Euripides Ion 725-1047

ed. Gilbert Murray

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Ion. Euripides. ed. Gilbert Murray. Oxford. 1913.

Sponsored by Perseus Project, Tufts University.

Funding provided by The Annenberg CPB/Project.

Current edition Perseus

Ἴων (Greek) (Euripides. Euripidis Fabulae, Vol. II. Murray, Gilbert, editor. Oxford: Clarendon Press, 1913. (Reprinted 1921-1962))

Editions (3)
Ion, Greek text (M. A. Bayfield, 1924) (OCR draft) Experimental (The Greek text and dramatic structure of M. A. Bayfield's second edition of 1924 (first edition 1889), aligned by line to the Murray reference edition.)

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Ion, Greek text (A. W. Verrall, 1890) (OCR draft) Experimental (The Greek text and dramatic structure of A. W. Verrall's 1890 edition, aligned by line to the Murray reference edition.)

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Ion, Greek text (Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff, 1926) (OCR draft) Experimental (Wilamowitz's 1926 Greek edition with its critical apparatus, aligned by line to the Murray reference edition.)

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Translations (4)
Ion Perseus (Euripides. The Plays of Euripides, Vol. I. Coleridge, Edward P., translator. London: George Bell and Sons, 1906.) — 725-1045 focus
Ion (OCR draft) Experimental (Ion. Robert Potter's English verse translation, first published in 1781–1783; text from the 1808 Oxford printing.)

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Ion, English translation (A. W. Verrall, 1890) (OCR draft) Experimental (A. W. Verrall's English verse translation, passage-aligned to the Murray reference edition.)

