Viel Leiden hat sie Hellas' Volk und deinem Haus
Gebracht, die Schwester deiner Mutter, Helena.
210
Elektra.
Ihr Frauen, weh! Von meinen Klagen lass ich nun.
Seht dort, die Fremden, die versteckt am Hause sich
Gelagert, kommen aus dem Hinterhalt hervor.
Flieht ihr den Pfad hin ungesäumt, ich eil' in's Haus,
Den frevelhaften Männern aus dem Weg zu gehn!
215
(vertritt ihr den Weg.)
Orestes
Verweil', o Arme, zittre nicht vor meiner Hand!
Elektra.
(O Phobos!) Knieend sich mich hier: nicht morde mich!
Orestes.
Ich todte lieber Andre, mir Verhaßtere.
Elektra.
Geh! Nicht beruhre, was du nicht berühren darfst !
Orestes.
Mit größerm Necht berühr' ich keines Menschen Hand.
220
Elektra.
Was lauerst du gewaffnet hier an meinem Haus?
Orestes.
Bleib' und vernimm mich: und du sagst bald ebenso.
1
Elektra.
Ich bleibe, bin ganz deine; du bist stärker ja.
Orestes.
Ich bringe dir von deinem Bruder Kunde, Frau.
Elektra.
Mein Theurer! Lebt
225
er oder deckt ihn Todesnacht?
Orestes.
Er lebt: das Gute
will ich dir kundthun zuerst.
Elektra.
O sei gesegnet für das hochwillkommne Wort!
Orestes.
Gemeinsam wünsch' ich solches Glück uns Beiden an.
Elektra.
Wo weilt in unglücksel'gem Bann der Arme denn?
Orestes.
Er übt die Bräuche manches Volk's und kämpft sich durch.
230
Elektra.
Und ihm gebricht wohl, was er Tag für Tag bedarf?
Orestes.
Dies hat er; hülflos aber ist ein Flüchtiger.
Elektra.
Nun, welche Botschaft meldest du vom Bruder mir?
Orestes.
Er möchte wissen, ob du lebst und wie du lebst.
Elektra.
Wohl siehst du, wie mein Körper hingeschwunden ist.
235
Orestes.
Von Gram verzehrt und Trauer: ich beklage dich.
Elektra.
Vom Messer abgeschoren auch des Hauptes Haar.
Orestes.
Du hårmst dich um den Bruder, um des Vaters Tod?
Elektra.
Was könnte mir auch theurer wohl als diese sein?
Orestes,
Was kann dem Bruder werther als die Schwester sein?
240
Elektra.
Fern, nicht an meiner Seite, weilt er, der mich liebt!
Orestes,
Weßwegen wohnst du, fern der Stadt, an diesem Ort?
Elektra.
Ein tödtlich Ehband fesselt mich, o Fremdling, hier.
Orestes,
Dein armer Bruder! Ist aus Argos dein Gemahl?
2
Elektra.
Kein Gatte, wie der Vater mir ihn einst bestimmt.
245
Orestes.
Sprich, daß ich's deinem Bruder dann berichten kann.
Elektra,
In diesem Hause wohn' ich, fern der Stadt, mit ihm.
3
Orestes.
So mag ein Gråber wohnen und ein Kinderhirt.
Elektra.
Arm ist der Mann, doch edel gegen mich und fromm.
Orestes.
Wodurch bewährt er diesen edel frommen Sinn?
250
Elektra.
Mein Lager anzurühren hat er nie gewagt.
Orestes.
Gelobt' er Keuschheit? Oder hålt er dich zu schlecht?
Elektra.
Er wollte nicht beschimpfen meiner Weltern Stamm.
Orestes.
Wie mochte solcher Ehe Gluck ihn nicht erfreun?
Elektra.
Der mich ihm schenkte, meint er, sei nicht Herr dazu.
255
Orestes.
Er denkt, Orestes rache sich dereinst an ihm.
4
Elektra.
Das eben scheut er, und besonnen ist er auch.
Orestes.
Electra. Euripides. Johann Jakob Christian Donner (Translator). . .