holt Gesandte nach Athen, um dort allerlei Beschwerden zu
erheben, damit sie, wenn sie erfolglos blieben, um so besseren
Vorwand zum Kriege hätten. Das erstemal ließen sie die
Athener aufforden, den Frevel gegen die Göttin zu sühnen.
Mit diesem Frevel aber hing es so zusammen.
Mann aus vornehmem Hause, der in Olympia gesiegt und eine
Tochter des Tyrannen Theagenes in Megara zur Frau hatte.
Dieser Kylon erhielt auf eine Anfrage beim delphischen Orakel
vom Gotte die Antwort, er solle sich am größten Feste des
Zeus der Burg von Athen bemächtigen. Mit Hilfe einer Hand
voll Bewaffneter, die ihm Theagenes geschickt, und im Verein
mit seinen Anhängern bemächtigte er sich denn auch in der
Absicht, sich zum Tyrannen zu machen, der Burg zu der Zeit,
wo im Peloponnes die olympischen Spiele gehalten wurden.
Er nahm nämlich an, daS wäre das größte Fest des Zeus,
und er zumal als Sieger in Olympia dürfe die Sache so an
sehen. Ob aber dabei nicht etwa das größte Fest in Attika
oder sonstwo gemeint gewesen war, daran hatte er nicht ge
dacht, und auch das Orakel hatte sich darüber nicht ausge
sprochen. In Athen nämlich gibt es auch ein Fest, die Diasia,
das man das größte Fest des Zeus Meilichios nennt und
außerhalb der Stadt feiert, an dem alle Welt opfert, viele
freilich keine Opfertiere, sondern nur die landesüblichen Opfer
kuchen. Er glaubte das Orakel eben richtig verstanden zu
haben und führte sein Vorhaben aus. Kaum aber war das
in Athen ruchbar geworden, als die Athener von den Feldern
in hellen Haufen zusammenströmten, vor die Burg rückten und
ihn und seine Anhänger darin belagerten. Als es ihnen mit
der Belagerung dann aber doch zu lange dauerte, verlief sich
die Menge, und man überließ die Bewachung der Burg und
alle weiter erforderlichen Anordnungen den neun Archonten
nach eigenem Ermessen. Damals nämlich lag das Stadtregiment
so gut wie ganz in den Händen der neun Archonten. Kylon
aber und seine Leidensgefährten gerieten infolge der Belage
rung in große Not, da sie nichts mehr zu essen und zu trinken
hatten. Ihm selbst und seinem Bruder freilich gelang es, zu
entkommen. Die übrigen aber, soweit sie nicht bereits Hungers
gestorben waren, setzten sich in der Verzweiflung auf den Burg
altar. Als die Athener, welche die Wache hatten, sahen, daß
sie hier an geweihter Stätte sterben würden, sicherten sie ihnen
freies Geleit zu und führten sie hinaus, töteten sie aber hinterher
dann doch. Einige, die sich unterwegs' auf die Altäre der
hehren Göttinnen gesetzt hatten, wurden ebenfalls von ihnen
umgebracht. Seitdem galten diese Leute und ihre Nachkommen
als ein fluchbeladenes Geschlecht und als Frevler gegen die
Göttin. Die Athener aber vertrieben dies fluchbeladene Ge-E
schlecht, und später wurde es von dem Lakedämonier Kleomenes
und der in den Verfassungskämpfen in Athen ans Ruder ge
langten Partei abermals vertrieben, wobei diesmal nicht nur
die Lebenden auSgetrieben, sondern auch die Gebeine der Toten
ausgegraben und in alle Winde zerstreut wurden. NachmalS
kehrte es dann freilich doch zurück, und es findet sich in seinen
Nachkommen noch heute in der Stadt.
History of the Peloponnesian War. Thucydides. Theodor Braun (Translator). Leipzig. 1917.
Sponsored by University of Leipzig.
Funding provided by European Social Fund Saxony.