wenn wir überzeugt sind, daß einer recht hat, aber den Ver
dacht hegen, daß er bestochen sei, so lassen wir ihn zum offen
baren Schaden der Stadt im Stich, weil wir ihm den dann
doch bloß vermuteten Gewinn nicht gönnen. Es ist nun einmal
bei uns nicht anders; das Gute, gradeheraus gesagt, ist der
Verdächtigung nicht minder ausgesetzt als das Schlechte, und
wie der ärgste Bösewicht die Leute durch falsche Vorspiege
lungen ködern muß, so ist auch der ehrliche Mann genötigt,
ihnen Wind vorzumachen, wenn sie ihm glauben sollen. Nur
hier in Athen bei unserer Überklugheit ist es unmöglich, dem
Staate offen und ehrlich zu dienen. Denn wer offen etwas
für ihn tut, wird gleich verdächtigt, im geheimen sein Schäfchen
dabei geschoren zu haben. Bei alledem müßt ihr anerkennen,
daß wir Redner, wo es sich um die wichtigsten Dinge handelt,
doch weiter sehen als ihr in eurer Kurzsichtigkeit, zumal wir
für unsere Anträge vor Gericht verantwortlich sind, ihr aber
als Zuhörer unverantwortlich seid. Wäre die Sache für den,
der den Antrag annimmt, ebenso gefährlich wie für den Redner,
der ihn stellt, so würdet ihr nicht so in den Tag hinein be
schließen. Jetzt aber laßt ihr in irgendeinem augenblicklichen
Ärger allein den Antragsteller dafür büßen, wenn ihr euch
verhauen habt, während alle anderen frei ausgehen, so viele
ihrer auch mitgesündigt haben.
History of the Peloponnesian War. Thucydides. Theodor Braun (Translator). Leipzig. 1917.
Sponsored by University of Leipzig.
Funding provided by European Social Fund Saxony.