O Mutter, freudig schau' ich dich, Geliebteste,
1415
Und sink' an deine Wange dir, der Freudigen.
Kreusa.
Sohn, Licht, der Mutter holder als der Sonne Licht,
(Der Gott vergibt mir's!) in den Armen halt' ich dich,
1
Den unverhofft Gesundenen, den ich im Haus
Persephone's wähnt', in der Erd' Abgrund, bei den Schatten!
1420
Jon.
Ia wohl, du liebe traute Mutter, traum' ich mir
Bald todt in deinen Armen, bald nichttodt zu sein.
Kreusa.
O du weithin frei wallendes Himmelslicht!
Ha, welch hellen Laut ton' ich, jubl' ich?
Woher ward mir die nimmergehoffte
1425
Seligkeit, woher mir diese Lust?
Jon.
Ich hatte mir doch Alles eher möglich noch
Gedacht als dieses, daß ich dein, o Mutter, sei.
Kreusa.
Von Furcht beb' ich noch
Jon.
Als ob du mich nicht hattest?
1430
Kreusa.
Denn die Hoffnungen
1430
Schwanden mir långst dahin!
(zur Pythia hineinrufend)
Woher, Frau, woher nahmest du meinen Sohn,
Nahmst ihn in deinen Arm?
2
Durch welch eine Hand kam er in Phobos' Haus?
Jon.
Durch Götterfügung! Mågen wir fortan im Glück
1435
Uns freun des Lebens, wie's zuvor unglucklich war!
Kreusa.
Kind, nicht thrånenlos wurdest du geboren,
Mit Jammern deiner Mutter Arm entrissen!
Doch jezt athm' ich, Sohn, wieder an deinem Mund,
Athme die Seligkeit unnennbarer Lust!
1440
Jon.
Mein Glück verkundend, preisest du dein Loos zugleich.
Kreusa.
Nun bin ich nicht mehr ohne Sohn und Erben:
Auf festem Grunde ruht das Haus, das Land hat seinen Herrscher.
Verjungt ist Erechtheus,
Und das Erdengeschlecht sieht nimmer hinfort
1445
Nacht und Tod; nein, empor blickt es zu der Sonne Glanz.
Jon.
Ion. Euripides. Johann Jakob Christian Donner (Translator). . .