und euch zeigen, daß Mytilene sich so nichtswürdig gegen euch
benommen hat wie keine andere Stadt. Fällt einer von euch
ab, weil ihm eure Herrschaft unerträglich war oder der Feind
ihn dazu zwingt, so kann auch ich das verzeihen. Diese Leute
aber auf ihrer Insel, hinter festen Mauern, die nur von der
See einen Angriff unserer Feinde zu fürchten hatten und sich
dagegen mit ihrer vortrefflichen Flotte auch selbst sehr wohl
wehren konnten, politisch unabhängig und von euch in jeder
Weise verzogen, - wenn die das taten, was war das anders
als ein Schurkenstreich, kein Abfall - denn über harte Be
handlung hatten sie nicht zu klagen sondern ein Anfall,
was anders als eine Mache mit unseren Todfeinden, um uns
zu vernichten? Das ist ja weit schlimmer, als wenn sie sich
aus eigener Kraft zum Kriege mit uns aufgerafft hätten. Aber
sie haben sich das Schicksal der andern, die schon früher ihren
Abfall haben büßen müssen, nicht zur Warnung dienen lassen,
und der glückliche Zustand, in dem sie sich bisher befanden,
hat sie nicht abgehalten, sich in Gefahr zu stürzen. Weil sie
sich von der Zukunft goldene Berge versprachen und auf Er
folge hofften, die weit über ihre Kräfte, wenn auch lange
nicht so weit wie ihre Wünsche gingen, haben sie den Krieg
begonnen und sich nicht entblödet, Macht vor Recht gehen zu
lassen. Denn sobald sie glaubten, mit uns fertig werden zu
können, haben sie uns angegriffen, ohne daß wir ihnen etwas
zuleide getan hatten. So aber geht es in der Regel, das
Glück, daS einer Stadt allzu schnell und unverhofft zuteil wird,
steigt ihr zu Kopfe, und gewöhnlich ist es beständiger, wenn
man es sauer verdient hat, als wenn es einem unversehens in
den Schoß fällt, ja ich möchte sagen, es ist leichter, sich vor
Unglück zu hüten, als das Glück an sich zu fesseln. Schon
längst hätten wir die Mytilener nicht besser behandeln sollen
als die anderen, dann wären sie nicht so übermütig geworden.
Denn so sind die Menshcen, behandelt man sie zu rücksichts
voll, so überheben sie sich, und es macht ihnen weit mehr Ein
druck, wenn man sie kurz hält. Darum sollen sie jetzt auch
bestraft werden, so wie sie es verdient haben, und ihr dürft
nicht nur die paar Stadtjunker maßregeln und das Volk frei
ausgehen lassen. Denn alle ohne Unterschied haben sie gegen
uns die Waffen ergriffen, während sie durchaus in der Lage
waren, sich für uns zu erklären und nach wie vor eine unab
hängige Stadt zu bleiben. Statt dessen glaubten sie sich besser
zu stehen, wenn sie den Adelsputsch mitmachten, und fielen mit
ab. Ja, wenn ihr Bundesgenossen, die aus freien Stücken
von euch abfallen, nicht anders bestrafen wollt als solche, die
vom Feinde dazu gezwungen werden, glaubt ihr denn, sie 1
würden nicht alle bei erster Gelegenheit von euch abfallen, da
sie Aussicht haben, falls es gut geht, frei zu werden, schlimmsten
falls aber immer noch leidlich davonzukommen? Wir aber
sind dann in keiner Stadt unseres Lebens und unseres Eigen
tums mehr sicher. Gelingt es uns dann auch, eine Stadt
wieder zu unterwerfen und zu zerstören, um die Steuern,
worauf unsere Macht beruht, ist es für die Zukunft dann doch
geschehen. Werden wir aber gar geschlagen, so haben wir uns
zu unseren alten Feinden noch neue auf den Hals gezogen
und uns gegen unsere eigenen Bundesgenossen unserer Haut
zu wehren, während wir schon unsere liebe Not hatten, mit
unseren bisherigen Gegnern fertig zu werden.
History of the Peloponnesian War. Thucydides. Theodor Braun (Translator). Leipzig. 1917.
Sponsored by University of Leipzig.
Funding provided by European Social Fund Saxony.