verfolgte das Landheer beiderseits deren Verlauf in ängstlicher
Spannung. Die Einheimischen wetteten, die Sache würde sich
für sie immer noch günstiger gestalten, die Athener und ihre
Verbündeten fürchteten, daß ihre Lage noch schlimmer werden
möchte als bisher. Da für die Athener alle Hoffnung auf der
Flotte beruhte, waren sie in unbeschreiblicher Angst, was
werden würde, und bei dem ungleichmäßigen Verlauf der
Schlacht waren ihre Blicke unwillkürlich vom Lande auS auf
sie gerichtet. Das Gesichtsfeld der einzelnen aber war be
schränkt, und da sie nicht alle zugleich dieselbe Stelle vor Augen
hatten , faßten die, welche die Ihrigen irgendwo im Vorteil
sahen, neuen Mut und flehten die Götter an, ihnen auch weiter
durchzuhelfen; die aber, welche grade sahen, daß sie an anderer
Stelle unterlagen, brachen in laute Wehklagen aus und wurden
durch den bloßen Anblick des Kampfes mehr entmutigt als die
Kämpfer selbst. Noch andere, deren Blicke dahin gerichtet
waren, wo sich beide Teile die Wage hielten, waren, da man
im Schlachtgetümmel nichts untershceiden konnte, erst recht
schlimm dran und gaben in der Angst ihren Gefühlen durch
entsprechende Gebärden Ausdruck. Denn Sieg und Niederlage
hing beständig an einem Haar, und so konnte man im Heere
der Athener, solange die Schlacht noch unentshcieden war, zu
gleicher Zeit alles hören, Jubel und Wehklage, Sieger und
Besiegte, und alle die mancherlei Laute, wie man sie in einem
großen Heere, welches um sein Dasein kämpft, notwendig
immer vernehmen wird. Nicht viel anders wie denen am
Lande ging es denen auf der Flotte, bis dann die Syrakuser
und ihre Verbündeten die Athener nach langem Kampfe endlich
zum Weichen brachten, einen glänzenden Sieg erfochten und
sie unter lautem Zuruf und Geschrei an den Strand verfolgten.
Nun stürzten die Leute von den Schiffen, soweit sie nicht schon
auf der See den Gegnern in die Hände gefallen waren, der
eine hier, der andere dort, ans Land dem Lager zu. Die
Truppen am Lande aber ergaben sich jetzt ohne Unterschied mit
Ach und Weh einmütig darein, daß die Schlacht verloren war.
Zum Teil eilten sie den Schiffen zu Hilfe, zum Teil warfen
sie sich in die noch vorhandenen Festungswerke; andere, und
zwar die meisten, dachten nur noch an sich selbst und wie sie
sich in Sicherheit bringen könnten. Nie zuvor war die Lage
der Athener so hoffnungslos gewesen wie in diesem Augenblick.
Es ging ihnen hier, wie sie es mit ihren Gegnern in Pylos
gemacht hatten. Denn dort verloren die Lakedämonier nach
der Vernichtung ihrer Flotte auch die auf der Insel ausgesetzte
Mannschaft, und jetzt durften sich die Athener auch keine Hoff
nung mehr machen, zu Lande davonzukommen, eS hätte denn
ein Wunder geschehen müssen.
History of the Peloponnesian War. Thucydides. Theodor Braun (Translator). Leipzig. 1917.
Sponsored by University of Leipzig.
Funding provided by European Social Fund Saxony.