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German (J. J. C. Donner, 1852; OCR review) (OCR draft) Experimental (Euripides. Deutsch in den Versmaßen der Urschrift. Volume 3, Heidelberg: C. F. Winter, 1852. Harvard OCR compared with an independent BSB copy. Native Donner verse citations, Murray reference cards, explicitly located notes and page facsimiles. Unresolved OCR, verse divisions, unlocated notes and printed errata are documented in the source review.) — 725 focus
Du, der Erechtheus auferzog, der Vater mir
Vordem gewesen, als er noch im Lichte war,
O Greis, zu Phobos' Sehersiz erhebe dich,
715
Um dich mit uns zu freuen, wenn er seinen Spruch,
Der Kindersegen hoffen läßt, mir kundgethan.
Suß ist es ja, mit seinen Freunden glucklich sein:
Doch, kam ein Leiden über uns, (was ferne sei!)
Dann ist es suß, in treuen Mannes Auge sehn.
720
Ich ehre dich, wie meinen Vater du geehrt,
Obwohl ich deine Herrin bin, an Vaters Statt.
Ihm hat, o Greis, Apollon einen Sohn geschenkt,
760
Und er allein ist ohne sie des Glückes froh.
Wir sind verrathen (deine Noth ist meine ja)
Durch deinen Gatten, Fürstin, werden plangemåß
Von ihm verhohnt und aus Erechtheus' Königshaus
795
Verstoßen. Und ich sage das, nicht weil ich ihm
Feind bin, ich sag' es, weil ich mehr dich lieb' als ihn,
Der, dir vermählt, ein Fremder, sich in diese Stadt
Eindringend, Haus und alle Habe nahm von dir,
Und dann mit einem andern Weib ein Kind erzielt,
800
Geheim erzielt hat: wie geheim, erklär' ich dir.
Sobald er fand, du seiest unfruchtbar, gefiel's
Ihm nicht, dein Loos zu theilen und dir gleich zu sein:
Nein, eine Sclavin freit er ingeheim und zeugt
Den Sohn und gibt ihn außer Landes aufzuziehn
805
An einen Delpher; unerkannt zu bleiben, wuchs
Er dann, ein Gottgeweihter, auf in Phobos' Haus.
Und als der Jungling aufgeblüht: da lockte dich
Als Kinderlose dein Gemahl hieherzugehn.
So war's der Gott nicht, welcher log, dein Gatte war's,
810
Der, långst den Sohn erziehend, solchen Trug ersann:
Wenn du's entdecktest, wälzt er auf den Gott die Schuld,
Und blieb's verborgen, wollt' er ihm im Lauf der Zeit, 2
Sich selbst zu schůzen, übergeben Thron und Land.
Den neuen Namen hat er långst für ihn geprägt:
815
Er nennt ihn Jon, weil er ihm entgegenkam!
Weh!
Wie sind mir doch die Frevler allezeit verhaßt,
Die Schelmerei'n aussinnen, und mit Kånken dann
Sie schmucken! Lieber wåhl' ich mir den schlichten Mann
Zum Freund, den biedern, als den schlauern Bosewicht.
820
Von diesem allem duldest du das Aergste noch:
Ein Sklavenkind, verachtet, ohne Mutter, führt
Er dir in's Haus als Herrscher! Einfach wäre doch
Das Uebel, ließ er einer edeln Mutter Kind,
Wenn du's, die kinderlose Frau, gestattetest,
825
Einziehn im Hause: oder fiel dir dieses schwer,
Was freit' er keine vom Geschlecht des Aeolos?
Deswegen ziemt dir's, eine Frauenthat zu thun:
Du mußt ein Schwert ergreifen, mußt durch eine List,
Durch einen Gifttrank dein Gemahl und seinen Sohn
830
Dem Tode weihen, eh' er dir von ihnen kommt.
Versäumst du dieses, opferst du dein Leben auf.
Denn treffen unter Einem Dach zwei Feinde sich,
So muß von beiden Einer wohl zu Grunde gehn.
Ich meines Theiles bin bereit dir beizustehn,
835
Den Sohn zu morden im Gemach, wo Xuthos ihm
Das Mahl bestellt, und meinen Nåhrern so den Dank
Bezahlen d sterb' ich oder leb' im Sonnenlicht.
Denn was den Sklaven Schande bringt, ist einzig nur
Der Name; sonst in Allem ist ein Sklave ja
840
Nicht schlechter als die Freien, wenn er wacker ist.
Wie kann ich's, o Seele, verschweigen?
Wie soll ich, die heimliche Buhlschaft
845
Ausdeckend, der Scham mich entaußern?
Was hålt mich fortan hemmend zurück?
Wofür denn kamps ich der Tugend Kampf?
Ward nicht der Gemahl zum Verråther an mir?
Man raubt mir die Heimat, raubt mir das Kind,
850
Und die Hoffnung entschwand, die zum herrlichen Ziel
Ich zu lenken gewunscht und nicht es vermocht,
Da den Bund mit dem Gott,
Da die Schmerzensgeburt ich verhehlte.
Doch wahrlich, bei Zeus' sternfunkelndem Siz,
855
Bei der Göttin daheim auf den Felsen Athens, 3
Bei dem heiligen Strand des tritonischen Sees 4
Mit der wogenden Flut,
Nicht långer verberg' ich's, wålze die Last
Von der Seele mir ab und erleichtre die Brust.
860
Heiß strömt mir von Zahren das Aug', und der Geist,
Er trauert, umstrickt von der Sterblichen Trug
Und der Götter Verrath: ich entlarve sie nun,
Die undankbar
Am beschworenen Bunde gefrevelt!
865
Du, der die melodischen Stimmen mit Macht 5
Aus siebentoniger Laute lockt,
Die des Feldes unbeseeltem Horn 6
Süßhallende Musengesång' einhaucht,
Dich klagen wir an, Sohn Leto's,
870
Bei dem Licht, das heute heraufstieg!
Du kamst mir, vom Golde der Locken
Strahlend das Haupt, als in den Busen
Des Gewandes ich Safranblumen mir einst,
Goldglänzende, brach, mich zu schmucken.
875
Und die Lilienhand mir umfassend, zogst
Du mich zu dem Lager des Felsengemachs;
Laut rief ich: o Mutter, o Mutter!
Ja, ein verlockender Gott,
Bogst du mich ohne Scheu
880
Hin, wo dir Kypris winkte.
Ich Arme gebar dir den Knaben,
Den, bang vor der zürnenden Mutter,
Ich warf in dein bergendes Lager,
Wo du Schåndlicher mich unseliges Weib
885
Mit schändlichen Banden umstricktest.
Und nun, ach! ist er geschwunden,
Von den Vågeln entrafft zur Speise, -
Mein Sohn und der deine dahin!
Doch du singst deine Påane
890
Zu dem Klange der Cither!
Ach, Leto's Sohn, dir ruf' ich,
Der Schicksalskunden enthullt auf goldenem Stuhl,
Und im mittelsten Size des Erdballs thront, —
In das Ohr dir will ich es rufen:
895
Weh, treuloser Buhle, dir,
Der meinem Gemahle den Jungling
In das Haus führt, ihm, der keinerlei Huld dir erwiesen:
Mein Sohn und dein Sohn schwand unbekannt,
Hin schwand er, von Vågeln des Waldes geraubt,
900
Von den hållenden Windeln der Mutter hinweg.
Ha! Dich haßt Delos, die Zweige des Lorbeers hassen, es haßt
Dich der Palmbaum, prangend in zartem Laub,
Wo Leto dich einst, den unsterblichen Sohn,
Umarmt von Kronion, geboren.
905
Ach, welch ein Abgrund thut sich auf von Ungemach,
Das Thrånen wohl aus jedem Auge locken muß!
Wie stürmt auf deines Hauses Gluck der Leiden Sturm!
Wie sollte dies denn deinem Feind verderblich sein?