O sieggekrönter Herrscher im Athenerland,
Theseus, ich komme flehend dir und deiner Stadt.
Theseus.
Wonach verlangt dich und wozu bedarfst du mein?
110
Adrastos.
Wohl weißt du, welch' unseligen Heereszug ich that?
Theseus.
Du zogst ja nicht so stille durch's Hellenenland.
Adrastos.
Und Argos' Edle fanden da durch mich den Tod.
Theseus.
So Grauses schafft der furchtbar ungeheure Krieg.
Adrastos.
Und diese Todten fordert' ich von Kadmos' Stadt.
115
Theseus.
Aussendend Hermes' Boten, daß du sie begrübst?
1
Adrastos.
Doch ihre Mörder gonnen mir die Leichen nicht.
Theseus.
Zu solch gerechtem Wunsche - was erklären sie ?
Adrastos.
Шав? - Nicht zu tragen wissen sie des Glückes Gunst.
2
Theseus.
So kamst du mich zu fragen? Oder wessenthalb ?
120
Adrastos.
Heimführen Argos' Söhne sollst du mir, o Fürst.
Theseus.
Wo kam es hin mit Argos? War sein Prahlen Nichts?
3
Adrastos.
Getäuscht, verloren, fliehen wir in deinen Schuz.
Theseus.
Gesiel es dir so, oder will ganz Argos dies?
Adrastos.
Begrabe du die Todten, fleht mein ganzes Volk.
125
Theseus.
Was triebst du sieben Wagen aus vor Kadmos' Stadt?
4
Adrastos.
Den Gatten meiner Tochter that ich diesen Dienst.
Theseus.
An wen in Argos gabest du die Tochter aus?
Adrastos.
Nicht Eingeborne wählt' ich als Verwandte mir.
Theseus.
So gabest du wohl Fremden Argos' Tochter hin?
130
Adrastos.
An Tydeus und Polyneikes, Theba's edlen Sohn.
Theseus.
Warum erkorst du diese dir als Eidame?
Adrastos.
Des Phobos dunkler Nathselspruch beruckte mich.
Theseus.
Wie sprach Apollon, als er ſchlang der Ehe Band?
Adrastos.
„Der Eber und dem Löwen gib die Töchter hin."
135
Theseus.
Und welche Deutung gabest du des Gottes Spruch?
Adrastos.
Die Beiden kamen fluchtig Nachts an unser Thor .
Theseus.
Sprich: welche Beiden? Denn du nenust ja zwei zugleich.
Adrastos.
Tydeus begann mit Polyneikes schweren Kampf.
Theseus.
Wie Thieren, gabst du diesen deine Tochter hin?
140
Adrastos.
Ein Kampfen zweier Thiere sei's, vermuthet' ich.
Theseus.
Weßhalb verließen beide denn ihr Ahnenland?
Adrastos.
Tydeus, des Brudermordes offen angeklagt -
Theseus.
Und Polyneikes, was verließ er Kadmos' Stadt?
Adrastos.
Verslucht vom Vater, scheut' er sich vor Brudermord.
145
Theseus.
Klug that er wohl bei dieser freigewählten Flucht.
Adrastos.
Doch die zu Hause frevelten an dem Flüchtigen.
Theseus.
Der Bruder hat wohl seines Erbes ihn beraubt?
Adrastos.
Ich wollt ihn schůzen, und ich fand den Untergang.
Theseus.
Befragtest du die Seher, sahst der Opfer Strahl?
150
Adrastos.
Du drångst mich, mahnst an meinen årgsten Frevel mich.
Theseus.
Du zogest aus, so scheint es, nicht mit Göttergunst.
Adrastos.
Noch mehr, ich that es wider Amphiaraos' Spruch.
5
Theseus.
Leicht wandten so die Götter ihren Sinn von dir.
Adrastos.
Der jungen Männer Ungestum riß mich dahin.
155
Theseus.
Um guten Muth nur warbst du, nicht um guten Rath:
Schon vielen Feldherrn brachte dies den Untergang.
Adrastos.
The Suppliant Maidens. Euripides. Johann Jakob Christian Donner (Translator). . .