Halt ein, o Sohn! Den gottbetrauten Seherstuhl
Verlassend, überschreit' ich diese Schranken hier,
Apolls Prophetin, die des Stuhles alten Brauch
1300
Zu wahren, ausersehen ward aus Delphi's Frau'n.
Jon.
Heil, Theure! Mutter, wenn du mich auch nicht gebarst!
Pythia.
So mag ich heißen: mir gefällt der Name wohl.
Jon.
Vernahmst du, wie mir diese Tod bereitete?
Pythia.
Gewiß; indeß auch deine Rache geht zu weit.
1305
Jon.
Ich dürfte den nicht todten, der mich todten will?,
Pythia.
Stets sind die Frau'n den Kindern erster Ehe gram.
Jon.
Stiefmuttern wir auch, thaten sie uns Böses an.
Pythia.
Nicht also! Nun vom Tempel du nach Hause ziehst -
Jon.
Was soll ich da beginnen, was gebeutst du mir?
1310
Pythia.
Komm rein zur Stadt mit guten Vorbedeutungen.
1
Jon.
Rein ist ja Jeder, dessen Hand den Feind erschlug.
Pythia.
Thu's nicht, und höre, was ich weiter sagen will.
Jon.
Sprich! Wohlgemeint ist Alles, was du reden magst.
Pythia.
Du siehest dieses Körbchen hier in meinem Arm?
1315
Jon.
Ein altes, das mit Båndern rings umwunden ist.
Pythia.
Ich fand in ihm als neugebornes Kind dich einst.
Jon.
Wie sagst du? Diese Kunde klingt mir wunderſam.
Pythia.
Verschwiegen hab' ich's immer; nun enthull' ich es.
Jon.
Warum verbargst du's, da du schon so lang mich fandst?
1320
Pythia.
Zu seinem Diener wollte dich Apollon hier.
Jon.
Und jezo nicht mehr? Doch woraus erkenn' ich das?
Pythia.
Den Vater zeigend, läßt er dich von hinnen ziehn.
Jon.
Bewahrtest du's freiwillig oder auf Befehl?
Pythia.
Mein Gott Apollon prägte tief in's Herz mir ein
1325
Jon.
Und was zu thun? Vollende deine Reden, Frau!
Pythia.
Bewahren müss' ich solchen Fund bis diesen Tag.
Jon.
Und welchen Vortheil, welchen Nachtheil bringt er mir?
Pythia.
Hier sind die Windeln eingehullt, worin du lagst.
Jon.
Du nennst mir Zeichen, auszuspahn der Mutter Spur.
1330
Pythia.
Weil's nun die Gottheit also fügt und früher nicht.
Jon.
Heil diesem Tag, der sel'ge Wunder mir enthullt!
Pythia.
So nimm es denn, spåh' eifrig deiner Mutter nach,
Und durch Europa wandre rings und Asia,
Und forsche selber. Ich erzog dich, liebes Kind,
1335
Dem Gott zulieb und übergebe nun an dich,
Was Phobos wollte, daß ich's ungeheißen fand
Und wahrte. Seines Wollens Grund errath' ich nicht.
Indessen war es auf der Welt Niemanden kund,
Daß wir es hatten, oder wo's verborgen war.
1340
Nun lebe wohl! Gleich einer Mutter lieb' ich dich.
Beginne sie zu suchen, wo du suchen mußt:
Erst forsche nach, ob eine Jungfrau Delphens dich
Geboren und an diesem Tempel ausgesezt,
Dann, ob ein Weib in Hellas. Alles weißt du jezt
1345
Von uns und Phobos, der das Schicksal so gelenkt.
(Sie zieht sich in den Tempel zurück.)
Jon.
Ion. Euripides. Johann Jakob Christian Donner (Translator). . .