Markellinos
über Leben und Schreibart des Thukydides').Reden und Redekämpfe, und erfüllt und znr Genüge gesättigt an der
Weisheit, die aus seinen berathenden, wie aus den gerichtlichen Reden
spricht, ist jetzt noch übrig, daß wir auch des Thukydides Weihen aus
uns nehmen; denn groß ist der Mann an Kunst und Schönheit der
Reden, wie durch Genauigkeit in den Thatsachen, durch Rathschläge,
des klugen Feldherrn würdig, wie durch Volks- und Lobreden.
Zuvörderst aber müssen wir über Geschlecht und Leben des Mannes
berichten, denn wer mit Einsicht zu Werke geht, muß erst hierüber
seine Untersuchungen anstellen, bevor er die Werke selbst prüfend
betrachtet.
der seinen Namen überkommen hatte von Oloros, dem Thrakerkönig;
seine Mutter war Hegesipyle, und zu seinen Vorfahren gehörten höchst
berühmte Feldherren, Männer wie Miltiades und Kimon und ihre
Zeitgenossen. Von Alters her nämlich hatte sich sein Geschlecht
abgezweigt von dem des Feldherrn Miltiades; Miltiades aber stammt
ab von Aeakos, dem Sohn des Zeus. So erhabener Abkunft aus
ältester Zeit rühmt sich unser Geschichtschreiber! Zeugniß dafür gibt 1
Didymos, welcher sagt, daß PherekydeS im ersten Buche seiner
Geschichten also schreibt:
den Dai'kloS, der den Epidykos, der den Akestor, der den Agenor, der
den Olios, der den Lykes, der den Typhon, der den Lai'oS, der den
Agamestor, der den Tifandros, der den Miltiades, der den
Hippo-kleides, unter dessen Archontat die Panathenäen eingeführt wurden,
der aber den Miltiades, welcher den ChersonesoS kolonifirt hat."
AsoviS überschrieben ist. Aber wird nicht Einer sagen: was hat das
mit Thukydides zu thun? Nun, er ist, wie im Folgenden gezeigt
wird, sein (des Miltiades) Verwandter.
Apstnthier, ihre Nachbarn. Da sie aber unglücklich waren in diesem
Kriege und immer von ihren Feinden geschlagen wurden und also
jegliches Unheil über sie erging, so nahmen sie ihre Zuflucht zum
Orakel des Gottes, denn sie wußten, daß die Gottheit allein Auswege
findet aus verzweifelter Lage; und auch AeschyloS sagt ja, daß des
GotteS Macht über AlleS erhaben ist, der die Wolke schweres Unheils,
wenn sie auch schon die Augen bedeckt, wieder entfernt ^). Und sie
täuschten sich nicht in ihrer Hoffnung; denn sie erhielten den Spruch:
sie würden den trefflichsten Führer finden, und zwar in dem Manne,
der sie, die Umherirrenden, gastfreundlich einladen werde. s^DieS
geschah zu der Zeit, als KrösoS über Lydien herrschte und zu Athen
die Gewaltherrschaft der Peisistratiden bestand.^ Als sie nun vom
Orakel nach der Heimat zurückgingen, trafen sie auf den Miltiades,
der vor der Thüre seines Hauses saß, erzürnt und bekümmert über
die Gewaltherrschaft und nachsinnend, wie er Attika verlassen könnte,
ohne das Gesetz zu verletzen. DieS hatte aber der weissagende Gott
zu ihrem Besten also gefügt. Da er sie nun im Auszug?
umherirrender Leute sah und wohl wußte, waS es heißt, in der Irre fahren zu
müssen, so lud er die Männer in die Gastfreundschaft seines HerdeS,
indem er so, ohne es zu ahnen, dem Willen des Orakels diente. Die 2 3
aber freuten sich, daß diese Gastlichkeit ihnen einen Führer geschenkt,
und erzählten ihm Alles und wählten ihn zu ihrem Feldherrn. Die
Einen berichten nun, jener habe den Gott nochmals befragt und sei
dann mit ihnen weggezogen, die Andern aber, er sei nicht ohne die
Bewilligung des Tyrannen weggegangen, sondern habe zuvor dem
Gewalthaber die Aufforderung der Thraker mitgetheilt, und dieser
habe ihm auch seinerseits die Erlaubniß gegeben und ihn entlassen,
froh darüber, daß ein so viel vermögender Mann Athen verlasse. Als
Feldherr nun erfüllte er die Verheißungen des Orakels, und nach dem
Siege kolonisirte er den Chersonesos. Als dann sein Sohn gestorben
war, übernahm die Nachfolgt in der Herrschaft über den EbersoneS
Stesagoras sein Bruder von derselben Mutter. Als aber
auch dieser gestorben war, übernahm die Nachfolge Miltiades, der den
gleichen Namen hatte mit dem ersten Gründer und des Stesagoras
Bruder war von demselben Vater und derselben Mutter. Dieser nun,
obgleich er von einer attischen Frau Söhne hatte, nahm doch ans
dem Wunsche nach Herrschaft die Hegesipyle, des Thrakerkönigs
