Euripides Orestes 348-805

Edward P. Coleridge (Translator)

View: By Card

Orestes. Euripides. Edward P. Coleridge (Translator). London. 1891.

Sponsored by Perseus Project, Tufts University.

Funding provided by The Annenberg CPB/Project.

Current edition Perseus

Orestes (English) (Euripides. The Plays of Euripides, Vol. II. Coleridge, Edward P., translator. London: George Bell and Sons, 1891. (Modernized by Perseus.))

Editions (1)
Ὀρέστης Perseus (Euripides. Euripidis Fabulae, Vol. III. Murray, Gilbert, editor. Oxford: Clarendon Press, 1913. (Reprinted 1920-1978)) — 348-806 focus
Translations (2)
Orestes (OCR draft) Experimental (Orestes. Robert Potter's English verse translation, first published in 1781–1783; text from the 1808 Oxford printing.)

No corresponding passage available

German (J. J. C. Donner, 1841; OCR review) (OCR draft) Experimental (Euripides. Deutsch in den Versmaßen der Urschrift. Volume 1, Heidelberg: C. F. Winter, 1841. Harvard OCR compared with an independent BSB copy. Native Donner verse citations, Murray reference cards, explicitly located notes and page facsimiles. Unresolved OCR, verse divisions, unlocated notes and printed errata are documented in the source review.) — 348 focus
Doch sieh, dort kommt ja der König daher,
Menelaos, der Furst; er kündet sich an
In dem üppigen Glanz
Als einen der Sohn' aus Tantalos' Blut.
340
Du, welcher die tausend Maste geführt
In das asische Land, 1
Heil dir! Dir lächelt das Glück, da mit Gott
Du vollendetest, was du gelobt hast!
Königshaus, mit Wonne seh' ich bald dich an,
345
Von Troja kommend, bald erseusz' ich wiederum;
Denn nimmer noch erschaut ich einen andern Heerd
Von grausenvollem Leide mehr, als dich, umringt.
Von Agamemnons Loose ward mir Kunde, wie
Ihn seine Gattin mordet', als ich Malea 2
350
Mit meinem Schiff zulenkte: das verkündete
Der Meerprophete, steigend aus der Woge, mir,
Der Sohn des Nereus, Glaukos, ein wahrhafter Gott,
Der, mir zur Seite, deutlich also sprach zu mir:
355,Menelaos, eine Leiche, liegt dein Bruder da;
355
Sein leztes Bad bereitet' ihm des Weibes Trug."
Und mir und meinen Schiffern füllt das Auge sich
Mit Záhren. Als ich Nauplia's Gestad' erreicht,
Da mir die Gattinn schon hieher vorausgeeilt,
Und ich Drestes, Agamemnons Sohn, im Glück
360
Und seine Mutter wohlgemuth in meinen Arm
Zu schließen hoffte; da erzählt ein Fischer mir
Der Tyndaride grausenhaft verruchten Mord.
Und nun, o Jungfraun, saget mir, wo weilt der Sohn
Des Agamemnon, der vermocht dies Gråßliche ?
365
Er war ein Kind in Klytamnestra's Armen noch,
Als ich, gen Troja ziehend, aus dem Hause schied,
Und nicht erkennbar wär' er mir, erblickt' ich ihn.
Was seh' ich, Götter? Welchen abgeschiednen Geist?
Wie sind die Bürger dir gesinnt nach solcher That ?
Wo, wo erblick' ich meiner Tochter Ehgemahl,
Menelaos? Als ich auf der Klytamnestra Grab
460
Trankopfer ausgoß, hört ich, daß nach langer Zeit
Er und die Gattinn glucklich kam vor Nauplia.
Geleitet mich; denn ihm zur Rechten will ich stehn,
Den Freund begrüßen, den ich lange nicht gesehn.
Nur dieses Eine frag' ich, o Menelaos, dich:
495
Wenn irgendwen die eigne Gattinn mordete,
Und dessen Sohn die Mutter tödtet wiederum,
Und wenn des Mörders Sprosse dann mit Morde Mord
Vergalte; wo erreichte solche Wuth ihr Ziel?
Die grauen Våter haben's wohl geordnet so:
500
Wer einen Mord begangen, durst' im Volke nicht,
Vor keines Menschen Angesicht erscheinen; ihn
Reinigte Verbannung, nicht mit Mord vergalt man ihm.
Denn stets verfallen blieb dem Tod der Eine sonst,
Der seine Hand befleckte durch den lezten Mord.
505
Ruchlose Weiber hass ich und am ersten sie,
Sie, meine Tochter, die den Ehgemahl erschlug;
Nie loben werd' ich deine Gattinn Helena,
Niemals ein Wort ihr gonnen, noch dich preisen, daß
Du für das schnode Weib hinaus gen Troja zogst:
510
Doch schirmen werd' ich das Gesez nach bester Kraft,
Und diese thierisch wilde Lust nach Menschenblut
Bezähmen, welche Stadt und Land Verderben bringt.
