Erkennt der Menschen Jammerloos, ihr Thorichten!
540
Ein steter Kampf ist unser Leben: glucklich sind
Die früher, Jene später, Andre sind es nie.
Des Glückes Göttin spielt mit uns; der Leidende
Verehrt sie, daß er glucklich sei; der Glückliche,
Denn er befürchtet, ihn verlass ihr milder Hauch,
545
Erhebt sie preisend. Dies erkennend, zurne nicht
Mit ungemessnem Grolle, wer Unbill erfuhr,
Und übe Nache, die dem Volk unschädlich sei!
Was soll es also weiter? Laß die Todten mich
Begraben, der den Göttern Ehre geben will.
550
Wo nicht, so wirst du sehen, thu' ichs mit Gewalt.
Denn nimmer soll in Hellas' Volk ausgehn das Wort,
Daß, meiner Obhut und Pandions Stadt vertraut,
1
Ein alter heiliger Gottesbrauch geschåndet ward.
Der Chor.
Sei gutes Muthes! Hütest du des Rechtes Licht,
555
So magst du manchem bösen Wort der Welt entgehn.
Der Herold.
Verlangst du kurz zu hören, was mein Wort an dich?
Theseus.
Sprich, wenn du willst; denn Schweigen hast du nicht gelernt.
Der Herold.
Nie führst du Argos' Sohne heim aus unserm Land.
Theseus.
So hore mich auch wiederum, wenn dir's gefällt.
560
Der Herold.
Ich höre; gönnen muß ich dir, was dir gebührt.
Theseus.
Aus Kadmos' Land entführ' ich und bestatte sie.
Der Herold.
Du mußt mit Theba's Lanzen erst den Kampf bestehn.
Theseus.
Viel andre Mühen, großre noch, durchkampft' ich schon.
Der Herold.
Hat dich dein Vater Allen widerstehn gelehrt?
2
565
Theseus.
Den Frevlern allen; denn die Wackern straf ich nicht.
Der Herold.
Viel hast du stets zu schaffen, du und deine Stadt.
Theseus.
Viel Müh'n erduldend, arntet sie des Segens viel.
Der Herold.
Komm; Theberlanzen harren dein in Kadmos' Stadt.
Theseus.
Wie mag ein ungestümer Krieg vom Drachen drohn?
3
570
Der Herold.
Du wirst's erfahren; jezo bist du trozig noch.
Theseus.
Nie wirst du mich aufregen, daß mein Zorn entbrennt,
Durch deine stolzen Worte! Doch verlaß das Land,
Und nimm die Thorheit mit zuruck, mit der du kamst:
Denn Nichts mit Reden schaffen wir!
575
(Der Herold geht.)
Es hebe sich
Flugs alles Fußvolk und die Wagenführer all;
Und wilder Rosse muthig Heer mit eisernem
Stirnband, von Schaume triefend, eil' in Thebe's Land!
Denn hin zu Kadmos' sieben Thoren will ich ziehn,
Mein scharfes Eisen haltend selbst in starker Hand,
580
Und selbst mein Herold. Dir gebiet' ich, bleibe hier,
Und nicht vereine dein Geschick mit meinem Loos,
Adrastos! Denn mit meinem Schuzgott drångt es mich
Zu neuem Kampf, ein neuer Streiter, auszuziehn.
Nur Eins bedarf ich, daß die Götter helfen, die
585
Das Recht behüten. Stehen sie zur Seite mir,
So sieg' ich: denn die Tapferkeit frommt nichts allein
Den Menschen, steht nicht neben ihr ein holder Gott.
(Er geht ab.)
Adrastos. Der Chor.
Erster Halbchor.
The Suppliant Maidens. Euripides. Johann Jakob Christian Donner (Translator). . .