Siehst du? Du denkst vernunftig, dennoch willst du nicht
Dein Leben retten und den Kindern nüzlich sein.
Phädra.
Die Kinder lieb' ich; mich bestürmt ein andres Leid.
Amme.
O Tochter, deine Hände sind von Blute rein.
315
Phädra.
Rein sind die Hande; Flecken hat nur mein Gemuth.
Amme.
Hat über dich ein Widersacher Fluch gebracht?
Phädra.
Ein Freund verderbt unwillig mich Unwillige.
Amme.
Hat etwa Theseus wider dich gesündiget?
Phädra.
Daß ich an ihm nur nicht erschien' als Frevlerinn!
320
Amme.
Was ist das Arge, welches dich zum Tode treibt?
Phädra.
laß mich fehlen; fehl' ich doch nicht gegen dich.
Amme.
Freiwillig niemals; weich' ich, ist es deine Schuld.
Phädra.
Was thust du? Mir am Arme hångend, zwingst du mich?
Amme.
Und auch von deinen Knieen lass ich nimmermehr.
325
Phädra.
Elende, weh dir, solltest du es hören, weh!
Amme.
Welch größres Weh' erführ' ich, als dir ferne sein?
Phädra.
Du wirst vergehen; aber mir bringt Ruhm die That.
Amme
Und doch verhehlst du Solches mir, der Flehenden?
Phädra.
Aus böser Quelle geht hervor das Edle mir.
330
Amme
So wird es ehrenvoller sein, erklärst du dich.
Phädra.
Entweiche, bei den Göttern, und laß meine Hand!
Amme.
Nie, weil du mir verweigerst, was du schuldig bist.
Phädra.
Gewähren werd' ich's; denn ich ehre deine Hand.
Amme.
So schweig' ich also; denn das Reden ist an dir.
335
Phädra.
Mutter, wie hast du geliebt, Unselige!
Amme.
Da sie den Stier liebt'? Oder, Kind, was meinst du da?
Phädra.
Auch du, o arme Schwester, Dionysos' Weib!
Amme.
Was hast du, Tochter? Auf Verwandte schmähest du?
Phädra.
Und ich, die Dritte, wie vergeh' ich Elende!
340
Amme.
Ich steh' erschüttert: wo hinaus will solches Wort?
Phädra.
Von dort und nicht von gestern her ist unsre Noth.
Amme.
Noch weiß ich um nichts besser, was ich horen will.
Phädra.
Ach, mochtest du mir sagen, was ich sagen muß!
Amme.
Kein Seher bin ich, der das Dunkle klar erkennt.
345
Phädra.
Was ist doch das, was unter Menschen Liebe heißt?
Amme.
Das Süßte, Tochter, und zugleich das Bitterste.
Phädra.
Von Beidem Eines hab' ich selbst an mir erprobt.
Amme.
Was sagst du, Tochter? Hangt dein Herz an einem Mann?
Phädra.
Wer ist er doch, der Amazonenfürstinn Sohn?
350
Hippolytos?
Du sagst es, nicht ich sagte das.
Amme.
Was muß ich hören, Tochter? Weh! Du todtest mich.
Unduldbar ist es, ich ertrag' es lebend nicht,
Ihr Fraun; verhaftes Sonnenlicht, verhafter Tag!
Des Körpers Hülle werf ich ab, ich sterbe hin,
355
Vom Leben scheidend; fahret wohl! Nicht mehr bin ich.
Denn auch die Weisen lieben, widerstrebend zwar,
Dennoch das Bose. Kypris war nicht Göttinn, nein,
Ist etwas über jeden Gott Erhabnes, sie,
Die Phádra, mich und dieses Haus vernichtet hat.
360
Strophe.
Chor.
Hippolytus. Euripides. Johann Jakob Christian Donner (Translator). . .