daß dies Land von jeher die Freiheit seiner Tapferkeit ver
dankt, und daß ihr Dorier jetzt gegen Jonier kämpfen sollt,
die ihr zu besiegen gewohnt seid, brauche ich nur eben anzu
deuten. Aufklären aber will ich euch darüber, wie ich den
Angriff zu machen beabsichtige, damit ihr mir nicht meint,
wir wären zu schwach, weil wir nur zu wenigen und nicht
gleich alle ins Gefecht gehen, und deshalb den Mut sinken
laßt. Unsere Gegner, die sich vermutlich nur, weil sie uns
verachten und gar nicht darauf rechnen, daß man eS im freien
Felde mit ihnen aufnehmen würde, bis hierher verstiegen haben,
halten keine Ordnung und haben auch jetzt nichts Besseres
zu tun, als sich die Gegend zu besehen. Wenn man auf solche
Fehler des Gegners gut acht gibt und dann auch seinen An
griff mit Rücksicht auf die eignen Kräfte einrichtet, nicht gleich
seine ganze Macht einsetzt, sondern die Umstände geschickt zu
benutzen weiß, hat man die beste Aussicht, ihn zu besiegen.
Und je besser man versteht, die Feinde durch List zu täuschen
und den Seinigen dadurch Vorteile zu vershcaffen, um so größer
der Ruhm. Darum will ich, solange sie noch arglos und
unvorbereitet sind und, wie es mir vorkommt, überhaupt nicht
standhalten, sondern wieder abziehen wollen, bevor sie zur Be
sinnung kommen und ihren Schlachtplan machen, mit meinen
Leuten hier über sie herfallen und im Sturmschritt womöglich
mitten in ihr Heer dringen, und du, Klearidas, mußt dann,
sobald du siehst, daß ich ihnen auf der Kappe bin und sie
gehörig in Schreck gesetzt habe, plötzlich das Tor öffnen lassen
und mit deinen Leuten und den Mannschaften aus Amphi
polis und den anderen Bundesstädten vorbrechen und so schnell
wie möglich handgemein mit ihnen zu werden suchen. Denn
so haben wir die beste Hoffnung, sie in die Flucht zu schlagen.
Denn ein unerwarteter zweiter Angriff ist für den Feind
schrecklicher als ein Kampf, in dem er sich dem Gegner von
vornherein Mann gegen Mann gegenübersieht. Du selbst
hatte dich brav, wie es einem Spartaner ziemt, und ihr,
wackere Bundesgenossen, folgt eurem Führer mutig nach und
glaubt nur, daß williger und pünktlicher Gehorsam gegen die
Vorgesetzten die erste Bedingung glücklichen Erfolgs im Kriege
ist. Bedenkt auch, daß es sich heute entscheiden wird, ob ihr
dank eurer Tapferkeit hinfort frei sein und Bundesgenossen
der Lakedämonier heißen, oder den Athenern gehorchen sollt
und, wenn es dann auch ohne Sklaverei und Hinrichtungen
abgeht, jedenfalls einer drückenderen Knechtschaft als bisher
verfallen und die Befreiung der übrigen Griechen verhindern
werdet. Also nur Mut, und denkt daran, was heute auf dem
Spiel steht. Ich aber werde euch zeigen, daß ich nicht nur
anderen Mut predigen, sondern auch selbst mutig meinen Mann
stehen kann."
History of the Peloponnesian War. Thucydides. Theodor Braun (Translator). Leipzig. 1917.
Sponsored by University of Leipzig.
Funding provided by European Social Fund Saxony.