Oloros Tochter, zur Frau und zeugte mit dieser ein Söhnlein. Als
dann aber.die Perser gegen Hellas heranzogen, packte er seine Habe
zusammen und schickte sie nach Athen, und so auch die, meisten Glieder
seiner Familie. Das Schiff nun, auf welchem auch seine Kinder,
jedoch nicht die der Thrakischen Frau, sich befanden, wurde
aufgefangen^), vom König aber wieder freigegeben, sofern Herodotos
nicht falsch berichtet. Miltiades selbst rettete sich aus Thrakien
glücklich nach Attika; keineswegs aber vermied er die Anklagen seiner
Feinde, die Beschuldigungen gegen ihn vorbrachten, indem sie ihn der
Gewaltherrschaft ziehen. Gleichwohl entging er auch diesen und
wurde im Kriege gegen die Barbaren zum Feldherrn gewählt. Von
diesem nun sagt man, leite sich das Geschlecht des
Thuky-dides her, und einen sehr starken Beweis dafür erblickt man in seinem
großen Vermögen und in seinen Besitzungen in Thrakien und
syle gelegenen Bergwerken. Er scheint nun Einigen deS
Miltiades oder dessen Tochtersobn zu sein. Er selbst hat uns die 4 5
Untersuchung hierüber nicht ersparen wollen, denn er thut seiner
Abstammung keine Erwähnung. Das wissen wir aber sicher, daß sein
Vater nicht Orolos heißt (mit dem R in der ersten und dem L in
der zweiten Sylbe 6), da diese Schreibweise fehlerhaft ist, auch nach
der Meinung des Didymos; denn daß der Name Oloros lautet,
bezeugt die Säule auf seinem Grabe, in welcher eingegraben steht:
„Thukydides, des Oloros Sohn, der Halimufier." -Bei dem
sogenannten Melitischen Thore nämlich, in Koile, befinden sich die
sogenannten Kimonischen Denkmäler, unter welchen auch die Gräber des
Herodotos und Thukydides gezeigt werden. Hieraus geht deutlich
hervor, daß er in der That in die Familie des Miltiades gehört,
denn Fremde werden dort nicht begraben. Auch bezeugt dies
Polemon in seinem Buche über die'Akropolis, wo er auch erwähnt, daß
jener einen Sohn des Namens Timotheos gehabt habe. Hermippos
indessen erzählt, daß er sein Geschlecht auch von den Peifistratiden
herleite, weßhalb er denn auch in seinem Geschichtswerke die That
des HarmodioS und Aristogeiton auf übelwollende Art erzähle, wo
er sagt, daß sie keine Tyrannenmörder seien; denn nicht den
Tyrannen tödteten sie, sondern des Tyrannen Bruder Hipparchos..
reich war und Bergwerke in Thrakien besaß. Diesen Reichthum aber
wendete er nicht in schwelgerischer Lebensweise aus, vielmehr, da er
schon vor dem Peloponnesischen Kriege dessen AuSbruch voraussah,
zog er eS vor, diesen zu beschreiben, und wendete viel Geld aus an
Athenische und Lakedämonische Soldaten, sowie an viele Andere,
damit sie ihm, zum Zwecke seiner Geschichtserzählung, über die
jedesmaligen Vorfallenheiten des Krieges und die gehaltenen Reden
Mittheilungen machten. Es stellt sich hier die Frage, warum er neben
den Andern auch Lakedämonische Soldaten bezahlte, da er doch nur
Athenische zu bezahlen brauchte, um von ihnen Berichte zu erhalten.
Wir geben zur Antwort, daß er nicht ohne Zweck auch Andere
bezahlte. Sein Zweck nämlich war, die Wahrheit der Thatsachen zu 6 7
überliefern, und es war ja ganz natürlich, daß die Athener, die
Ereignisse zu ihrem eigenen Vortheil wendend, fälschlich berichteten und
oft sagten: „Wir haben gesiegt," wo sie uicht gesiegt hatten. Aus
diesem Grunde also bezahlte er Alle, um aus dem
Uebereinstimmenden in den Berichten Vieler die wirkliche Wahrheit herauszuspüren,
denn durch das, was in den Berichten Vieler zusammenstimmt,
scheidet sich das Unwahrscheinliche von selber aus.
weßhalb er denn auch, wie AntylloS berichtet, halb und halb für
einen Gotteslaugner galt, als von der Lehre jenes Mannes
angesteckt 8), dann den Lehrer der Redekunst, Antiphon, einen Mann von
gewaltiger Beredsamkeit, dessen er selbst im achten Buche
Erwähnung thut 9), als mitbetheiligt am Sturz der Demokratie und an der
Einsetzung der Vierhundert. Daß aber die Athener noch nach des
Antiphon Tod (Hinrichtung) sich an ihm rächten, indem sie seinen
Leichnam über die Stadtgränzen hinaus werfen ließen, das hat er
verschwiegen, um die Ehre seines Lehrers zu wahren. Es wird
nämlich in der That erzählt, daß die Athener den Leichnam des Antiphon,
als eines am Sturz der Demokratie Mitschuldigen, auf die Straße
werfen ließen.
