O Mutter Erde, Strahlenglanz des Helios,
Welch unerhörtes Frevelwort vernahm mein Dhr!
Amme
Still, Jüngling, ehe dein Geschrei Jemand vernimmt!
Hippolytos.
Unmöglich ist es, schweigen, wenn man Gråuel hört.
595
Amme.
Bei deiner schönen Rechte, Sohn, beschwor' ich dich -
Hippolytos.
Hinweg die Hände, nicht berühre mein Gewand!
Amme.
Bei deinen Knieen, opfre mich dem Tode nicht!
Hippolytos.
Wie könnt' ich, wenn du, wie du sagst, nichts Arges sprachst?
Amme.
Sohn, was ich sagte, werde niemals offenbar!
600
Hippolytos.
Das Schöne macht sich schoner, thut man's Vielen kund.
Amme.
Mein Sohn, den Eidschwur achte nicht als Kleinigkeit.
Hippolytos.
Die Zunge schwur es, Nichts vom Eide weiß das Herz.
1
Amme.
Was willst du machen? Deine Freund' ermorden, Kind?
Hippolytos.
Das bleibe fern! Kein Ungerechter ist mein Freund.
605
Amme.
Vergib! Zu fehlen, Jungling, ist der Menschen Art.
Hippolytos.
Was hast du, Zeus, die Frauen, deiner Sterblichen
Trugvolles Unheil, an das Sonnenlicht gebrachte
Denn wenn du wolltest ein Geschlecht von Menschen sån,
So mußte dieses nicht vom Weib' entsprossen sein;
610
Nein, Männer mußten, wann sie dir des Eisens Wucht,
Erz oder Gold in deinen Tempeln dargebracht,
Sich Kindersamen kaufen, nach des achten Werths
Gerechter Schåzung jeder, und als Freie dann
Im freien Hause wohnen ohne dies Geschlecht.
615
Nun aber, voll Verlangen, dieses Ungemach
In's Haus zu führen, opfern wir des Hauses Glück.
2
Doch welch ein Uebel Frauen sei'n, beweiset dies:
Der Vater, der sie zeugt' und zog, entlast sie noch
Mit einem Mahlschaz, um des Uebels los zu sein.
620
Doch wer ein solches Fluchgewächs aufnahm in's Haus,
3
Frohlockt, das unheilvolle Bild mit köstlichem
Geschmeid umhüllend, schmuckt es reich mit Kleidern aus,
Der Jammervolle, der erschöpft des Hauses Schaz.
Auch ist er durch die neue schöne Vetterschaft
625
Gezwungen, daß er freudig hålt den bittern Bund.
Doch ist die Frau gut, aber taugt der Schwåher nicht,
So mildert er das Uebel durch das Gute nur.
Am besten fähret, wessen Weib, ein träges Nichts,
Unnüz in Einfalt brütend still im Hause sizt.
630
Hippolytus. Euripides. Johann Jakob Christian Donner (Translator). . .