Was nezen Thränen, Mutter, still das Auge dir?
Klytämnestra.
Ich habe Grund zu trauern, ich Ungluckliche.
Iphigenia.
Laß ab, mich weich zu stimmen; eins gewähre mir.
1415
Klytamnestra.
So sprich; verweigert wird dir Nichts von uns, o Kind.
Iphigenia.
Von deinem Haupthaar schneide nicht die Locken ab,
Noch håll' um deine Glieder dir ein schwarz Gewand.
Klytamnestra.
Was sagst du da, o Tochter? Wenn ich dich verlor?
Iphigenia.
Das wirst du nicht; ich leb' und krone dich mit Ruhm.
1420
Klytamnestra.
Wie sagst du? Nicht betrauern soll ich deinen Tod?
Iphigenia.
Mitnichten; kein Grabhügel wird sich mir erhohn.
Klytamnestra.
Wie das? Empfängt kein Grab den Hingeschiedenen?
1
Iphigenia.
Der Göttin Altar wird mein Mal, der Tochter Zeus'.
Klytamnestra.
Nun, Kind, ich will dir folgen; denn du sprachest schon.
1425
Iphigenia.
Wohl bin ich selig, meines Land's Erretterin.
Klytamnestra.
Was soll ich deinen Schwestern denn verkündigen?
Iphigenia.
Auch diese hull' in keine Trauerkleider mir.
Klytämnestra.
Sag' ich von dir den Mädchen nicht ein freundlich Wort?
Iphigenia.
Ein Lebewohl. Oresten ziehe zum Mann mir auf.
1430
Klytamnestra.
Zum leztenmale siehst du den; umarm' ihn noch.
Iphigenia.
Nach Kräften, Liebster, standest du den Deinen bei.
Klytamnestra.
Kind, kann ich dir in Argos etwas Liebes thun?
Iphigenia.
Dies: meinen Vater, deinen Gatten, hass ihn nicht.
Klytamnestra.
Der muß noch schwere Kämpfe deinethalb bestehn.
1435
Iphigenia.
Ungerne gab er mich dem Tod für Hellas hin.
Klytamnestra.
Ehrlos, mit Trug, nicht wie's des Atreus würdig war.
Iphigenia.
Wer geht mich führen, eh man mich an den Locken zerrt?
Klytamnestra.
Ich gehe mit dir -
Iphigenia.
Nimmer du; das wäre schlimm.
Klytamnestra.
Ich hàng' an deinen Mantel mich.
1440
Iphigenia.
Willfahre mir,
1440
Und bleibe, Mutter; schöner ziemt uns beiden dies.
Von meines Vaters Dienern hier führ' einer mich
Zur Au der Göttin, wo man mich hinschlachten wird.
Klytamnestra.
Du gehst, o Kind?
Iphigenia.
Und kehre nimmermehr zurück.
Klytämnestra.
Verlässest deine Mutter?
2
1445
Iphigenia.
Ruhmvoll, wie du siehst.
1445
Klytamnestra.
Halt, nicht verlaß mich!
Iphigenia.
Mutter, weinen darfst du nicht.
Doch ihr, o Jungfraun, stimmet an um mein Geschick
Zeus' hoher Tochter, Artemis, ein fröhliches
Loblied; ein Segenszeichen sei's den Danaern!
Bring' Einer Opferkörbe, laßt um läuterndes
1450
Salzmehl die Glut auflodern, und mein Vater soll
Mit seiner Rechten den Altar ergreifen: Heil,
Siegreiches Heil zu bringen geh' ich meinem Volk.
Iphigenia in Aulis. Euripides. Johann Jakob Christian Donner (Translator). . .