Euripides Medea 214-409

ed. Gilbert Murray

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Medea. Euripides. ed. Gilbert Murray. Oxford. 1902.

Sponsored by Perseus Project, Tufts University.

Funding provided by Tufts University.

Current edition Perseus

Μήδεια (Greek) (Euripides. Euripidis Fabulae, Vol. I. Murray, Gilbert, editor. Oxford: Clarendon Press, 1902.)

Translations (3)
Medea Perseus (Euripides. The Plays of Euripides, Vol. I. Coleridge, Edward P., translator. London: George Bell and Sons, 1906.) — 214-405 focus
Medea (OCR draft) Experimental (Medea. Robert Potter's English verse translation, first published in 1781–1783; text from the 1808 Oxford printing.)

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German (J. J. C. Donner, 1841; OCR review) (OCR draft) Experimental (Euripides. Deutsch in den Versmaßen der Urschrift. Volume 1, Heidelberg: C. F. Winter, 1841. Harvard OCR compared with an independent BSB copy. Native Donner verse citations, Murray reference cards, explicitly located notes and page facsimiles. Unresolved OCR, verse divisions, unlocated notes and printed errata are documented in the source review.) — 214 focus
Ihr Frau'n Korinthos', ich verließ des Hauses Raum,
Damit ihr mich nicht scheltet. Viele heißen stolz,
Die Einen, die des Volkes Blicken sich entziehn,
Die Andern, die stets außen sind; noch Andere
220
Erwarben Schmach durch thatenlose Ruhe sich.
In Menschenaugen wohnt ja nicht Gerechtigkeit,
Wenn Einer, eh' er wohl erforscht des Mannes Sinn,
Beim ersten Blick haßt, ohne daß ihm Leid geschah.
Der Fremdling muß sich fügen nach des Landes Art:
225
Auch keinen Bürger lob' ich, der aus blindem Wahn
In eitlem Dünkel bitter auf die Bürger ist.
Mich traf ein unerwartet Loos, das mein Gemuth
Zum Tod verwundet: ich vergeh', ihr Freundinnen,
Zu sterben wunsch' ich, mir entschwand des Lebens Reiz.
230
Auf den ich all mein Hoffen warf, mein ganzes Glück,
Mein Gatte, hat sich als den schlimmsten Mann bewährt.
Von allem, was auf Erden Geist und Leben hat,
Sind doch wir Fraun das Allerunglückseligste.
Mit unermeßlicher Gabe müssen wir zuerst
235
Den Mann erkaufen, müssen wir uns einen Herrn
Annehmen; dies ist schlimmer noch, als jenes Leid:
Dann ist das größte Wagniß, ob er bieder ist,
Ob bose: denn unrühmlich ist es dem Weibe, sich
Vom Gatten scheiden, und sie darf ihn nicht verschmähn.
240
Und freit in neue Sitten und Geseze sie,
Muß Eine, weiß sie's nicht von Haus, Prophetinn sein,
Zu wissen, welchem Loose sie entgegengeht. 1
Doch wenn wir dieses glucklich uns vollendeten,
Der uns Verbundne froh mit uns am Joche trågt;
245
Ist unser Loos zu beneiden: anders sei es Tod!'
Wohl kann der Gatte, wenn daheim ihn Aerger quålt,
Auswärts des Herzens Ueberdruß beschwichtigen,
Bei Freunden oder Einem, der mit ihm erwuchs:
Uns ist in Eine Seele nur der Blick vergonnt.
250
Sie sagen wohl, wir lebten sicher vor Gefahr
Zu Hause, während sie bestehn der Speere Kampf,
Die Thoren: lieber wollt' ich ja dreimal in's Graun
Der Schlacht mich werfen, als gebåren Einmal nur.
Doch nur von mir gilt solche Rede, nicht von dir:
255
Denn eine Heimat hast du hier, ein Vaterhaus,
Genuß des Lebens, einen Kreis von Freundinnen;
Ich bin verlassen, ohne Heimat, bin verhdhnt
Vom Manne, der aus fremdem Lande mich geraubt;
Nicht Mutter hab' ich, Brüder, Anverwandte nicht,
260
Zu denen fliehend ich entronn' aus dieser Noth.
Drum nur das Eine werde mir von euch gewährt:
Ersinn' ich Hülfe, find' ich mir ein Mittel aus,
Für dieses Leid den Gatten und den Vater, der
Ihm gab die Tochter, und die Braut zu züchtigen;
265
Dann schweigt! In Anderm ist das Weib voll zager Furcht,
Zum Kampfe muthlos, und zu feig, ein Schwert zu schaun;
Doch ward der Ehe heilig Recht in ihr gekränkt,
Giert keine Seel' auf Erden mehr nach Menschenblut.
