Der Mord, welchen einst Argolis' Fels gesehn,
1
Der berühmteste war er in Hellas, der größte,
2
Der Mord, den Danaos' Tochter verübt.
3
Doch, was diesen Mord verdunkelte, der Mord,
4
995
Durch den Prokne's armer einziger Sohn erlag, das königliche Kind,
Für euch, Musen, sag' ich, ward er vollbracht.
5
Du, Zeus' hoher Sohn, du trafst dreier Söhne Haupt,
6
Die du gezeugt, in wilden Wahnsinnes Wuth.
Um wen von diesen klag' ich,
1000
Um wen stimm' ich an Todtengesang oder ein Lied,
Dem Nachtgott geweiht?
(Die Thüren öffnen sich; man erblickt den Herakles zwischen den
Leichen sizend und schlafend.)
O seht des gethürmten Palastes
Riegel, sie wanken geborsten: weh!
O seht vor dem Vater die Kinder,
1005
Kläglich vom Elenden hingestreckt,
Der nach dem Mord in grauenvollem Schlummer ruht!
O seht hier die Bande, der verschlungenen
Stricke Fesseln um Herakles' Glieder hier,
Rings befestigt an des Saales marmornen Säulen!
1010
Dort aber, gleich dem Vogel, der in bangem Schmerz
Der zarten Kinder Weh beklagt, dort naht der Greis,
Mit mattem Schritte bittern Gang beschleunigend.
Amphitryon. Der Chor.
Amphitryon.
Thebische Greise, wollt ihr nicht schweigend, schweigend
Ihn sein Misgeschick, nun er in Schlummer sank,
1015
Vergessen lassen?
Der Chor.
O Greis, dich beklag' ich und die Kinder und
Das siegreiche Haupt, ach! und die Zahre fließt.
Amphitryon.
Geht weiter fort von hinnen, kein Geräusch, ihr Alten, kein Geschrei!
Weckt aus der Ruhe nicht den süß schlummernden !
7
1020
Weh! Welch schrecklicher Mord!
Ha, ihr werdet mich todten!
Erschreckt starrt er auf.
Ihr Alten, lasset leiser das Klagelied ertönen,
Daß nicht, aus dem Schlummer geweckt, er die Bande zerreißt,
1025
Und die Stadt und den Vater vertilgt und das Haus in den Grund stürzt!
Der Chor.
Ich kann nicht, ich kann nicht.
Amphitryon.
Still! Ob er athmet wohl...? Mein Ohr neig' ich hin.
Er schläft.
Ja, schläft unseligen Schlaf,
Er, der seinem Weibe den Tod gab, und den
8
1030
Kindern den Tod gab, sendend den rauschenden Pfeil.
Beklage nun -
Ich klage.
Das Loos der Kinder
Weh mir!
Der Chor.
Und deines Sohnes.
Amphitryon.
Ach, Ach!
Der Chor.
Ach, Alter!
1035
Stille, stille!
Amphitryon.
Er wendet sich eben wieder, vom Schlummer erwacht.
Auf! In's Haus will ich schnell, will mich verbergen gehen.
Der Chor.
Getrost! Deines Sohn's Augen umhullt noch Nacht.
O sehet, sehet!
Amphitryon.
Dem Lichte der Sonne nocht' ich in dem Leide wohl
1040
Entfliehen; indes, tödtet er mich, den Vater,
Fügt er zum Leide das Leid, und muß
Den Erinnyen auch noch bußen die Blutschuld.
9
Der Chor.
Da war's für dich zu sterben Zeit, als du den Mord
Der Brüder deines Weibes råchend heim
10
1045
Zogest, nachdem du zerstört das meerumwogte Taphos.
Amphitryon.
Entflieht, entflieht, o Greise, flieht vom Hause weg!
Entweicht vor dem wuthenden Manne,
Der aus dem Schlummer erwacht !
Denn bald häuft er euch auf Mord andern Mord,
11
1050
Bedroht Kadmos' Stadt in Wahnsinnes Wuth.
Der Chor.
Was hast du deinem Sohne so maßlos gegrollt,
In solches Meer von Leiden ihn versenkt, o Zeus?