Doch welcher Geist war's, der dich trieb, Unseliger,
Als deine Mutter dir die Brust entgegenbot,
515
Und fleht'? Ich habe nicht gesehn das Gråßliche;
Doch schmilzt in Gram mein altes Auge thránend hin.
Eins aber ist, was meinen Worten Kraft verleiht:
Dich haßt die Gottheit, und in Wuth und Schrecknissen
Umirrend, büßest du die Schuld. Was soll ich hier
520
Noch andre Zeugen hören, wo das Auge sieht?
So merke dir, Menelaos: widerseze dich
Den Göttern nicht, indem du diesem helfen willst;
Laß ihn gesteinigt fallen durch der Bürger Hand;
Wo nicht, betritt des Sparterlandes Gränze nie.
525
Wohl wurde meiner Tochter ihr verdientes Loos;
Doch Ungebühr war's, daß sie starb von seiner Hand.
Ich war in allem Andern ein beglückter Mann;
In meinen Töchtern ist das Glück zuwider mir.
Bu dir zu reden, Alter, scheu' ich wahrlich, wo
Ich sehe, daß ich dein Gemüth betrüben muß.
Als Muttermårder bin ich wohl in Schuld verstrickt;
Als meines Vaters Rächer drückt mich keine Schuld.
535
Entferne dich denn, und beachte nicht, o Greis,
Mein Wort: (besturzt zu reden macht dein Alter mich;)
Dann red' ich; jezo fürcht' ich dein ergrautes Haar.
Was sollt' ich thun? Zwei Gründe kämpften hier und dort:
Mich hat gezeugt der Vater, mich gebar dein Kind,
540
Ein Acker, der aus fremder Hand die Saat empfing;
Denn ohne Vater rang sich noch kein Kind an's Licht.
So mußt' ich wohl dem Manne, der mir Leben gab
Mehr helfen, dacht' ich, als der Frau, die mich ernährt. -
Und deine Tochter - Mutter sie zu nennen, wehrt
545
Die Scham - verband in heimlich ungesezlichem
Ehbund sich einem Andern. Ich beschimpfe mich,.
Wofern ich sie beschimpfe; dennoch sag' ich es.
Aegisthos war ihr ingeheim im Haus vermählt;
Ermordet hab' ich diesen, und die Mutter dann
550
Geopfert; frevelnd, rácht' ich doch des Vaters Tod.
Nun rufst du drohend, Steinigung gebühre mir;
Drum hore, wie ich Hellas ganzem Volk genügt.
Vermessen schnode Weiber sich zu solchem Troz,
Zu todten ihre Männer, und erflehn sie dann
555
Der Kinder Mitleid durch die dargebotne Brust;
So achten sie der Ehgemahle Mord für Nichts,.
Vorwand' ersinnend, wie's beliebt. Und solchen Brauch
Vertilgt die Graunthat, welcher du mich hohnend zeihst.
Die Mutter haft ich und erwürgte sie mit Recht,
560
Sie, die den Gatten, welcher fern von Hause war,
In Waffen Hellas ganzes Volk befehligend,
Verrathen und sein reines Bett entheiliget.
Und als sie ihre Schuld erkannt, verhängte sie
Sich nicht die Buße selber, nein, straflos zu sein,
565
Mußt' ihr der Vater büßen, sie ermordet' ihn.
Bei Zeus! - Des Gottes denk' ich bei nicht schönem Thun,
Den Mord verfechtend; - aber wie vergolte mir
Der Todte, lobt' ich schweigend, was die Mutter that?
Er würde mich den Eumeniden hassend weihn;
570
Denn stehen diese råchend nur der Mutter bei,
Nicht ihm, dem ungleich schwerer noch beleidigten?
Du, der die schndde Tochter sich gezeugt, o Greis,
Bist mein Verderben; denn die Mutter mordet' ich,
Weil mich des Vaters ihre Gräuelthat beraubt.
575
Du weißt, Odysseus' Gattinn hat Telemachos
Nicht hingemordet; denn sie hat nicht Mann auf Mann
Gefreit, und rein im Hause bleibt ihr Ehebett.
Du denkst Appollons, welcher thront im Mittelraum
Der Erd' und wahre Spruche lehrt die Sterblichen,
580
Dem wir in Allem folgen, was er sagen mag;
Dem Gotte folgend, mordet ich, die mich gebar.
Nun, diesen achtet schuldig und ermordet ihn;
Er hat gesundigt, und nicht ich. Was sollt' ich thun?
Genügt der Gott nicht, wälz' ich mein Vergehn auf ihn,
585
Die Schuld zu tilgen? Und wohin entflohe man,
Wenn nicht erlist vom Tode, der die That gebot?
Drum sage nimmer, daß ich hier nicht wohlgethan;
Wohl magst du sagen, daß es mir kein Segen wär."
Ein selig Leben lebt der Mann, dem schon erblüht
590
Das Glück der Ehe; wem es da nicht lächelte,
Dem fiel daheim und draussen ein unselig Loos.
Nun will ich reden: besser sind weitläufige
Als kurze Worte, klingen nicht so råthselhaft.
Gewähre Nichts vom Deinen, o Menelaos, mir;
630
