Gehorche mir, o Mutter! Du, Laërtes' Sohn,
Vergib den Aeltern, wenn mit Recht ihr Zorn entbrennt:
Und du, o Arme, kämpfe mit den Siegern nicht!
400
Zur Erde stürzen willst du, willst den greisen Leib
Verwunden, wenn du mit Gewalt vertrieben wirst,
Willst Hohn erdulden, mir entrafft aus jungem Arm?
1
Das sollst du nimmer leiden, solch Unwürdiges!
Doch, traute Mutter, reiche mir die theure Hand,
405
Und laß, Geliebte, meine Wang' an deiner ruhn!
Denn nie hinfort mehr, sondern heut zum leztenmal
Soll ich des Lichtes Strahlen schaun, der Sonne Kreis.
Du hörst die lezten Worte nun aus meinem Mund!
2
Mutter, die du mich gebarst, ich geh' hinab, -
410
Hekabe.
Ich leb' im Lichte, Tochter, ich muß Sklavinn sein.
Polyxena,
Eh mir das Brautlied tonte, wie's gebührte mir -
Hekabe.
Unglücklich bist du, Tochter, ich ein armes Weib!
Polyxena.
Und dort im Hades werd' ich ruhn, getrennt von dir.
Hekabe.
Was soll ich thun? Ach! Wie das Leben endigen?
415
Polyxena.
Als Sklavinn sterb' ich, frei gezeugt vom freien Mann.
Hekabe.
Und ich, der fünfzig Kinder durch den Tod beraubt.
Polyxena.
Was sag' ich Hektor'n, was dem greisen Priamos?
Hekabe.
Daß unter allen Weibern ich das ärmste sei.
Polyxena.
Mutterbusen, der so liebreich mich genährt!
420
Hekabe.
Ach, welch ein frühes Mißgeschick entrafft dich uns!
Polyxena.
Leb' wohl, o Mutter, lebe mir, Kassandra, wohl -
Hekabe.
Es leben Andre, freuen sich; die Mutter nicht.
Polyxena.
Polydoros auch, mein Bruder, dort im Thrakerland!
Hekabe.
Wenn er noch lebt; ich zweifle: hin ist all mein Gluck!
425
Polyxena.
Er lebt, und schließt noch, wenn du stirbst, das Auge dir.
Hekabe.
Ich bin, bevor ich sterbe, schon vor Leiden todt.
Polyxena.
Verhüll', Odysseus, mir das Haupt, und führe mich;
Denn vor dem Tode hat der Mutter Klage mir
Das Herz gebrochen; meine Noth bricht ihr das Herz.
430
Licht! Denn rufen darf ich deinen Namen wohl:
So lange bist du mein noch, als ich wandele
Zum Grab Achilleus', wo das Schwert mich todten soll!
(ab mit Odysseus.)
Hekabe.
Weh, weh! Ich sinke: meiner Glieder Kraft entweicht!
Die Mutter fasse, trautes Kind, - reck' aus die Hand! -
435
Gib! - Nicht verlaß mich kinderlos! - Ich bin dahin! -
sah' ich also Helena, die Sparterinn,
Die Schwester Kastors! Ilion, so glucklich einst,
Hat ihres schönen Auges Macht graunvoll zerstört.
Strophe 1.
Chor.
Hecuba. Euripides. Johann Jakob Christian Donner (Translator). . .