(Amphitryon und der Chor verbergen sich im Hintergrunde.)
Ha!
(erwachend).
Herakles
Ich athme noch und sehe, was ich sehen soll,
Erd', Himmel und des Sonnengottes Pfeile dort.
1055
Doch faßte mich's, wie Meeressturm: in gråßlichen
Wahnsinn des Geistes fiel ich: aus den Lungen ringt
Mein glúh'nder Odem langsam nun, nun schnell empor.
O sieh! Warum mit Stricken, wie das Schiff im Port,
Ist meine jugendliche Brust, mein starker Arm
1060
Gefesselt an der Marmorsäule Trümmer hier?
12
Der Flügelpfeil, der Bogen liegt am Grund verstreut,
Der sonst an meinen Armen hing, mein Kampfgenoß,
Und der mich stets bewahrte, wie ich ihn bewahrt.
Wohl, scheint es, wohn' ich nahe hier dem Todtenreich,
13
1065
Ach, oder kam ich wiederum in Hades' Haus,
Wohin Eurystheus mir zurückzugehn gebot.
Doch nicht den Felsen seh' ich hier des Sisyphos
Noch Pluton oder Persephassa's Herrscherstab.
Ich bin betaubt: wo bin ich, kenne nicht den Ort?
1070
Ho! Wer von meinen Freunden weilt fern oder nah,
Der mich entreißt dem Zweifel, mein Vergessen heilt?
Denn alles sonst Gewohnte ward mir unbekannt.
(der, wie der Chor, wieder hervorgetreten).
Amphitryon
Ihr Greise, soll ich meinem Leid entgegengehn?
Der Chor.
Ich gehe mit dir, bleibe dir im Leiden treu.
14
1075
Herakles.
Was weinst du, Vater, was verhållst du dein Gesicht,
Und wendest fern von deinem theuren Sohn dich ab?
Amphitryon.
Mein Kind! Denn auch unglucklich bist du dennoch mein.
Herakles.
Und welches Herbe duld' ich, das dir Thränen weckt?
Amphitryon.
Was auch ein Gott beweinte, widerführ' es ihm.
1080
Herakles.
Ein prunkend Wort: doch welches Ungluck ist geschehn?
Amphitryon.
Du siehst es selber, wenn du jest dein machtig bist.
Herakles.
Sprich: klagst du neuer Frevelthat mein Leben an?
Amphitryon.
Ich werde sprechen, wenn die Mordwuth dich verließ.
Herakles.
Wuth hatte mich befallen? Nicht entsinn' ich mich.
1085
Amphitryon.
Noch jezt erwåg' ich, ob du ganz bei Sinnen bist.
15
Herakles.
Argwohnisch sprachst du wiederum ein Rathselwort.
16
Amphitryon.
Was thu' ich, Greise? Los' ich ihm der Fesseln Band?
Herakles.
Auch jenen nenne, der mich band: ich schame mich.
Amphitryon.
So viel vom Leid erfährst du: laß das Andre ruhn!
1090
Herakles.
So gnugt das Schweigen, um zu wissen, was ich will?
17
Amphitryon.
Zeus! Siehst du hier, was uns von Hera's Throne kam?
Herakles.
Ward uns von ihr denn zugesandt ein feindlich Loos?
Amphitryon.
Sohn, laß die Göttin; sorge nur um deine Noth.
Herakles.
Ich bin verloren! Welches Ungluck nennst du mir?
1095
Amphitryon.
D siehe! Schau die Leichen deiner Kinder hier!
Herakles.
Weh! Welchen Anblick seh' ich Unglückseliger?
Amphitryon.
Graunvollen Krieg, Sohn, führst du wider dein Geschlecht.
Herakles.
Was sprichst du mir von Kriegen? Wer entseelte sie?
Amphitryon.
Du, deine Waffen und der Gott, der dies verhängt.
1100
Herakles.
Wie? Was begann ich? Vater, Unheil meldest du!
Amphitryon.
Du rastest! Unheil thu' ich kund, wie du's erfragst.
Herakles.
Und auch an meinem Weibe ward zum Mörder ich?
Amphitryon.
Dies Alles ward von Einer, deiner Hand vollbracht.
Herakles.