erreicht, betheiligte sich nicht an den Staatsgeschäften, noch auch
betrat er die Rednerbühne, wohl aber übernahm er ein Feldherrnamt,
mit diesem Kommando jedoch auch die Quelle seines Unglücks; denn
seine Verbannung war die Folge desselben. Die Veranlassung war,
daß er nach Amphipolis geschickt wurde, wo ihm aber Brasidas
zuvorkam, der die Stadt wegnahm; gleichwohl war seine Amtsführung
nicht ohne allen Nutzen für die Athener, da er zwar Amphipolis
vertor, aber doch Eion am Strymon rettete Trotzdem rechneten sie
ihm sein erstes Unglück als Schuld an und verbannten ihn. Nach 8 9 10
der Verbannung hielt er sich in Aegina'') auf und lieh, als reicher
Mann, den größten Theil seines Vermögens aus Zinsen auS; dock
auch von hier zog er wieder weg und hielt sich in Skapte Hyle aus,
wo er im Schatten einer Platane an seiner Geschichte schrieb. Man
muß sich nämlich hüten, dem Timäos Glauben zu schenken, welcher
berichtet, daß er als Verbannter in Italien gelebt habe. Trotz Allem
aber schrieb er nicht so, daß er den Athenern ihr Unrecht gedachte,
sondern wie ein wahrhaftiger Mann und ohne Leidenschaftlichkeit,
da nicht einmal Kleon und Brasidas, der doch die Ursache seines
Unglücks war, von ihm geschmäht worden, so daß sich hierin der
erzürnte Geschichtschreiber offenbart hätte. Und doch, haben die
Meisten die Geschichte nach den Eingebungen ihrer Leidenschaft
geschrieben und sich um die Wahrheit sehr wenig gekümmert. So
erzählt Herodotos weil er von den Korinthern verachtet worden
war, sie seien vor der Seeschlacht bei Salamis davongelaufen;
Timäos aber, der Tauromenier, lobt den Timoleon über alles Maß.
weil er seinen Vater Andromachos im Besitz der Alleinherrschaft
gelassen hatte; so vertheidigt auch Philistos in seinen Reden den
jüngeren Dionysios, Lenophon aber schmäht den Menon den
Freund des Plato, aus Eifersucht auf Plato. Der gemäßigte und
billig denkende Mann aber läßt sich von der Wahrheit überwinden.
ThukydideS gegeben hat: der erste ist der unsrige, des Oloros Sohn ;
der zweite der Demagog, des Milesias Sohn, der politische Feind
des Perikles; der dritte ist ein Pharsalier dessen Polemon in
seinem Buche über die Akropolis Erwähnung thut, wo er ihn den
Sohn des Menon nennt; der vierte ist ein anderer Thukydides, ein
Dichter, dem Demos nach ein Acherdusier, dessen Androtion in seiner
Attischen Geschichte Erwähnung thut, indem er ihn einen Sohn des
Ariston nennt; derselbe lebte, wie Praxiphanes in seinem Buche über
Geschichte berichtet, zur selben Zeit mit Plato dem Komiker, Aga 11 12 13 14 15
thon dem Tragiker, NikeratoS dem Epiker, sowie mit EhoiriloS und
Melanippidcs: so lange Archelaos lebte, war er, wie PraxiphaneS
selbst erzählt, ganz und gar unangesehen, später aber wurde er
höchlich bewundert.
als Verbannter gelebt, und bringen auch einen Beweis dafür bei, daß
sein Leichnam nicht in attischer Erde ruhe. Nuf dem Grabe nämlich
stehe eine Mastspitze, und das sei das einheimische, in Attika
gebräuchliche Zeichen, woran man erkenne, daß das Grab ein leeres,
und der Betreffende in der Verbannung gestorben und nicht in Athen
begraben sei Didymos aber erzählt, daß er aus der
Verbannung zurückgekehrt und zu Athen eines gewaltsamen Todes
gestorben sei; jenes aber, sagt er, stehe in dem Bericht des Zopyros. Nach
der Niederlage (auf Sicilien nämlich hätten die Athener allen
Verbannten mit Ausnahme der Peifistratiden die Rückkehr gewährt.
Er sei also zurückgekehrt, eines gewaltsamen Todes gestorben und bei
den Kimonischen Gräbern bestattet worden. Auch sagt er, er könne
die Einfalt derjenigen nur verachten, welche glauben, daß er zwar in
der Fremde gestorben, aber auf Attischem Boden begraben sei. Denn
entweder wäre er dann nicht in den väterlichen Gräbern bestattet
worden, oder doch nur heimlich hineingelegt, und hätte dann weder
eine Denksäule, noch eine Inschrift erhalten, die aber doch wirklich
mit dem Namen des Geschichtschreibers auf dem Grabe steht. Daß
aber den Verbannten die Rückkehr gestattet wurde, leidet keinen
Zweifel, denn auch PhilochoroS erzählt es und DemetricS in seinen
Archonten. Und wenn Zopyros behauptet, er sei in Thrakien
gestorben, so bin ich meineStheils der Meinung, daß dies nur leeres
Gerede ist, wenn gleich auch Kratippos meint, daß er die Wahrheit
berichte. Wenn aber Timäos und Andere behaupten, er sei in
Italien begraben, so ist das ganz und gar lächerlich.
gehabt, und Kopf und Haarwuchs mehr spitz zulaufend, im Uebrigen
aber sei seine Haltung gewesen, wie man es seinem Geschichtswerk 16 17
nach wohl erwarten mag. Im Alter habe er es über fünfzig hinaus,
gebracht, ohne aber in seinem Werke das vorgesteckte Ziel zu erreichen.
