keine fest ansässige Bevölkerung, vielmehr war es in älterer
Zeit nichts Ungewöhnliches, daß ein Stamm seinen Wohnsitz
wechselte und den alten ohn? l weiteres aufgab, wenn er von
einem zahlreicheren Volke gedrängt wurde. Handel gab es
nicht, auch keinen gesicherten Verkehr, weder zu Lande noch zur
See. Man lebte von der Hand in den Mund und dachte
nicht daran, Reichtümer zu sammeln oder das Land sorgfältiger
zu bebauen, da man nie wissen konnte, ob nicht ein anderer
kommen und alles nehmen würde, zumal die Wohnsitze nicht
befestigt waren. Was man zum täglichen Leben nötig hatte,
war eben überall zu haben, und so wanderte man unbedenklich
aus. Darum aber ist eS auch damals zu großen Städten oder
höherem Wohlstand nicht gekommen. Von solchen Wanderungen
aber wurden die fruchtbarsten Länder am meisten betroffen, so
daS heutige Thessalien, Böotien, der größte Teil deS Pelo
ponneS mit Ausnahme von Arkadien, und die sonst besonders
gesegneten Gegenden. Denn grade die bei der Ergiebigkeit 1
ihres Bodens schon zu einem gewissen Wohlstände gelangten,
infolgedessen aber auch in innere Zerwürfnisse geratenen und
dadurch in ihrer Widerstandekraft geschwächten Länder waren
es, welche die Begehrlichkeit fremder Stämme am meisten
reizten. Attika dagegen mit seinem mageren Boden, wo seit
ältester Zeit keine inneren Kämpfe vorgekommen waren, hat
stets dieselbe Bevölkerung gehabt, und besonders hierauf kann
ich mich für meine Ansicht berufen, daß die übrigen Länder eben
der Wanderungen wegen nicht zu gleicher Blüte gelangt sind.
Denn die kräftigsten Bewohner anderer griechischer Länder,
wenn sie durch Krieg oder innere Unruhen zum Auswandern
gezwungen waren, wandten sich nach Athen, wo sie sich sicher
fühlten, wurden hier Bürger und vermehrten so die Einwohner
zahl der Stadt dergestalt, daß die Athener nachmals sogar
Kolonien nach Jonien aussenden mußten, weil in Attika kein
Platz mehr war.
History of the Peloponnesian War. Thucydides. Theodor Braun (Translator). Leipzig. 1917.
Sponsored by University of Leipzig.
Funding provided by European Social Fund Saxony.