noch einmal über Mytilene verhandeln läßt, und kann mich
keineswegs damit einverstanden erklären, wenn man eine wieder
holte Beratung über eine so wichtige Angelegenheit für un
zulässig erklären will. Meiner Meinung nach ist dem Zustande-
kommen eines vernünftigen Beschlusses nichts hinderlicher als
Übereilung und Leidenschaft; jene ist in der Regel die Folge
von Unverstand, diese von Beschränktheit und Mangel an
Bildung. Wer es für überflüssig erklärt, sich, bevor man
handelt, durch Reden belehren zu lassen, ist entweder ein Tor
oder ein Schelm, der seinen Zweck dabei hat, ein Tor, wenn
er glaubt, sich über die Dinge, die im Dunkel der Zukunft
liegen, auf andere Weise Rats erholen zu können, ein Schelm,
wenn er eine schlechte Sache durchsetzen will und in der Über
zeugung, daß es ihm nicht gelingen wird, schwarz weiß zu
machen, nun mit Verleumdungen um sich wirft, um Gegner
und Zuhörer irrezumachen. Das Niederträchtigste aber ist,
einen gar noch zu verdächtigen, er habe seine Rede für Geld
zum besten gegeben. Wirft man einem Redner vor, daß er
nichts von der Sache verstehe, so hält man ihn, wenn er durch-
fällt, wohl für dumm, aber doch nicht für schlecht. Wird ihm
aber Bestechung schuld gegeben, so sieht man ihn mit Arg
wohn, wenn er obsiegt, und wenn ihm das nicht gelingt, nicht
nur für einen Dummkopf, sondern auch für einen Schurken
an. Damit aber ist der Stadt schlecht gedient; denn aus
Furcht davor ziehen sich die besten Kräfte vom öffentlichen
Leben zurück. Es wäre ein wahres Glück, wenn solchen Läster
mäulern das Reden überhaupt verboten würde, denn dann
kämen ihre Mitbürger weniger in Gefahr, sich zu Torheiten
verleiten zu lassen. Der gute Bürger muß seine Überlegenheit
als Redner nicht durch Einschüchterung seiner Gegner, sondern
im ehrlichen Kampfe mit gleichen Waffen zu beweisen suchen,
und in einem verständigen Gemeinwesen soll man einen be
währten Redner zwar nicht mit neuen Ehren überhäufen, aber
ihm auch die seine nicht schmälern und den, der mit seiner
Ansicht nicht durchdringt, nicht nur nicht bestrafen, sondern
nicht einmal über die Achsel ansehen. Dann wird so leicht
kein siegreicher Redner den Leuten auch gegen seine bessere
Überzeugung aus Ehrgeiz nach dem Munde reden und keiner,
der unterlegen ist, sich versucht fühlen, mit solchen Mitteln
um die Gunst der Menge zu buhlen.
History of the Peloponnesian War. Thucydides. Theodor Braun (Translator). Leipzig. 1917.
Sponsored by University of Leipzig.
Funding provided by European Social Fund Saxony.