sich Thukydides als Nacheiserer des Homeros gezeigt, in Größe und
Erhabenheit des Ausdrucks dem Pindaros nachgestrebt; doch hat er
die Sprache absichtlich in Dunkel gehüllt, damit er nicht Allen
zugänglich sei, und nicht Jeder wohlfeilen Kaufs wie im Handumdrehen
den Sinn zu erfassen sich einbilde; vielmehr wollte er nur von den
Weisesten verstanden und von ihnen bewundert werden. Denn wer
von den Besten gelobt wird und der Verständigen gerechten Beifall
gewinnt, der trägt Ruhm davon, der in die Zukunft dauert und nicht
Gefahr läuft, verlöscht zu werden durch daS Urtheil derer, die später
endgiltig entscheiden. Für wenig nachahmenswert aber, wie
Antyllos sagt, erachtete er des Leontiners Gorgias Gleichklangfiguren
und Wortgegensätze, die um jene Zeit bei den Hellenen Bewunderung
fanden, und so auch Prodikos', des Keiers, spitzfindige Wortdeutelei.
Am meisten von Allen aber, wie schon gesagt, ahmte er den Homeros
nach, wie in der Auswahl der Worte und Sorgfalt der Komposition,
so in der Kraft des Ausdrucks, der Schönheit und Kürze.
nur eine leblose Erzählung eingeführt und sich durchaus nur der
trockenen Berichterstattung bedient, ohne den einzelnen Personen
Reden in den Mund zu legen und sie als Sprecher vor der
Volksversammlung auftreten zu lassen, — Herodotos zwar hat schon einen
Versuch gemacht, jedoch nicht mit der nöthigen Kraft und Sicherheit, ^
denn er läßt nur wenige Reden halten, und nicht sowohl VolkSreden, I
als Darlegungen seiner Ansichten und Meinungen, die er einzelnen
Personen andichtet — unser Geschichtschreiber allein aber hat die
Volksreden zuerst angebracht und vollständig durchgeführt, nach
Haupt- und Nebengesichtspunkten, so daß diese Reden förmlich unter
bestimmte Kategorien gebracht werden können, woran man vollendete
Reden erkennt. Von den drei Arten der darstellenden Schreibart,
der erhabenen, trockenen und mittleren hat er mit Beifeitlassung der
andern nur die erhabene anzuwenden gesucht, als welche der
besonderen Art dieses so gewaltigen Krieges zusagt und seiner Größe ge>
ziemt. Wenn große Thaten geschehen sind, so geziemt es sich auch,
daß die Weise der Erzählung den Thaten gleiche. Damit du aber
auch von den andern Schreibarten Beispiele habest, so wisse, daß des
mittleren, der weder erhaben noch trocken ist, sich Herodotos bedient
hat, des trockenen aber Xenophon. Der Erhabenheit des StyleS
wegen nun hat sich Thukydides oft auch poetischer Ausdrücke und
uneigentlicher Sprechweisen bedient. Indessen gibt es auch Einige,
welche die Behauptung gewagt haben, daß der Gesammtcharakter des
ganzen GeschichtSwerkS nicht der rednerische sei, sondern der
dichterische. Daß der poetische Charakter indessen hier nicht vorhanden ist,
erhellt daraus, daß das Werk nicht in irgend einem Versmaß
geschrieben ist. Wenn uns aber Einer hiegegen einwendet, daß die
prosaische Schreibart nicht durchaus mit der rednerischen zusammen-
fällt, wie ja auch die Werke Plato's oder die der Aerzte keine
rednerischen Schriften sind, so erwidern wir, daß aber doch wenigstens
die Geschichte nach Hauptgefichtspunkten eingetheilt und unter die
rednerische Schreibart gerechnet wird, und zwar durchaus jede Art
der Geschichtschreibung unter die berathende Bercdtsamkeit —
Audere freilich bringen sie unter die lobrednerische, weil sie, wie diese
sagen, diejenigen lobpreist, welche in den Kriegen sich am meisten
hervorgethan haben — des ThukydideS Darstellung aber fällt
ausnahmsweise unter alle drei Arten, und zwar unter die berathende in
sämmtlichen Volksreden, ausgenommen die der Platäer und Thebancr
im dritten Blicht), unter die lobrednerische wegen der Grabrede'^),
und unter die gerichtliche wegen der Rede der Platäer und Thebaner,
die wir oben von den andern ausgenommen haben. Denn wo, wie
hier, die anwesenden Lakedämonier als Richter entscheiden, und der
Platäer fragweise in Untersuchung gezogen wird und sich in Betreff
des Gefragten vertheidigt, indem die Rede zwischen Mehreren hin
und hergeht, und der Thebaner widerspricht und den Lakedämonier
zum Zorn zu reizen sucht, da verrathen Anordnung, Gang und ganze
Art der Rede deutlich deren gerichtlichen Charakter.
nicht von Thukydides her, und die Einen schreiben eS seiner Tochter, 18 19
die Andern dem Xenophon zu. Diesen entgegnen wir: daß eS von
seiner Tochter nicht herrührt, ist ganz klar, denn es ist der weiblichen
Natur nicht möglich, es solcher Tüchtigkeit und Kunst gleichzuthun.