Weh, weh! Des Jammers distre Wolk' umlagert mich.
1105
Amphitryon.
Deßhalb, o Sohn, beklag' ich jammernd dein Geschick.
Herakles.
War's meine Wuth auch, die das Haus zertrümmerte?
18
Amphitryon.
Nur Eines weiß ich, daß du ganz unglucklich bist.
Herakles.
Wo faßte mich das Wuthen? Wo verdarb es mich?
Amphitryon.
Als dich das Opfer am Altar entsündigte.
1110
Herakles.
Weh mir! Warum denn schon' ich meines Lebens noch,
Nachdem ich meine Liebsten, meine Söhn' erschlug,
Und sturze nicht von steilem Felsen mich hinab?
Warum mit scharfgezücktem Stahl durchbohr' ich nicht
Dies Herz, um so zu rächen meiner Kinder Blut?
1115
Warum verderb' ich diesen Leib in Flammen nicht,
Vom Leben tilgend alle Schmach, die meiner harrt? ..:
Doch hier erscheint, der meine Todesgedanken hemmt,
Theseus, mein Anverwandter und mein treuer Freund.
Er wird mich sehen, und des Kindermordes Graul
1120
Wird ihm vor Augen treten, meinem Theuersten.
Weh! Was beginnen? Wie, wohin vor meinem Leid
Entfliehn? Auf Schwingen oder in der Erde Nacht?
Auf! In's Gewand verhüllen will ich dieses Haupt;
19
Denn Scham erfüllt mich, daß ich solche That verübt;
1125
Das Frevlerauge wend' ich nicht dem Reinen zu,
20
Will nicht den Unbefleckten zieh'n in meinen Tod!
Theseus mit Gefolge. Amphitryon. Herakles.
Theseus.
Ich kam mit Andern, welche bei Asopos' Flut
In Wehr gerüstet harren, Söhnen Attika's,
Der Waffen Beistand deinem Sohn zu bringen, Greis.
1130
Denn nach der Erechtheiden Stadt erscholl der Ruf,
21
Es habe Lykos dieses Landes Thron geraubt,
Und sich erhoben wider euch zu Krieg und Schlacht.
Dankvoll vergeltend, was Herakles mir gethan,
Der mich erlåst vom Hades, kam ich, wenn, o Greis,
1135
Ihr meinen Arm und meine Streitmacht nothig habt.
Doch ach, warum bedecken Leichen hier den Grund?
Bin ich betrogen, kam zu spåt, dem neuen Leid
Nicht mehr zu wehren? Wer erschlug die Kinder hier?
Und wessen Weib war, welche dort mein Aug' erblickt?
1140
Zum Lanzenkampfe zieh'n ja Kinder nicht hinaus:
Nein, wohl ein andres großes Leid entdeck' ich hier.
Amphitryon.
Der du den Hügel, den slreichen, bewohnst, o Fürst!
Theseus.
Was rufst du mir und hebst so klåglich an, o Greis?
Amphitryon.
Ein unselig Loos sandten die Götter uns.
1145
Theseus.
Wer sind die Knaben, über die dein Auge weint?
Amphitryon.
Erzeugt, ach, erzeugt hat sie mein armer Sohn,
Und dann legt' er kühn an sie die Mörderhand.
Theseus.
Sprich gute Worte!
Amphitryon.
Was du verlangst, ich that' es so gern.
Theseus.
Du meldest Grauses!
1150
Amphitryon.
Alle dahin sind wir, im Fluge dahin!
1150
Theseus.
Was? Wie geschah's?
Amphitryon.
In des Wahnsinns Zuckungen tobt' er umher
Von der hundertköpfigen Hydra Gift.
Theseus.
Das ist der Hera Werk!
Doch wer sizt dort unter den Leichen, o Greis?
Amphitryon.
Mein, mein Sohn ist das, der vielbuldende, der
1155
Zu dem Gigantenkampf, Göttern verbündet, einst,
Den Schild am Arm, zog in's Phlegråerfeld.
Weh, weh!
Theseus.
Wo lebt ein Andrer, welcher gleich unglucklich ist?
Amphitryon.
Keinen Sterblichen findest du,
Der so vielfach litt, der so vielfach irrend umherzog.
