mehr um sich greifender Gesetzlosigkeit. Dinge, denen man
früher höchstens im geheimen gefrönt, trieb man jetzt mit
schamloser Offenheit; hatte man doch die schnellen Glückswechsel
vor Augen, wie die Reichen plötzlich starben und Leute, die
bis dahin nichts gehabt, mit einmal in den Besitz ihres Ver
mögens gelangten. Alles trachtete nach hastigem Genuß und
stürzte sich in den Taumel der Sinnenlust, da es ja mit dem
Leben wie mit dem Gelde über Nacht vorbei sein konnte. Für
einen guten Zweck sich abzumühen, hatte keiner mehr Lust;
denn wer sagte ihm, ob er nicht längst tot sein würde, bevor
er ihn erreicht? Schon der Genuß an sich und alles, waS
irgendwie dazu beitragen konnte, galt ohne weiteres auch für
gut und löblich. Weder Furcht vor den Göttern noch menshc 1
liches Gesetz wehrte dem Verbrechen; denn da man alle ohne
Unterschied tserben sah, schien es ja doch einerlei zu sein, ob
man die Götter fürchtete oder nicht, und niemand glaubte, daß
er noch so lange leben würde, bis eine bürgerliche Strafe für
seine Verbrechen über ihn verhängt werden könnte; schwebte
doch schon ein weit schwereres Verhängnis über seinem Haupte,
und bis das auf ihn hereinbrach, wollte er wenigstens sein
Leben noch genießen.
History of the Peloponnesian War. Thucydides. Theodor Braun (Translator). Leipzig. 1917.
Sponsored by University of Leipzig.
Funding provided by European Social Fund Saxony.