Orakelspruchs die Insel Delos. Der Tyrann Peisistratos hatte
sie früher auch schon gereinigt, aber nicht ganz, sondern nur
soweit man sie vom Tempel übersehen konnte. Diesmal
wurde die ganze Insel gereinigt, und zwar auf folgende Weise.
Die auf Delos befindlichen Totensärge ließen sie sämtlich von
der Insel bringen und bestimmten, daß dort künftig weder
jemand sterben noch ein Weib gebären, sondern in solchem
Fall nach Rheneia hinübergeschafft werden solle. Die Insel
Rheneia aber liegt so nahe bei Delos, daß der Tyrann Poly
krates von Samos, als er mit seiner Flotte eine Zeitlang die
See beherrschte und wie die übrigen Inseln auch Rheneia er
obert hatte, sie mit einer Kette an Delos band und dem delischen
Apollon weihte. Damals nach dieser Reinigung begingen die
Athener auch zum erstenmal das nachmals alle fünf Jahre ge
feierte Fest der Delien. Schon von Alters her waren Jonier
und Bewohner der benachbarten Inseln auf Delos in Menge
zusammengekommen. Sie pilgerten nämlich, wie jetzt die Jonier
zu den Ephesien, mit ihren Weibern und Kindern zu den
dortigen Festen, bei denen Kampf- und Singspiele gehalten und
von den Städten Reigentänze aufgeführt wurden. Das beweist
ja schon Homer, wenn es im HymnoS auf Apollon heißt:
Wo die Jonier sich versammeln in langen Gewändern
Mit ihren Kindern zugleich und ihren vortrefflichen Frauen,
Um sich in Kämpfen zu messen, in Tanz, Gesängen und
Faustkampf,
Daß auch Sänger dort um den Preis kämpften und dazu nach
Delos zogen, sieht man bei ihm wieder aus einer anderen
Stelle in demselben Hymnus. Nachdem er nämlich den delischen
Frauenchor befangen, schließt er sein Lied mit folgenden Worten,
in denen er auch sich selbst erwähnt:
Seid mir alle, ihr Schönen, gegrüßt und denket auch meiner
Später noch, wenn etwa künftig einmal ein fahrender Sänger,
Den sein Weg nach Delos führt, euch also befragte:
Mädchen, wer war denn der lieblichste euch hier unter den
Sängern,
Wer hat das Herz euch am meisten entzückt von allen, die kamen?
Dann erwidert ihm alle zumal aus freudigem Munde:
Jener blinde Mann, der da wohnt in der felsigen Chios,
So beweist uns Homer, daß schon in alter Zeit auf Delos
große Festversammlungen stattfanden. Später haben die Be
wohner der benachbarten Inseln und die Athener dort auch
noch Umgänge und Opferfeste gehalten; die Kampfspiele aber
waren, wie überhaupt das meiste, wohl der schlechten Zeiten
wegen abgekommen, bis dann die Athener sie wieder einführten
und damit auch Pferderennen verbanden, die früher nicht vor
gekommen waren.
History of the Peloponnesian War. Thucydides. Theodor Braun (Translator). Leipzig. 1917.
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