Was dir von meinem Vater ward, das gib zurück.
Nicht Schaze mein' ich: rettest du mein Leben mir,
Das höchste meiner Guter, acht' ich's Scházen gleich.
Beging ich Unrecht? Unser Unglück fodert selbst
Von dir ein Unrecht: auch ein Unrecht war es ja,
635
Daß Agamemnon mit dem Heer nach Troja zog,
Nicht weil er selber sich verfehlt, nein, fremde Schuld
Bu tilgen, deines Weibes ungerechtes Thun.
Dies Eine gib vergeltend um das Andre mir.
Wie's Freunden ziemt für Freunde, hat mein Vater sich
640
Für dich dahingegeben, traun, in heißem Kampf,
Daß deine Gattinn wiederkehr' in deinen Arm.
Bezahle mir denn, was du dort empfangen hast;
Als Retter uns zur Seite, dulde du für uns
Nur Einen Tag, nicht voller zehen Jahre Frist.
645
In Aulis trank die Erde meiner Schwester Blut;
Nicht Gleiches will ich: todte nicht Hermionen.
Wohl magst du, während mich verfolgt mein Ungemach,
Im Glücke leben; gerne gönn' ich dir das Gluck.
Dem armen Vater schenke nur mein Leben und
650
Das meiner Schwester, die dahinwelkt unvermählt:
Denn wenn ich sterbe, steht verwaist des Vaters Haus.
Du sagst: es ist unmöglich!" Sei's! Doch Freunden steht
Es wohl, den Freunden beizustehn im Ungemach.
Denn wann die Gottheit Gluck verleiht, was soll der Freund ?
655
Der Gott genügt allein ja, wenn er helfen will.
Du liebst die Gattinn, wähnen All' in Hellas Volk;
Um schmeichelnd dich zu gewinnen, sag' ich dieses nicht: -
Um ihretwillen rette mich! - Weh, wehe mir!
Wohin gerath' ich? Muß ich denn unglucklich sein? - 8
660
Denn für des ganzen Hauses Wohl erfleh' ich das.
Bruder meines Vaters, denk', er höre dies,
Der Todte, der im Grabe wohnt, des Todten Geist
Schweb' über dir, und rede, was ich rede nun.
Dies sagt ich unter Seufzern, unter Thränen dir
665
In meinem Ungluck, flehe dir, zu retten mich;
Und nicht allein ich, alle wir ersehnen dies.
Ich trag', Orestes, wahrlich Scheu vor deinem Haupt,
670
Und dulden will ich deine Noth mit dir vereint.
Denn also muß man blutsverwandter Freunde Leid
Gemeinsam tragen, wenn die Kraft ein Gott verleiht,
Die Feinde todtend, wenn es gilt, und sterbend auch.
daß die Gotter mir die Kraft verliehen nur!
675
Denn ganz entblößt von Streitgenossen komm' ich her, 9
In tausend Müh'n umirrend, mit der kleinen Macht
Der Kriegsgefährten, welche mir noch übrig blieb.
So möchten wir denn Argos Heer in offnem Kampf
Nicht überwinden; aber daß ein mildes Wort
680
Den Sieg verschaffen könne, das vertrau' ich fest.
Wie möchte Jemand Großes mit geringer Kraft
Besiegen? Unklug wär' es, das zu wollen nur.
Denn wann das Volk aufbrausend schäumt in wildem Zorn,
Nicht leicht zu dämpfen ist es, gleich entflammter Glut;
685
Doch wenn du ruhig vor dem unmuthschnaubenden
Schmiegsam zurücktrittst, und die gute Zeit gewahrst;
Mag wohl die Wuth verhauchen, und, hat's ausgetobt,
So wirst du leicht es lenken, wie es dir gefällt.
Ihm wohnt das Mitleid, ihm der Zorn im Busen auch;
690
Wer wohl die Zeit abwartet, wählt das Beste sich.
Nun geh' ich, Argos' Bürger und Tyndareos
Für dich zu stimmen, ihren Groll zu måßigen.
Ein Schiff, an dem du mit Gewalt die Segel spannst,
Sinkt unter; nimm die Segel bei, so hålt es Stand.
695
Die Götter hassen ungemessnen Uebermuth,
Der Bürger hast ihn; wisse denn, nicht eitler Troz,
Der Macht geboten, nur die Klugheit rettet dich.
Ich möchte, wie du wahnst vielleicht, nicht durch Gewalt
Dich retten; nicht leicht ist es ja, mit Einem Speer
700
Die Leiden überwinden, die dich rings umdrohn.
Mit sanften Worten hab' ich Argos Volke noch
Niemals geschmeichelt; aber nun gebeut die Noth,
Die weise Männer dem Geschick sich fügen lehrt.
(ab.)
Schneller, als es mir geziemte, komm' ich eilend durch die Stadt;
Denn ich hört', und sah's mit Augen, wie sich Argos Volk berieth
Ueber dich und deine Schwester, euch zu tödten ungesäumt.
Was geschah? Wie geht es, meiner Spielgenossen theuerster,
Meiner Freund' und Anverwandten? Alles dies ja bist du mir.
720
Frage mich nun, was ich leide: denn verloren bin auch ich.
750
Ein schönes Wort!