Und gesetzt den Fall, sie wäre dennoch von der Art gewesen, so hätte
sie gewiß nicht gewünscht, im Verborgenen zu bleiben, und hätte auch
nicht das achte Buch allein geschrieben, sondern noch vieles Andere
hinterlassen, worin sie ihre eigene Natur zeigen konnte. Daß aber
Xenophon der Verfasser nicht ist, dagegen schreit, wenn eS möglich
ist, der Styl überlaut, der sich meist in der Mitte zwischen dem
trockenen und dem erhabenen hält. Auch dem Theopompos kann eS
nicht angehören, wie Einige behaupten wollen. Andere aber, und
wohl die Einsichtigsten, glauben, daß eS allerdings von ThukydideS
geschrieben sei-, jedoch nur ungeschmückt und nur im Entwurf,
übrigens vorzüglich reich an Thatsachen, welche der Ausschmückung
und breiteren Ausführung wohl fähig gewesen wären. Deßhalb
dürfen wir auch sagen, daß der Ausdruck schwächer ist, so daß eS
scheinen könnte, als ob er bei der Abfassung etwa krank gewesen wäre.
Ist der Leib krank, so pflegt auch das Denken etwas kraftloser zu
sein; denn Körper und Geist leiden merklich mit einander.
beschäftigt mit der Erzählung der Ereignisse deS einundzwanzigsten
Kriegsjahres; denn der Krieg dauerte siebenundzwanzig Jahre. Die
Ereignisse der sechs noch übrigen Jahre haben ergänzt TheopompoS
und Xenophon in seiner Hellenischen Geschichte. Zu wissen ist, daß
Thukydides als Feldherr bei AmphipoliS sich den Vorwurf der
Säumigkeit zuzog, da Brafidas vor ihm die Stadt wegnahm, weßhalb er
auf Betreiben deS Kleon von den Athenern verbannt wurde. Darum
ist er auch Feind deS Kleon und führt ihn überall als einen Narren
ein. Er ging also fort, wie man erzählt, und verfaßte in Thrakien
sein herrliches Geschichtswerk. Gleich mit Beginn des Krieges
nämlich zeichnete er sich Alles auf, was gemeldet und gethan wurde, von
vorn herein keineswegs auf Schönheit der Darstellung bedacht,
sondern nur mit der Absicht, die Thatsachen durch seine Aufzeichnung
der Vergessenheit zu entreißen. Später aber, nach seiner Verbannung,
als er sich zu Skapte Hyle in Thrakien aufhielt, führte er daS in kunst-
voller Schönheit aus, was er Anfangs nur des Nichtvergessens wegen
niedergeschrieben hatte. Den Mythen und Sagen ist er Feind, weil
er nur an der Wahrheit Freude hat. Denn den Geschichtschreibern
ziemt nicht dasselbe, wie den Erzählern, welche auch Sagen unter
ihre Geschichten mischen, mehr nach dem Ergötzlichen strebend, als
nach Wahrheit. DaS aber überläßt der Geschichtschreiber jenen, er
selbst will nicht die Zuhörer ergötzen, sondern durch sein Werk denen
nützen, welche die genaue Wahrheit lernen wollen. Deßhalb nennt
er seine Geschichte auch bestrebt ... 2°). An vielen
Stellen ist er den ergötzlichen Erzählungen ausgewichen und hat es
abgelehnt, der Mehrzahl zu folgen, welche Einschiebungen
anzubringen pflegen, wie auch bei Herodotos 2 >) der Delphin vorkommt, der
die Musik liebt, und Arion, der ihn mit seiner Musik steuert, und
vor allen daS zweite Buch durchaus lügenhast ist. Unser
Geschichtschreiber aber, wo er dergleichen nebenher erwähnt, ist dazu
genöthigt und thut es nur, um damit aus die Einsicht der Leser zu wirken.
