kannte keineswegs, wie bedenklich die Lage der Athener war,
wünschte aber nicht, daß von ihrer Schwäche die Rede wäre
und ihre Absicht, aus Sizilien abzuziehen, durch einen öffent
lich in größerem Kreise gefaßten Beschluß zur Kenntnis der
Feinde gelangte; denn dann würden sie ihrerseits, wenn sie
wirklich abziehen wollten, ihre Absicht schwerlich unbemerkt
ausführen können. Außerdem hatte er, da ihm die Verhältnisse
der Feinde besser bekannt waren als den anderen, immer noch
einige Hoffnung, daß diese bei längerer Fortsetzung der Be
lagerung in eine schlimmere Lage geraten könnten als die
Athener selbst; denn sie würden, weil ihnen das Geld aus
ginge, schließlich doch mürbe werden, zumal die Athener mit
den Schiffen, die sie zur Stelle hatten, jetzt die See beherrshcten.
Auch gab es in Syrakus selbst noch manche, welche die Stadt
ihnen in die Hände spielen wollten, zu dem Ende mit ihm
unterhandelten und ihn zum Bleiben aufforderten. Infolge
dessen war er in der Tat noch zu keinem festen Entschlüsse
gelangt und suchte die Sache hinzuhalten; öffentlich aber sprach
er sich damals noch dahin aus, daß er mit dem Heere nicht
abziehen werde; denn so viel wußte er, daß die Athener es
nicht verzeihen würden, wenn man aus Sizilien abzöge, ohne
daß sie es selbst beschlossen. Auch würden ja in Athen nicht
Leute über sie zu Gericht sitzen, denen wie ihnen die Dinge
aus eigener Anschauung und nicht erst durch abfällige Urteile
dritter bekannt geworden; vielmehr werde man sich dort ein
fach an die gehässige Darstellung irgendeines gewandten Redners
hatten. Selbst von den Soldaten, die hier jetzt so laut über
die schreckliche Lage klagten, würden viele, ja die meisten,
wenn sie wieder nach Hause kämen, ganz anders sprechen und
über Verrat der Feldherren schreien, die nur deshalb aus
Sizilien abgezogen seien, weil sie bestochen gewesen. Er kenne
die Athener zur Genüge, und ehe er sich von ihnen auf Grund
einer nichtswürdigen Anklage zu Unrecht verurteilen lasse,
wolle er lieber durch Feindes Hand fallen und es für seine
Person nötigenfalls darauf ankommen lassen. Bei alledem
ständen die Sachen bei den Syrakusern immer noch schlechter
als bei ihnen. Sie hätten für ihr Söldnerheer und die festen
Plätze außerhalb der Stadt viel Geld ausgegeben und schon
ein Jahr lang eine große Flotte unterhalten, so daß sie jetzt
bereits Mangel litten, der sich demnächst noch fühlbarer machen
werde. Zweitausend Talente hätten sie schon ausgegeben und
außerdem viel Schulden machen müssen, und wenn sie ihren
Zuschnitt durch Kürzung des Soldes für die Truppen auch
nur im geringsten einschränkten, so würden sie den Krieg nicht
durchhalten können, da sie ihn vorzugsweise mit Geworbenen
und nicht wie die Athener mit ausgehobener wehrpflichtiger
Mannschaft führten. Also müßte man bleiben, um die Be
lagerung fortzusetzen, und nicht vor Feinden, denen man an
Mitteln überlegen sei, das Feld räumen.
History of the Peloponnesian War. Thucydides. Theodor Braun (Translator). Leipzig. 1917.
Sponsored by University of Leipzig.
Funding provided by European Social Fund Saxony.