche Zeichen bauend hat sie das erkannt?
Kreusa.
Sie fand ihn nicht mehr, wo sie kaum ihn ausgesezt.
Jon.
Und war ein Tropfen Blutes auf dem Weg zu sehn?
Kreusa.
Sie laugnet's; oft zwar spåhte sie am Boden um.
350
Jon.
Wie lange Zeit her ist es, daß das Kind verschwand?
Kreusa.
Dir würd' es, wenn's noch lebte, gleich an Jahren sein.
Jon.
Der Gott war grausam gegen sie: das arme Weib!
Kreusa.
Ion. Euripides. Johann Jakob Christian Donner (Translator). . .