Todesstrafe, die nicht so schwer, sondern geringfügiger sind als
unser Fall. Trotzdem lassen die Menschen sich dadurch nicht
abschrecken, weil sie hoffen, glücklich durchzukommen; wer weiß,
daß er dazu keine Aussicht hat, wird sich nicht in Gefahr be
geben. Und wo hätte wohl je eine Stadt einen Abfall gewagt,
die nicht geglaubt hätte, mit eigenen Kräften oder fremder
Hilfe damit durchzukommen? So sind die Menschen; sie sün
digen alle, im öffentlichen Leben so gut wie in Privatverhält
nissen, und lassen sich davon durch kein Gesetz abhalten, so
lange man schon darauf ausgegangen ist, durch Steigerung
aller Strafen die Verbrechen zu bekämpfen und ihre Zahl zu
vermindern. Sicher tsanden früher auch auf die schwersten
Verbrechen weniger harte Strafen. Da die Gesetze jedoch be
ständig übertreten wurden, verschärfte man sie mit der Zeit
fast alle bis zur Todesstrafe, aber die Verbrechen haben darum
nicht abgenommen. Entweder also muß man noch abschreckendere
Strafmittel ersinnen, oder es ist überhaupt nichts dagegen zu
machen. Bald ist es Armut, denn Not kennt kein Gebot;
bald Reichtum, der in frechem Übermut nach fremdem Gut
begehrt, oder es sind andere Umstände, welche die Leidenschaften
der Menschen mit unwidertsehlicher Gewalt anfachen, was sie
immer wieder dazu treibt, mit dem Feuer zu spielen. Überall
aber sprechen Hoffnung und Begierde mit; diese geht voran,
jene kommt nach; diese macht den Plan, jene verspricht sich
goldene Berge davon, und diese unsichtbaren Mächte sind wirk
samer als der abshcreckende Anblick blutiger Exekutionen. Auch
das Glück trägt sein Teil dazu bei, die Menschen zu betören.
Denn da es sich manchmal ganz unverhofft einstellt, so verführt
es einen, selbst mit unzureichenden Mitteln etwas zu wagen,
und grade vorzugsweise die Staaten, weil es sich bei ihnen
um der Menschheit große Gegenstände, um Herrschaft und um
Freiheit handelt, der einzelne aber gedankenlos mitmacht und
in der Masse ein Held zu sein glaubt. Mit einem Worte, es
ist unmöglich und wäre töricht, sich einzubilden, man könne
die Menschen durch strenge Gesetze oder sonstige Abschreckungs
mittel von Handlungen abhalten, zu denen ihre Natur sie nun
einmal treibt.
History of the Peloponnesian War. Thucydides. Theodor Braun (Translator). Leipzig. 1917.
Sponsored by University of Leipzig.
Funding provided by European Social Fund Saxony.