So z. B. ist seine Erzählung von^Tereus 22) nur darauf berechnet,
uns über die Leidenschaften der Weiber zu belehren, an die Geschichte
von den Kyklopen 23) ist nur der Oertlichkeit wegen erinnert, und
von Alkmäon 24) wird nur mitgetheilt, wie er seine Vernunft wieder
gewonnen und die Inseln in Besitz genommen hat, keineswegs aber
die ganze Geschichte der Länge und Breite nach erzählt. So verfährt
er mit den Sagen; hingegen ist er gewaltig im Abschildern der
Charaktere. Im Einzelnen ist er deutlich, im Satzbau aber scheint er
wegen des sich Drängens der Gedanken hie und da unklar/ Der
Charakter des Styls ist überaus ernst und groß, die Fügung der
Sätze aber voll Härten, schwer und reich an Versetzungen, hie und
da auch unklar. Bewunderungswürdig aber ist seine Kürze; er bietet
mehr Gedanken als Worte. Sehr zu rühmen an ihm ist auch die
körnige Spruchweise. Sehr große Kraft zeigt er in den Erzählungen, 20 21 22 23 24 25 26
wenn er uns Seeschlachten, Belagerungen, Seuchen und
VolkSaufstände schildert. Reich "und vielgestaltig ist er in -den Redeweisen,
hierin auch die Fülle des Leontiners GorgiaS nachahmend, - kurz,-wo
er Befehle ertheilen läßt, herb und bitter in der Darstellung von
UnglückSfällen, und überaus trefflich in Nachahmung und
Abschilderung der Charaktere: bei ihm siehst du wie mit Augen des Perikles
Hochsinn, deS Kleon leichtsinnige Zunge, des Alkibiades
Unbesonnenheit, des Thennstokles ganze Größe des Nikias Bravheit,
abergläubisches Wesen und sein Glück bis zum Sikelisä'en
Kriegszug ^), und so unzähliges Andere, was wir im Einzelnen in'S Auge
zu fassen versuchen werden. ^ ' v ? "
der Stelle des er bat, wonach er schreibt: 5v»'k^ai/-e und
wie er. denn auch «5 statt « schreibt in Auch ist-er stark im
Erfinden neuer Worte. Zum Theil gehören dieselben einer älteren
Zeit an, als der seinigen, wie (im ersten Anschrei, eine
Stadt nehmen '^), (es kriegelt ihnen, es gelüstet
sie nach Krieg ^), (überschwer),
(Sündenschuld 2') und'5^-75 (Holzwellen, Neißigbündel zum
Theil sind sie dichterisch, wie (überschatten, im
Dunkel verstecken), k?rz^i)r«5 (Ankömmlinge, Fremde ^)', «vttxwx (mit
gutem Bedacht ^) und dergleichen; zum Tbeil aber^sind sie nur ibm
selbst eigen, wie (der Ablauf, Abbug, Ansbug 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38
(Hinderung 37), (Abmauerung, Einschließung
durch Mauern bei Belagerungen?^), und was sonst Alles von.Andern
nicht gesagt worden, ist, bei ihm aber vorkommt.. Er trachtet auch
nach Erhabenheit der.Worte und nach Kraft der Gedanken, und wie
wir-schonfrüher gesagt, nach Kurze des'Satzbaus, denn die Fülle
der Thatsachen bildet sich auch in der Wortdarst'ellung ab. Ost hat
er auch Zustände und Dinge als Personen hingestellt, wie.ro avr/-
5ra^,ov 6eo5 :(diex Furcht, des Gleichstarken vor dem Gleichstarken,
persoinficirt.Auch hat erietwas vom Lobredner,-was,er in den
Grabreden zeigt, und verschiedentlich ^bedient er sich der Ironie
und der: Fragen.und läßt seine.Redner wie Philosophen sprechen;
zwo er-'nämlich.in Fragen -und.Antworten, reden läßt da/st er
:ganz Philosoph. Seine Sprechweise und Satzfügung ^wird indessen
von denMeisten gemißbilligt,, zu denen auch Dionysios von Hali-
karnaß.gehört) 'der> ihn tadelt, als ob .er der prosaischen und.in
StaatSdingen.?gebräuchlichen.Redeweise nicht .mächtig sei; er weiß
Eben-nicht,-daß. die ganze Meise (des Thukydides) nur Sach^ der
höchsten^Befähigung und dcr überlegensten Sicherheit ist. ? , , , ^
-nämlich. Herodotos^deS^Einfallsder Thebaner in.Platäa Erwähnung
-thut welche Thukydides inseinem zweiten Buche erzählt; .Auch
gibtes eine Erzählung der Art, -als habe einmal Herodotos seine
.Geschichte vorgelesen und der dabei anwesende ThukydideS.habe beim
Zubören geweiut. Da habe nun Herodotos, als er dieß gesehen, zu
Oloros, jenes Vater, gesagt: -,,O Oloros, .deines Sohnes
.schwillt.von-Wissenstrieb." Gestorben .ist er in-Thrakien/ und^die
Einen sagen.auch,,daß er dort begraben.sei, Andere.aber berichten,
seine.Gebeine.seien von den Verwandten heimlich nach/.Athen ge 39 40 41 42 43 44 45
bracht und da begraben worden.. Denn es war in Athen nicht er.
laubt, einen des Verrathes wegen Verbannten öffentlich zu begraben ^).
Sein Grabmal befindet sich wirklich nahe beim Thore an dem Orte
in Attika, welcher Koile heißt — so berichtet wenigstens AntZlloS,
ein Mann, dessen Zeugniß zuverlässig ist und der die
Geschichtsforschung und Darstellung versteht. Auch, sagt er, stand in Koile eine
Säule mit der Inschrift: „Thukydides, des Oloros Sohn, der
Halimufier." Einige fügen noch das: „Hier liegt" hinzu; aber wir find
der Meinung, daß dieß von selbst verstanden und mit Inbegriffen war,
denn in. der Inschrift stand es nicht.