1160
Theseus.
Warum in Schleiern birgt er sein unselig Haupt?
Amphitryon.
Dein Auge scheut er, des Freundes
Und des Verwandten, das Blut auch,
Das den gemordeten Kindern entströmt.
Theseus.
Ich kam ja mitzutrauern, Greis; enthull' ihn denn!
1165
Amphitryon.
Auf, mein Sohn, nimm vom Auge dein Gewand,
Und wirf es hin, zeige der Sonne den Blick!
Denn es kämpft mit dem Schmerze die Pflicht: so siege
Ich werse mich flehend hin,
die Pflicht!
Und fasse dir Kinn und das Knie und die Hånde, Sohn,
1170
Und die grauen Zahren entstromen mir.
Wohlan, Sohn, båndige
Den grimmen Löwensinn: er reißt
Zu mordathmender, unheiliger Wuth dich fort,
Und Leid willst du neu zu Leid fügen, Kind!
1175
Theseus.
Wohlauf! O du, der hier in banger Trauer sizt,
Dich rus ich, zeige deinen Blick den Freunden nun!
So schwarze Wolkenhulle hat ja keine Nacht,
22
Daß deines Jammers Höhe sie verbergen mag.
Warum, die Hand vorstreckend, zeigst du mir den Mord?
1180
Wohl, daß mich deine Rede nicht entheilige?
Unglück mit dir zu dulden, Freund, mich kummert's nicht.
Denn ich war einst auch glucklich; denk' an jene Zeit,
Als du vom Hades an das Licht uns rettetest.
Wie schmählich, wenn der Freunde Dankbarkeit erlischt,
1185
Und wenn man wohl am Glucke mitgenießen will,
Doch nicht im Ungluck mit dem Freund zu Schiffe gehn!
Erhebe dich, enthülle dein unselig Haupt,
Blick auf zu mir! Der hochgesinnte Sterbliche
Trågt ohne Widerstreben, was ein Gott verhängt.
1190
(er zieht ihm die Hülle vom Gesicht.)
Herakles.
Du sahst, o Theseus, meiner Kinder Todeskampf?
Theseus,
Mein Ohr vernahm's, dem Auge zeigst du hier das Leid.
Herakles.
Was hast du Phobos' Lichte dann mein Haupt enthüllt?
Theseus.
Was? Du verunreinst Götter nicht, ein Sterblicher.
Herakles.
Fleuch, Armer, mein unreines, fluchbeladnes Haupt!
1195
Theseus.
Nie wird des Freundes Nähe ja dem Freund zum Fluch.
Herakles.
Schön! Daß ich Gutes dir gethan, es reut mich nicht.
Theseus.
Mir ward von dir einst Gutes, drum bedaur' ich dich.
Herakles.
Der Söhne Mörder, bin ich wohl bedauernswerth.
Theseus.
Ich klag' um dich, daß deines Glückes Stern erlosch.
1200
Herakles.
Und fand'st du jemals einen Unglückseligern?
Theseus.
Bis an des Himmels Sterne reicht dein Mißgeschick.
Herakles.
Drum bin ich wohlbereitet, in den Tod zu gehn.
Theseus.
Du wahnst, die Gottheit kummern deine Drohungen?
Herakles.
Uns trozt der Himmel, und dem Himmel trozen wir.
1205
Theseus.
Still, daß du nicht, großsprechend, größ'res Leid erfährst!
Herakles.
Voll Leides bin ich, habe Raum für keines mehr.
Theseus.
Was aber willst du? Zornentbrannt wo sturmst du hin?
Herakles.
Todt wandl' ich in der Erde Schooß, woher ich kam.
Theseus.
Du sprachest eben, wie's gemeinen Menschen ziemt.
1210
Herakles.
Leicht magst du tadeln; stehst du doch dem Leide fern.
Theseus.
Das spricht Herakles, der soviel erduldete?
Herakles.
Doch nie so Schweres! Ist doch auch im Leiden Maß.
Theseus.
Der seinen Menschen wohlgethan, ihr großer Freund?
Herakles.
Bu nichts ja frommen diese mir, und Hera siegt.
1215
Theseus.
