„Schon oft habe ich auch bei andern Gelegenheiten einen
demokratishcen Staat als unfähig erkannt, über Andere zu herrschen,
nie aber deutlicher als heute, wo euch der Mytilenäer wegen Reue
ergriffen hat. Weil ihr euch nämlich im täglichen Verkehr unter
einander selbst furcht- und arglos benehmt ^), so zeigt ihr euch euren
Bundesgenossen gegenüber ebenso, und wenn ihr hierin irgend eine
Thorheit begeht, sei es nun, daß ihr euch von ihnen beschwatzen laßt,
oder daß ihr eurem eigenen Mitleiden den Gesallen thut, so bedenkt
ihr nicht, daß eure Weichmüthigleit weder für euch selbst gefahrlos
sei, noch euch den Dank der Bundesgenossen erwerben könne. Ihr
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bedenkt nicht, daß eure Herrschaft eine Gewaltherrschaft ist, daß eure
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Unterthanen Ränke gegen euch schmieden und euer Joch widerwillig
tragen. Sie werden euch nicht etwa in dem Maße lieber gehorchen,
als ihr euch zu eurem eigenen Schaden ihnen gefällig erzeiget, sondern
in dem Maße, als ihr eure Herrschaft über sie mehr ans eure
Uebermacht, als auf ihr Wohlwollen gründet. Das Unglückseligste aber ist
es, wenn Nichts von dem, was wir einmal beschlossen haben, in
Kraft verbleibt, und wenn wir nicht lernen wollen, daß ein Staat,
der zwar schlechtere, aber unwandelbare Gesetze beobachtet, mächtiger
ist, als wenn er bei vortrefflichen Gesetzen sie nicht zur Ausführung
bringt; daß geringer Verstand bei Selbstbeschcidung nützlicher wirkt
als große Geschicklichkeit bei zügellosem Wankelmuth, und daß
ungebildetere Leute mit ihrem Gemeinwesen meist besser zurechtkommen
als gebildetere 22). Denn diese wollen weiser ershceinen als die
Gesetze und immer noch Klügeres missen als das, was zum Besten des
Gemeinwesens bereits gesagt worden ist, als ob es keine trefflichere
Gelegenheit gäbe, ihr Licht leuchten zu lassen, und grade durch solches
Benehmen bringen sie die Staaten in's Unglück. Die Andern aber
in ihrem Mißtrauen in die eigene Einsicht bescheiden sich, nicht so
weise zu sein wie die Gesetze und unfähig, an der Rede eines Mannes
Ausstellungen zu machen, der Treffliches vorgebracht hat, und grade
weil sie mehr unparteiische Richter als Parteikämpfer sind, so treffen
sie meist das Richtige. So müssen auch wir es machen und nicht im
Eifer, gegen Andere unsere Redetüchtigkeit und unsern Scharfsinn
geltend zu machen, uns hinreißen lassen, gegen die eigene Ueberlegung
euch zu irgend etwas zu bereden." '