Euripides Hecuba 59-215

ed. Gilbert Murray

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Hecuba. Euripides. ed. Gilbert Murray. Oxford. 1902.

Sponsored by Perseus Project, Tufts University.

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Current edition Perseus

Ἑκάβη (Greek) (Euripides. Euripidis Fabulae, Vol. I. Murray, Gilbert, editor. Oxford: Clarendon Press, 1902. (Reprinted 1906-1974))

Translations (3)
Hecuba Perseus (Euripides. The Plays of Euripides, Vol. II. Coleridge, Edward P., translator. London: George Bell and Sons, 1891. (Modernized by Perseus.)) — 59-215 focus
Hecuba (OCR draft) Experimental (Hecuba. Robert Potter's English verse translation, first published in 1781–1783; text from the 1808 Oxford printing.)

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German (J. J. C. Donner, 1841; OCR review) (OCR draft) Experimental (Euripides. Deutsch in den Versmaßen der Urschrift. Volume 1, Heidelberg: C. F. Winter, 1841. Harvard OCR compared with an independent BSB copy. Native Donner verse citations, Murray reference cards, explicitly located notes and page facsimiles. Unresolved OCR, verse divisions, unlocated notes and printed errata are documented in the source review.) — 59 focus
Führt, troische Jungfraun, führt mich hinaus,
Mich Greisinn; euere Mitsklavinn,
60
Einst euere Herrinn, richtet empor!
Fast, traget mich, leitet mich, hebet mich auf,
Und greift an dem zitternden Arme mich an:
Und Ich, dem gebogenen Stabe die Hand
Aufstüzend, ich sez', ob langsam auch,
65
Vorschreitend, den Fuß in Bewegung.
Strahlen des Zeus! D düstere Nacht!
Was schreckst du mich, nachtliches Graunbild,
Von dem Lager empor? Erd', heilige Macht,
Die schwarzbeflügelte Träume gebiert!
70
Weg, weg, ihr Gesichte der Nächte,
Die vor die Seele den Sohn, den Thrakia schůzend geborgen,
Und der geliebtesten Tochter Polyxena Bild mir gezaubert;
Ich sah's, ich erkannt' es, das Schreckensgesicht! 1
Ihr Götter der Heimat, rettet den Sohn,
75
Der, meinem Geschlecht noch ein Anker allein, 2
Auf schneeigem Thrakergefilde verweilt
In der Obhut unseres Gastfreunds!
Unerwartetes droht!
Mir Jammernden naht ein Jammergesang!
80
Nie schauderte, bangte zuvor mein Herz
So unruhvoll.
Wo sind' ich Helenos' göttlichen Geist,
Kassandra's Geist, ihr troischen Fraun,
Daß diese mir deuten das Traumbild?
85
Einen gesprenkelten Hirsch von blutiger Klaue des Wolfes
Sah ich zerfleischt, und kläglich vom Schooß mit Gewalt mir entrissen.
Und auch dieses erweckt mir Angst:
Die Gestalt des Achilleus wurde gesehn
Hoch über der Gruft,
90
Und fodert sich eine von Troja's Fraun
Als Ehrengeschenk.
Wehrt ab, ihr Götter, o wehrt die Gefahr
Von meiner Polyxena, fleh' ich!
Ich zögerte nicht und eilte zu dir
95
Von des Königes Zelt, o Hekabe, her,
Dem mich als Sklavinn herrisch das Loos
Butheilte, nachdem mich Speeresgewalt 3
Aus Troja's Veste verjagt, nachdem
Mich Hellas Lanzen erbeutet.
100
Ich kann es von dir nicht nehmen, das Leid;
Schwer lastet die Botschaft, Weib, auf mir;
Ich muß Heroldinn des Grams dir sein.
Der versammelte Rath der Achåer beschloß,
Dem Achilleus (wie man erzählt) dein Kind
105
Als Opfer zu weih'n: du weißt, er erschien
Auf ragendem Grab in der goldenen Wehr,
Und hielt die enteilenden Schiffe zurück,
Da schon an den Taun sich die Segel gebläht,