Nie duldet Hellas, daß du stirbst aus Unbedacht.
Herakles.
So hore, daß ich wider deine Mahnungen
Mit Gründen kämpfe! Zeigen will ich dir sofort,
Mir war das Leben weder jezt noch früher hold.
Zuerst entsproß ich diesem Mann: er mordete
1220
Der Mutter greisen Vater, und, mit Blut befleckt,
Vermählt' er sich Alkmenen, welche mich gebar.
Ward so des Hauses erster Grund nicht wohl gelegt,
So trifft die Nachgebornen auch nothwendig Fluch.
Zeus, wer er sein mag, dieser Zeus, erzeugt' in mir
1225
Ein Kind, gehaßt von Hera; doch du zurne nicht:
Dich acht' ich meinen Vater, nicht den Zeus, o Greis.
Am Mutterbusen lag ich noch, da sandte mir
Des Zeus Gemahlin grauenvolle Schlangen zu
In meine Wiege, mir zu Tod und Untergang.
1230
Doch spåter, als ich aufgebluht in Jugendkraft,
Was soll ich sagen, welche Müh'n ich da bestand?
Welch grimme Löwen, welches Graun dreileibiger
Typhonen und Giganten und vierfüßiger
Kentauren überwältigt' ich im Kampfe nicht!
1235
Die Hydra, die mit hundert Häuptern ewig neu
Aufwuchs, erschlug ich, andrer Müh'n zahllose Schaar
Durchkampft' ich ruhmvoll, stieg in's Todtenreich hinab,
Den Hund mit treifach offnem Schlund an Hades' Thor
An's Licht zu führen, wie's Eurystheus mir gebot.
1240
Zulezt vollbracht' ich diese That: ich mordete
Die Söhne, daß des Leides Maaß voll sei daheim.
Nun will mein Unglück, daß ich nicht mehr wohnen darf
In meiner lieben Theberstadt; doch, blieb ich auch,
In welchen Tempel tråt' ich, welchen Freundeskreis?
1245
Anreden darf mich Keiner ja in meinem Leid.
Soll ich nach Argos? Aber wie? Ich bin verbannt.
Wohlan, so wend' ich einer andern Stadt mich zu!
Dort treffen scheele Blicke mich als wohlbekannt,
Und schmåhend faßt der Zungen bittrer Stachel mich:
23
1250
„Das ist ja Zeus' Sohn, der die Kinder einst erschlug
Und seine Gattin! Heb' er sich aus diesem Land!"
Wohl ist dem Manne, den man einst als glucklich pries,
Der Wechsel bitter: wem es immer übel geht,
Der fühlt den Schmerz nicht; denn die Noth wuchs auf mit ihm.
1255
Zu solchem Unheil, ahn' ich, kommt es noch mit mir:
Die Erde ruft mir wehrend: „nicht beruhre mich!"
Mir wehrt das Meer, der Ströme Quellen wehren mir,
Will ich hinuber, und dem angefesselten
Irion werd' ich gleichen, den umschwingt das Rad.
1260
Wohl ist das Beste, sieht mich kein Hellene mehr,
24
Wo mir in guten Tagen einst das Gluck gelacht.
Was soll ich fortan leben? Was gewonne mir
Ein thatenloses Leben, das den Fluch verwirkt?
Zeus' stolze Gattin hupse denn lautjubelnd auf,
25
1265
Mit goldner Sohle stampfe sie des Himmels Saal:
26
Sie hat ja nun errungen, was sie stets gewollt,
Den ersten Mann von Hellas in den Staub gestürzt,
In Grund hinab geschmettert! Wer verehrte noch
Solch eine Göttin, die des Kronos hohem Sohn
1270
Um eines Weibes Liebe grollt, und Griechenlands
Wohlthåter mordet, welche Nichts verschuldeten?
Theseus.
Des Zeus Gemahlin ist es, und kein andrer Gott,
Die solchen Kampf gesendet: wohl erkennst du das!
Doch unverlezt vom Schicksal ist kein Sterblicher,
1275
Der Götter keiner, lugen uns die Sånger nicht.
