. ihr doch aus Erfahrung, daß die Athener noch nie aus Furcht
vor anderen Schwierigkeiten eine Belagerung aufgegeben
haben. Nachdem ihr uns aber gesagt, ihr wolltet mit uns
darüber verhandeln, was zur Sicherung eures Landes ge
schehen könnte, nimmt uns wunder, daß ihr euch in dieser
langen Unterredung noch mit keinem Worte über Mittel und
Wege geäußert habt, von denen man sich sonst Hilfe in der
Not verspricht. Die wirksamste Hilfe, auf die ihr hofft, steht
weit aus, eure eigenen Kräfte aber sind zu gering, um euch
damit auch nur gegen die euch schon jetzt gegenüberstehende
Macht zu behaupten. Es wäre deshalb sehr unklug von euch,
wolltet ihr nicht noch einen vernünftigeren Entschluß fassen,
wenn ihr uns habt abtreten lassen. Fallt nur nicht etwa gar
auf die Ehre hinein, die den Menschen so oft in Gefahren
verderblich geworden ist, die sie voraussehen mußten und sich
nur durch schimpfliche Unvernunft selbst zugezogen hatten.
In der Tat ist schon mancher, obwohl er voraussah, wie
das enden würde, durch den verführerischen Klang deS
Wortes Ehre verleitet worden, sich freiwillig rettungslos ins
Verderben zu stürzen, und mehr durch eigene Torheit als
durch Unglück zuschanden geworden. Seid also vernünftig
und hütet euch davor. Glaubt nicht, es ginge gegen eure
Ehre, den Widerstand gegen eine Großmacht aufzugeben, die
nichts weiter von euch verlangt als den Anschluß an ihren
Bund und die Entrichtung einer Abgabe von eurem Lande,
in dessen Besitz ihr auch ferner bleiben sollt. Noch habt ihr
die Wahl zwischen Krieg und Sicherheit; laßt euch nicht durch
Ehrgeiz zu einer verkehrten Wahl verleiten. Wer seinesgleichen
die Zähne zeigt, sich mit dem Mächtigeren zu stellen weiß und
mit dem Schwächeren säuberlich verfährt, kommt am besten
durch. Nun überlegt euch die Sache, wenn wir abgetreten
sind, und beherzigt dabei wieder und wieder, daß eS sich diesmal 1
um euer Vaterland handelt, dessen Glück und Untergang von
eurer jetzt zu fassenden Entschließung abhängt."
History of the Peloponnesian War. Thucydides. Theodor Braun (Translator). Leipzig. 1917.
Sponsored by University of Leipzig.
Funding provided by European Social Fund Saxony.