O drück' an die Brust mir liebend die Brust,
Bruder, Geliebtester:
1300
Uns trennt von dem Hause der Ahnen ein Fluch,
Der gemordeten Mutter blutiger Fluch!
Orestes.
Auf, schlinge die Arm' um den Bruder, und laut,
Wie den Todten am Hügel, bejammere mich!
Kastor.
Weh! Furchtbar tont selbst Göttern das Wort,
1305
Das jezt dir entfloh:
Denn auch ich und die Himmlischen fühlen sie mit,
Vielduldender Sterblichen Trübsal.
Orestes.
Ich sehe dich niemals wieder.
Elektra.
Und ich,
Ich soll nie mehr in's Auge dir sehn.
1310
Orestes.
Dies ist mein leztes Gespräch mit dir.
Elektra.
Leb' glucklich, o Stadt!
Lebt glucklich auch ihr, argeiische Frau'n!
Orestes.
Du Treueste, scheidest du schon von mir?
Elektra.
Wohl scheid' ich, Thränen im zärtlichen Blick.
1315
(zu Pylades)
Orestes.
Mein Freund, zieh' hin, sei glucklich und nimm
Dir Elektra zum Weib.
Kastor.
Sie schließen den Bund: du aber entfleuch
Den Erinnyen dort, und flugs nach Athen!
Denn sie hesten an dich den entsezlichen Schritt,
1320
Mit den Drachen bewehrt, in dem schwarzen Gewand,
Und bieten als Frucht herzkränkende Qual.
(Orestes entflieht mit den Zeichen des Wahnsinns).
Wir eilen zurück zum sikelischen Meer,
Zu behûten die Schiff' in der wogenden See.
Und in Aethers Gefild' hinwallend die Bahn,
1325
Leih'n Frevlern wir nicht die beschirmende Hand:
Wer Heiligkeit nur und Gerechtigkeit stets
Im Leben geliebt, dem stehen wir bei,
Aus quålender Drangsal retten wir ihn.
Drum möge vor Unrecht Jeder sich scheu'n,
1330
Er geselle sich nie Meineidigen bei:
So ruf' ich den Menschen, ein Gott, zu!
Der Chor.
Lebt, freut euch! Wer sich zu freuen vermag,
Und des Unglücks Macht nie trauernd empfand,
Er lebt ein seliges Leben.
1335
Electra. Euripides. Johann Jakob Christian Donner (Translator). . .