Vereinten sich in unerlaubtem Liebesbund
Nicht einst die Götter? Schlugen sie um Herrschermacht
Den Vater nicht in Bande? Dennoch wohnen sie
In Himmelshöhen, ihrer Schuld sich kuhn bewußt.
1280
Und nun was sagst du, wenn nur du, der Sterbliche,
Unmåßig grollst dem Schicksal, und die Götter nicht?
Ermahnen will ich lieber als elend dich sehn.
27
So räume Theba, weil der Brauch es also will,
Und folge mir zu Pallas' hochgepries'ner Stadt.
1285
Dort wasch' ich deine Hände rein von Sundenschuld,
Und geb' ein Haus und meines Schazes Hälfte dir.
Und was die Stadt mir, als ich Knossos' Stier erschlug,
28
Und ihr die zweimal sieben Sohn' errettete,
Geschenkt, es sei dein eigen: überall im Land
1290
Sind mir Gefilde zugetheilt: die nennt hinfort
Nach deinem Namen alle Welt, so lang du lebst.
Nach deinem Tode, wann du gingst in Hades' Haus,
Da wird mit Opfern und erhabnem Marmorgrab
Die ganze Stadt Athene's dich verherrlichen.
1295
Denn herrlich schmuckt von Hellas' Volke sie der Kranz
Des Ruhmes, daß sie wohlgethan dem tapfern Mann.
Ich aber will für meine Rettung also dir
Den Dank bezahlen; jezo thun dir Freunde noth.
Wenn Götter hold sind, dann bedarf's der Freunde nicht;
1300
Allein genugt ja, wenn er helfen will, der Gott.
Herakles.
Ha, weh mir! Fremd klingt alles dies für meine Noth.
Ich glaube nicht, daß Götter unerlaubter Lust
Sich freuten, noch daß Gotterhand je Fesseln trug,
Noch daß Gebieter einer war des anderen:
1305
Nie glaubt' ich Etwas dieser Art, noch glaub' ich's je.
Denn Nichts bedarf doch, ist er wahrhaft Gott, ein Gott:
Das Alles sind armsel'ge Dichtermåhrchen nur.
Indeß besorg' ich, wenn ich auch im Leide bin,
Für feig zu gelten, scheid' ich ab vom Sonnenlicht.
1310
Denn wer dem Ungluck nicht beherzt entgegentritt,
Der mag auch eines Mannes Wehr nicht widerstehn.
Ich will dem Tode trozen, eil' in deine Stadt,
Und weiß für deine Gaben dir unendlich Dank.
Wohl hab' ich Leiden ohne Zahl schon durchgekämpft,
1315
Und keines floh ich, keines auch hat Zahren mir
Entlockt, ich glaubte nimmermehr zu solcher Schmach,
Daß Thränen mir entstromten, je mich aufbewahrt !
Nun muß ich, scheint es, unterthan dem Schicksal sein.
Wohlan! Du siehst, o Vater, daß ich fliehen muß,
1320
Siehst, daß ich selbst der Mörder meiner Söhne ward:
Gib sie dem Grabe, schmucke wohl die Leichname,
Und ehre sie mit Thränen, (mir verwehrt's der Brauch!)
Und leg' an ihrer Mutter Brust und Arme sie,
O süßer Bund voll Schmerzen, den ich unbewußt
1325
Zerriß, ich Armer! Wenn du sie im Grabe bargst,
Dann wohn' in diesen Mauern, wenn unglucklich auch,
Doch zwinge dich und theile muthig mein Geschick.
O Kinder, der euch zeugte, der euch Leben gab,
Der gab den Tod euch, ihr genoßt des Glückes nicht,
1330
Das ich in schweren Kämpfen euch måhvoll gewann,
Euch Ruhm erstritt, des Vatererbes schönstes Theil!
Und, Arme, dich auch mordet' ich, vergalt dir nicht,
Daß du die Gattenliebe mir so treu bewahrt,
So lang in unsers Hauses Hut mir ausgeharrt!
1335
Weh, meine Gattin, meine Söhn', und wehe mir!
Wie ganz unselig ward ich, muß mich trennen nun
Von Weib und Kindern! O du schmerzlich suße Lust
Der Küsse! Schmerzlich süßer Bund mit meiner Wehr!
