Euripides Ion 1

Johann Jakob Christian Donner (Translator)

Von Atlas, der auf eh'rnen Schultern aufgethurmt 1 2 3
1
Den Himmel trågt, der Götter alten Siz, entsproß
Aus einer Göttin Schooße Sie, die mich gebar, 4
Den Hermes, der sich Diener nennt des höchsten Zeus.
Ich kam zum Delpherlande, wo im Mittelraum 5
5
Der Erde thronend Phobos singt den Sterblichen,
Allzeit enthullend Gegenwart und Künftiges.
Es liegt in Hellas eine nicht ruhmlose Stadt, 6
Benannt von Pallas, die mit goldner Lanze prangt;
Dort zwang Apollon mit Gewalt Kreusen einst,
10
Erechthens Kind, zur Liebe, wo die nördlichen
Felshoh'n an Pallas' Hügel sich in Atthis' Land 7
Erheben; Makrå nennen sie die Herrn Athens.
Doch unbemerkt dem Vater (so verhångt's der Gott)
Trug sie des Leibes Burde. Da die Stunde kam,
15
Gebar Erechtheus' Tochter einen Sohn daheim,
Und bringt zur selben Höhle, wo der Gott sich ihr
Gesellt, das Kindlein, sezt es wie zum Sterben aus
In eines hohlen Körbchens wohlgewölbtem Rund,
Und übt den Brauch der Ahnen und des Erdensohns, 8
20
Des Erichthonios. Diesen gab Zeus' Tochter einst,
Nachdem sie schůzend ihm gesellt ein Schlangenpaar
Als Lebenshuter, an Agraulos' Tochter hin,
Um sein zu wahren; darum ist es noch Gebrauch
Der Erechthiden, ihre Kinder aufzuziehn 9
25
Geschmuckt mit goldnen Schlangen. Auch wand ihren Schmuck
Um's Kind die Jungfrau wie zum Tod und schied von ihm.
Und bittend sprach mein Bruder Phobos so zu mir:
Du Lieber, auf! zum erdentsprossnen Volk Athens, 10
Des stolzen, eile, kennst du doch der Göttin Stadt;
30
Dort nimm das neugeborne Kind aus hohler Kluft
Samt seinem Korb, in seine Windeln eingehullt,
Und bring's zu meinem Sehersiz in Delphi's Stadt,
Und leg' es hier vor meines Hauses Schwelle hin.
Das Andre (mein ja, wiſſe das, ist dieses Kind,)
35
Will ich bestellen. Meinem Bruder Lorias 11
Willfahrend, nahm ich jenen Weidenkorb und trug
Ihn fort, und legt' am Boden dieses Heiligthums
Den Knaben nieder, offnet' auch sogleich des Korbs
Gewundnen Deckel, daß der Knabe sichtbar sei.
40

Ion. Euripides. Johann Jakob Christian Donner (Translator). . .

Current edition Experimental

German (J. J. C. Donner, 1852; OCR review) (OCR draft) (German) (Euripides. Deutsch in den Versmaßen der Urschrift. Volume 3, Heidelberg: C. F. Winter, 1852. Harvard OCR compared with an independent BSB copy. Native Donner verse citations, Murray reference cards, explicitly located notes and page facsimiles. Unresolved OCR, verse divisions, unlocated notes and printed errata are documented in the source review.)

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Editions (4)
Ἴων Perseus (Euripides. Euripidis Fabulae, Vol. II. Murray, Gilbert, editor. Oxford: Clarendon Press, 1913. (Reprinted 1921-1962)) — 1-81 focus
Ion, Greek text (M. A. Bayfield, 1924) (OCR draft) Experimental (The Greek text and dramatic structure of M. A. Bayfield's second edition of 1924 (first edition 1889), aligned by line to the Murray reference edition.)

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Ion, Greek text (A. W. Verrall, 1890) (OCR draft) Experimental (The Greek text and dramatic structure of A. W. Verrall's 1890 edition, aligned by line to the Murray reference edition.)

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Ion, Greek text (Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff, 1926) (OCR draft) Experimental (Wilamowitz's 1926 Greek edition with its critical apparatus, aligned by line to the Murray reference edition.)

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Translations (3)
Ion Perseus (Euripides. The Plays of Euripides, Vol. I. Coleridge, Edward P., translator. London: George Bell and Sons, 1906.) — 1-80 focus
Ion (OCR draft) Experimental (Ion. Robert Potter's English verse translation, first published in 1781–1783; text from the 1808 Oxford printing.)

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Ion, English translation (A. W. Verrall, 1890) (OCR draft) Experimental (A. W. Verrall's English verse translation, passage-aligned to the Murray reference edition.)

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Notes on the current edition

Ion

1. [OCR note; compare the printed page.] 885. L. ἵνα μ' ἐν λέχεσιν μέλεος μελέοις. Compare printed p. 133
2. OCR review edition. D. citations belong to Donner; u marks unresolved verse division. Sources, repairs and unattributed notes
4. [OCR note; compare the printed page.] Die Mutter des Hermes hieß Maja. Sie war eine Tochter des Atlas und der Pleione, die von Okeanos und Tethys stammt. Compare printed p. 129
5. [OCR note; compare the printed page.] Delphi war nach griechischem Glauben der Mittelpunkt der Erde. Compare printed p. 129
6. [OCR note; compare the printed page.] Die Stadt ist Athen, so genannt von ihrer Schuggöttin Athene oder Pallas. Compare printed p. 129
7. [OCR note; compare the printed page.] Atthis, der alte Name von Attika. Compare printed p. 129
8. [OCR note; compare the printed page.] Des Erdensohnes, des Erichthonios. Die Erde vertrat Mutterstelle, da Pallas die Liebe des Hephästos nicht erwiederte. Dennoch sorgte die Göttin für das Kind: sie legte es in einen Kasten, übergab denselben der Pandrosos, der Tochter des Kekrops und der Agraulos, zur Verwahrung, und verbot ihr, den Kasten zu öffnen. Aber ihre Schwestern, von Neugier getrieben, öffneten ihn, und fanden das Kind von Schlangen umwunden, welche sie in die Akropolis warfen. Erichthonios, im Heiligthum Athene's auferzogen, wurde später König von Attika, und zu seinem Andenken erhielt sich bei den Athenern, besonders vornehmeren, der Gebrauch, den Kindern goldene Schlangenbilder um den Hals zu hängen. Zum Theil nach Bothe. Compare printed p. 129
9. [OCR note; compare the printed page.] Der Erechthiden, der Athener, so genannt von ihrem Könige Erechtheus. L. Ἐρεχθείδαις ἔτι. Compare printed p. 129
10. [OCR note; compare the printed page.] Die Athener hielten sich für Autochthonen, für Söhne der Erde selbst, auf welcher sie wandelten, d. h. sie glaubten, kein eingewandertes Volk, sondern Ureinwohner ihres Landes (aborigines) zu sein. Compare printed p. 129
11. [OCR note; compare the printed page.] Lorias, Phöbos Apolon. Compare printed p. 129