nicht einmal wenn die Ereignisse Mitleid und Jammer erregen, läßt
er von dieser Großartigkeit ab. Sein Ausdruck ist gewichtig, der
Sinn aber nicht sehr klar, da er Wortversetzungen liebt und in
möglichst wenig Worten möglichst viel zu sagen bestrebt ist. So reich
und vielgestaltig er nun auch im EinzelauSdruck ist, so arm und
unbeweglich ist er anderseits in den Gedankenwendungen. Denn er
bedient sich dem Hörer gegenüber weder der Ironie, noch des
Vorwurfs, noch überraschender Seitenwendungen, oder sonst irgend einer
Finte, worin besonders des Demosthenes Stärke sich offenbart. Ich
glaube aber nicht, daß ThukydideS auS Unkenntniß der Denkfiguren
sich also zeige, sondern nur weil er seine Reden den betreffenden
Persönlichkeiten durchaus anpassend und angemessen halten will. Denn
es wäre nicht passend gewesen, einem Perikles, ArchidamoS, Nikias
und Brasidas, Männern von hoher adeliger Denkart und
Heldenhaftem Sinne, ironische oder hinterlistige Redewendungen in den
Mund zu legen, als ob sie sich nicht die Freiheit hätten nehmen
dürfen, offen zurechtzuweisen und in's Gesicht zu tadeln und zu sagen,
was immer sie wollten. AuS diesem Grunde hat er seine Reden ohne
größeren Reichthum an Nachbildung der Eigenthümlichkeiten und
ohne größere Mannigfaltigkeit der Eharakterifirung gelassen, und
hat auch hierin das Geziemende gethan und die Würde der Kunst
gewahrt. Denn dem Künstler geziemt sich, der Person ihre Ehre
und der That ihren Ruhm zu geben.
dreizehn Bücher eingetheilt haben, und Andere wieder anders. Gleich.
wohl ist die gang und gäbe gewöhnlicht Einteilung durchgedrungen,
wonach das Ganze in acht Bücher zerfällt, und der auchWklepioS
(ASklepiadeS) seine Zustimmung gegeben hat.. ?
stammte aus Thrakien, wie denn auch sein Vater Oloros diesen
Namen aus Thrakien hatte. Mit dem Haus des Miltiades war er
verwandt, und deßhalb ist auch Thukydides bei Koile begraben, wie
Miltiades. Miltiades nämlich hatte die Hegesipyle, die Tochter deS.
Thrakerkonigs, geheirathet. Er war Schüler des RhamnufierS
Antiphon, der große Redekraft besaß nnd eben deßhalb den Gerichten
Argwohn erregte. Sie ließen ihn darum auch nicht öffentlich
auftreten, weßhalb er seine Reden niederschrieb und denen gab/die ihn
darum baten. Auch sein Schüler Thukydides gibt ihm das Zeugniß,
daß wer immer seines Rathes sich erfreute, bei den Gerichten am
Besten davonkam. Jedoch galt Antiphon für schlecht, und gegen
Ende des Peloponnefischen Krieges wurde er unter der Anklage auf
Verrath vor Gericht gestellt, weil er bei einer Gesandtschaft den
Lakedämoniern sehr gute, den Athenern aber sehr schlechte Rathschläge
gegeben hätte, und schuldig gesprochen. Mit ihm wurden hingerichtet
Archeptolemos und Onomakles, deren Häuser auch niedergerissen und
deren Angehörige theils mit hingerichtet, theils für ehrlos erklärt
wurden.
und bei Thasos betraut, und war dabei reich und vielvermögend; im
Peloponnejischen Kriege aber zog er sich die Anklage auf Verrath zu,
weil er zu säumig und sorglos gewesen. Damals hatte nämlich
Brafidas die athenischen Städte in Thrakien zum Abfall von den
Athenern und zum Uebertritt zu den Lakedämoniern bewogen und
besetzt, und als es nun darauf ankam . rasch dorthin zu segeln, das
nahliegende Eion zu sichern und AmphipoliS zu retten, das für die
Athener von großer Wichtigkeit war, so konnte Thukydides zwar
Eion noch rechtzeitig sichern, Amphipolis aber vertor er. Zwar kam
Kleon^mit seiner Flotte den Thrakischen Städten'zu Hülfe und
erschien vor Amphipolis, aber der Lakedamonier.Brasidas besiegte ihn
in einer Schlacht, und Kleon fiel von der Lanze eines leichten
Myrkinischen Schildträgers. Auch Brafidas fand den Tod, nachdem er
noch die Sicherheit seines Sieges gewonnen, und Amphipolis fiel
von den Atheneris'ab' und- den' Lakedämoniern "zu.'""Damals rissen
auch die Amphipoliten die Hagnonischen Gebäude nieder und
nannten sie danach Brasidei'sche/'indem sie'hiedurch ihren Haß'gegen die
Attische Kolonisirung und ihre Neigung für die Läkedämonier zeigten,
denen sie jetzt die Ehre zuwandten." Auf die Erzählung des
Vetopönnesifchen Krieges nun verwendete Thukydides die Muße, welche
seine Verbannung ihm schuf, und eben wegen dieser scheint er sich den
Lakedämoniern vielfach günstig zu erweisen, die Athener'aber der
Herrsch-^und Habsucht zu'beschuldigen. Denn wo die Gelegenheit
sich gibt, gegen die Athener-zu reden, wo!z. B. die
Korinther-dieselben verklagen, oder-die Lakedämonier sie'tadeln, oder die Mytile->
naer ihnen Vorwürfe machen; da strömt er über von Beschuldigungen