Behalt' ich euch, ihr Waffen, oder lass ich euch,
1340
Die, meine Seiten schlagend, stets mir rufen: „Weib
Und Sohn' erschlugest du mit uns, und trågest uns,
Die Kindermorder!" Und ich wollt' in meinem Arm
Euch tragen? Wie beschönt' ich's? Doch getrennt von euch,
Mit welchen ich in Hellas Großes ausgeführt,
1345
Soll ich in Schande sterben durch des Feindes Hand?
Bleibt denn, behalten muß ich euch zu meiner Qual!
In Einem, Theseus, hilf mir noch: geleite mich
Nach Argos, (dorthin tragen wir den Kerberos,)
Daß mich verlass'nen Vater nicht mein Gram verzehrt.
1350
Land des Kadmos, alles Volk der Theber, auf!
Scheert eure Locken, trauert mit, wallt hin zum Grab
Der Kinder, alle jammert in vereintem Schmerz
Um mich und diese Todten: denn Verderben traf
Uns all' in Einem schweren Schlag durch Here's Zorn.
1355
Theseus.
Erhebe dich: der Thränen, Armer, sind genug!
Herakles.
O Freund, ich kann nicht; meine Glieder sind erstarrt.
Theseus.
Auch starker Männer Nacken beugt das Misgeschick.
Herakles.
O wurd' ich hier zum Felsen, den kein Leid berührt!
Theseus.
Laß ab und gib dem dienstbereiten Freund die Hand!
1360
Herakles.
Daß ich mit Blut nur nicht beflecke dein Gewand!
Theseus.
Befleck' es immer, ohne Scheu: ich wehr' es nicht!
Herakles.
Beraubt der Söhne, sind' ich meinen Sohn in dir.
Theseus.
Schling' um den Nacken mir die Hand, ich führe dich.
Herakles.
Ein Freundespaar! Den Einen aber beugt das Leid.
1365
O Greis, zum Freund gewinnen muß man solchen Mann.
Amphitryon.
Viel edle Söhne zeugt das Land, das ihn gebar.
Herakles.
Theseus, o laß mich Einmal noch die Kinder sehn!
Theseus.
Wohl, Freund, ein Zauber, der das Herz dir leichter macht?
Herakles.
Ich wunsch' es; gern umarmt' ich auch den Vater noch.
1370
Amphitryon.
Komm, Lieber! Was du wunschest, ist auch mir erwunscht.
Theseus.
So bist du deiner Thaten nicht mehr eingedenk?
Herakles.
Keins meiner Leiden war so groß, als diese sind.
Theseus.
Sieht Einer dich so weibisch, lobt er's wahrlich nicht.
Herakles.
Dir gelt' ich schwach wohl? Früher schien's nicht also dir.
29
1375
Theseus.
Gar sehr! Der große Hérakles, wo kam er hin?
30
Herakles.
Was warest du denn, als dich drunten Leid umfing?
Theseus.
An Muthe war ich schwacher als der schwächste Mann.
Herakles.
Wie magst du denn noch sagen, daß mich Leid gebeugt?
Theseus.
Komm!
1380
Herakles.
Lebe wohl, mein Vater!
Amphitryon.
Und auch du, mein Sohn!
Herakles.
Begrabe du die Söhne, wie ich schon gesagt.
Amphitryon.
Doch wer bestattet mich, o Kind?
Herakles.
Ich.
Amphitryon.
Wann erscheinst du?
Herakles.
Wenn du sie bestattet hast.
Amphitryon,
Und wie?
Herakles.
Von Theben hol' ich dich zu Pallas' Stadt.
Doch birg in's Grab die Kinder, wenn's auch bitter schmerzt.
1385
Ich, der sein Haus vernichtet durch schmachvolle That,
Ich folge Theseus, wie am Schlepptau folgt der Kahn.
Wer lieber Reichthum oder Macht gewinnen, will,.
Als edler Freunde treuen Schuz, der denkt verkehrt.
Der Chor.
Lieftrauernd und leidvoll gehen wir hin,
1390
Von dem måchtigsten Freunde verlassen.
Heracles. Euripides. Johann Jakob Christian Donner (Translator). . .