Nicht heut zuerst, o Kreon, dfters hat mich schon
295
Berückt die Meinung und gebracht in große Noth.
Nie streb' ein Vater, dem Verstand im Busen wohnt,
Zu hoher Weisheit aufzuziehn der Kinder Geist;
Denn außer daß ein Weiser, weil er Muse liebt,
Tråg wird gescholten, trifft ihn auch der Bürger Haß.
300
Und wenn du Kluges vorgebracht, was neu erscheint,
Die Thoren nennen albern und nicht weise dich:
Doch giltst du mehr als Andre, die sich Tüchtiges
Zu wissen dünken, folgt der Neid des Volkes dir.
Ich selber trage meinen Theil an diesem Loos.
305
Denn weil ich klug bin, feinden mich die Einen an,
Den Andern bin ich lästig und nur wenig klug. 3
So fürchtest du denn auch von mir ein Ungeschick.
Uns fürchte nicht, o Kreon, ich bin also nicht
Geartet, daß ich gegen Herrscher sündigte.
310
Was thatest du mir Bises? Du vermähltest ihm,
Zu dem's dich zog, die Tochter: meinen Gatten, ja!
Ihn hass ich; doch du, mein' ich, hast hier klug gethan,
Und keinen Neid empfind' ich, wenn dir's wohlergeht.
Vermåhlet euch, lebt glucklich; doch mich lasset hier
315
Im Lande wohnen: wenn mir auch Unrecht geschah,
Ich werde schweigen, unterthan dem Stärkeren.
Bei deinen Knieen, bei der neuvermählten Braut
Weh, daß dich das grause Verhängniß traf!
360
Wo flichest du hin? Welch gastlicher Port,
Welch Haus, welch Land wird, Leidende, dir
Rettend sich aufthun?
Wohl hat dich ein Gott, o Medeia, gestürzt
Hülflos in die Wogen des Unheils.
365
Mir folgt das Ungluck überall: wer läugnet es?
Doch wird es so nicht enden; glaubt das nimmermehr.
Viel Kämpfe harren dieser Neuvermählten noch,
Und ihrer Anverwandten kein geringer Schmerz.
Du wahnst, ich hatte diesem Mann geschmeichelt je,
370
Dhn' auf Gewinn zu denken noch auf Hinterlist?
Nicht hatt' ich dann ihn angeredet, nicht berührt.
Ihm hat die Thorheit aber ganz den Sinn berückt:
Er konnte, wenn er mich hinaus zum Lande trieb,
Mir meinen Plan vereiteln, und nun gönnt er mir
375
Noch diesen Tag hier, wo ich meiner Feinde drei
In Leichen wandle, Vater, Braut und Ehgemahl.
Der Wege, sie zu todten, hab' ich viele; doch,
Ihr Fraun, ich weiß nicht, welchen ich betreten soll.
Leg' ich von unten Feuer an der Braut Palast?
380
Wie? Oder bohr' ich ihr in's Herz den scharfen Stahl,
Zum Hause still einschleichend, wo ihr Lager steht?
Doch Eines ist mir schrecklich: wenn man mich ergreift,
Nachdem ich, sinnend auf den Mord, eintrat in's Haus,
So werd' ich sterbend ein Gespott der Feinde sein.
385
Der grade Weg der beste, dessen bin ich auch
Am meisten kundig: ich ermorde sie mit Gift.
Wohl!
Sie seien todt denn: welche Stadt empfängt mich dann?
Wo beut ein Gastfreund sein Gebiet, sein Haus mir an
Als sichre Zufluchtsstätte, schirmt mich Flüchtige?
390
Nicht Einer thut es. Harr' ich denn noch kurze Zeit,
Ob sichre Rettung irgend uns erscheinen wird,
Und schreite dann zum Morde schlau und heimlich fort.
Doch treibt mich hülflos hier zurück mein Ungemach,
So greif ich nach dem Schwerte, muß ich sterben auch,
395
Ich will sie tödten, wage kühn die kühnste That.
Denn bei der Göttinn wahrlich, der ich huldige
Vor allen, die ich mir erkor zur Helferinn,
Der Hekate, die in meines Herdes Innerm wohnt, 6
Der Frevler keiner trübt das Herz durch Freude mir!
400
In bittre Trauer wandl' ich euch der Ehe Bund,
Die Anverwandtschaft, meine Flucht aus diesem Land.
Wohlan! Von allen deinen Künsten spare Nichts,
Berathe dich, Medeia, sinne Listen aus!
Zum Vergsten schreite! Nun bedarf es hohen Muths.
405
Dein Leiden, siehst du's? Nicht ein Spott vor Sisyphos'
Geschlechte darfst du werden, vor dem neuen Bund,
Du Kind des edeln Vaters und des Helios!.
Du bist so vielerfahren: auch erschuf Natur
Uns Frauen wohl in edlen Künsten ungeschickt,
410
Doch klug in allem Bosen und erfinderisch.
Strophe 1.