Laut rufend das Wort:
110
Wo schifft ihr Danaër hin, und verlaßt
Mein Grab ohn' ehrendes Opfer?
Und vielfach wogend erbrauste der Kampf;
Zwiefältige Meinung theilte des Volks
Speerkundiges Heer: Die stimmten dafür,
115
Zu willfahren dem Wort, und Jenen missiel's.
Agamemnon, der die Prophetinn sich 4
Zur Geliebten erkor, war eifrig bemüht,
Zu retten dein Kind.
Doch Theseus' Söhne, die Sprößling' Athens, 5
120
Sie erhoben im Heer ein zwiefach Wort,
Und stimmten vereint in den Vorschlag ein:
Des Achilleus Grab zu bekränzen mit Blut,
Mit der Jungfrau Blut; denn niemals sei,
So sagten sie, über Achilleus' Speer
125
Kassandra's Liebe zu sezen.
Und der Streitenden Muth war dort und hier
Gleich heftig entbrannt, bis Lartios' Sohn, 6
Der verschlagene Schalk und Schmeichler des Volks
Mit dem süßen Geschwaz, anmahnte das Speer,
130
Nicht also den Besten des Danaërstamms
zu verschmah'n um einer Gefangenen Blut,
Daß nicht ein Gestorbener klag' in dem Haus
Persephone's dort,
Daß Danaër, Danaërn undankbar,
135
Die Hellas Volk sich geopfert im Tod,
Aus Troja's Fluren enteilten.
Gleich wird er erscheinen, Laërtes' Sohn,
Und reist von dem Busen die Jungfrau dir,
Und stürmt sie hinweg aus dem zitternden Arm.
140
Zu den Tempeln hinan, zu dem Opferaltar
Geh', flehend umschling' Agamemnon's Knie,
Und rufe die Macht' in des Hades Nacht,
Und die Himmlischen an!
Dein Beten ja wehrt vielleicht den Verlust
145
Des bejammerungswürdigen Kindes dir ab;
Sonst mußt du die Jungfrau sehn, wie dahin
Aus's Grab sie sinkt, umflossen von Blut,
Das dunkel entquillt
Aus goldumfunkeltem Halse.
150
Ich Elende, weh! Was heb' ich an,
Welch klagenden Ruf? Welch Jammergeschrei?
Weh, unglückseliges Alter! Wie hart
Druckt auf mein Alter die Knechtschaft!
Nicht mehr zu ertragen! D weh mir!
155
Wer steht mir bei? Welch Menschengeschlecht?
Wo fånd' ich die Stadt?
Todt ist mein Gatte, die Sohne sind todt!
Wo wander' ich hin? Wo ruh' ich aus?
Hierhin? dorthin? Wo wird mich ein Gott,
160
Ach, oder ein Damon erretten?
Ihr troischen Jungfraun, die ihr die Schmach,
Die so bittere Schmach verkundiget habt,
Ich sterb', ich sterbe! Das Leben im Licht,
Mich reizt es nimmermehr.
165
Mein unglückseliger Fuß, trag' hin,
Trag' hin zu dem Zelte mich dort,
Mich zitternde Greisinn! Komm, o Kind
Der bejammerungswürdigsten Mutter, o komm
Aus deiner Behausung! Hör', o Kind,
170
Mein Rufen, damit du es wissest,
Welch herbes Gerücht
Ich eben von dir, o Geliebte, gehört!
Was rufst du mir, ach? Was meldest du mir,
Theuerste, daß, wie der Vogel, du mich
175
Voll Angst und Schrecken hervorscheuchst?
Ungluckliche, die so Schweres erfuhr,
Der endlos Leid ihr Leben verzehrt,
195
Welch unaussprechliche, bittere Schmach
Hat wieder ein Dämon dir,
Mutter, gesendet?
Dein Kind ist nicht mehr: nicht mehr soll
Ich, o Greisinn, dir in der Knechtschaft, ach!
200
Mitdulderinn sein.
Wie das Reh, wie das bergdurchweidende Rind,
So wirst du, Unglückselige, mich
Unselige dir aus den Armen geraubt
Seh'n, und vom Stahle durchbohrt, in die Nacht
205
Niedergesandt, in die Wohnung des Aides, wo ich, ach!
Bei den Todten ruhen soll.
Dein Unglück, Mutter, bewein' ich allein mit klagenden Tonen der Trauer;
Um mich, mein Leid, mein schmåhliches Loos
Jammer' ich nicht: von allen Geschicken
210
Ist das erwünschteste, beste der Tod mir.