gegen'die Athener. Und so erhebt er auch die Siege-der
Lakedämonier durch weine Darstellung und vergrößert' die-Niederlagen der
Athener, wie'auch die auf Sicilien.- ' ' ^
Sema im'Hellespont. in welcher'die Athener sich den Sieglzuschrei/
ben/ Die nachfolgenden Ereignisse'zu beschreiben,, hat er Andern.-
überlassen, 'dem Mioph'on und Theopompos. -Es kommt nämlich
no^-eine ganze Reihe von Schlachten; denn er hat'w'eder diiÜzweite'
Seeschlacht bei KynoS-Sema erzählt, welche Theopompos beschreibt,
noch die bei KyzikoS, wo Thrasybulos, Theramenes und Alkibiades
siegten, noch die bei den Argennusen,lwo"die Athener über
die'Lakedamonier siegten, noch auch die eigentlichel.Ursache des UnheilS'fü'r
die Athöne'r," die Seeschlacht bei Aegospotamoi," wo.Äthen mit-seinen
Schiffen'^ auch lede'Hoffnung'für die Zukunft verlor. ^Denu'jetzt
wurden ihre Mauern niedergerissen und die Herrschaft der' dreißig
Tyrannen'eingeführt, und^äuch sonst kam vielfaches Leiden'über die
Stadt/waS All^-s Theopompos genau beschrieben hat. ' >
Athen höchst angesehen waren, und da er schon vor Abfassung seiner
Gefchichte-für sehr beredt galt, so wurde er an die Spitze der Staats,
geschäfte gestellt ^). Den ersten Beweis seinerZeredtfamkeit gab er
bei folgender-Gelegenheit. Ein Bürger, Namens Pyrilampes, hatte
einen befreundeten Mann, in den er selbst verliebt war, aus irgend
einem Grunde der Eifersucht getödtet, und als dieser Prozeß vor dem
Areopag verhandelt wurde, zeigte er (Thukydides) seine hohe
Weisheit, indem er.den Pyrilampes vertheidigte und, trotzdem Perikles,
dessen Ankläger war, seine Freisprechung durchsetzte; deßhalb wählten
ihn denn auch die Athener zum Feldherrn, und danach trat er an die
Spitze-des Volkes. In der Leitung der Staatsgeschäfte aber wurde
er hochmüthig, und dieß,-- wie seine Habgier, waren die Ursache, daß
er nicht längere Zeit an der Spitze des Volkes blieb. Zuerst
nämlich wurde er von Xenokritos, als er von seiner Abwesenheit in
Sybaris nach Athen zurückkehrte, der Bestechung eines Gerichtshofes
angeklagt, und da er sich dieser Anklagedurch die Flucht entzog, für
schuldig erklärt; später aber wurde er durch das Scherbengericht auf
zehn Jahre verbannt, und diese Verbannung brachte er in Aegina zu,
wo er auch sein Geschichtswerk abgefaßt haben soll. Und hier soll
sich auch seine Geldgier aus's Stärkste gezeigt haben, indem er
sämmtliche Aegineten durch seinen Geldwucher von Haus und Hof brachte.
Einleitung dazu geschrieben haben, da er in derselben einiger
Vorfälle Erwähnung thut, die erst im Verlaufe des Krieges selbst statt-
fanden, wie z. B. der Reinigung von Delos 45),'die um das siebente
Kriegsjahr unter dem Archonten EuthynoS soll vorgenommen worden
sein. In der Einleitung spricht er bereits auch vom Ende des
Krieges in den Worten: „bis zum Ende dieses Krieg'es"46)..Nnd
auch'im Anhange selbst sagt er: „Und wirklich ist dieser Krieg
für die Hellenen und einen Theil der barbarischen
Völker, ja man kann fast sagen, für einen sehr großen 46 47 48 49
Theil der Menschheit, zu der gewaltigsten Erschütterung
geworden ^). Nachdem er das achte Buch vollendet hatte, starb er
an einer Krankheit. Die nämlich sind im Irrthum, welche behaupten,
das achte Buch rühre nicht von Thukydides her, sondern von einem
andern Geschichtschreiber. Nach seinem Ende wurde er nahe beim
Melitischen Thore zu Athen begraben, an dem Orte, welcher Koile
heißt, sei es nun, daß er selbst nach Ablauf der gesetzlichen
Verbannungszeit nach Athen zurückgekehrt war und so im Vaterland starb,
sei es, daß er sein Leben in Thrakien beschloß und dann seine Gebeine
von dort in die Heimat gebracht wurden; denn in beiderlei Weise
wird die Sacke berichtet. Auch steht in Koile eine Säule mit der
Inschrift: „Thukydides, des Oloros Sohn, der Halimufier, liegt
hier."
Sohn des Namens Timotheos. Mütterlicher Seits leitete er sein
Geschlecht vom Feldherrn Miltiades, väterlicher Seits vom
Thrakerkönig Oloros. Schüler des Antiphon. Blühte um die 87.
Olympiade (um 430 v. Chr.). Geschrieben hat er den Krieg der
Pcloponnesier und Athener. Dieser, als er noch Knabe war, hörte den
Herodotos zu Olympia die Geschichte vorlesen, die dieser geschrieben,
und von Begeisterung ergriffen, brach er in Thränen aus. Und
Herodotos, der seine Natur erkannte, sagte zu Oloros, des
Thukydides' Vater: „Ich preise dich glücklich des trefflichen Kindes wegen,
o Oloros; denn die Seele deines Sohnes schwillt von
Wissenstrieb." Und er täuschte sich nicht in seiner Voraussagung. Dieser
Thukydides war ein Mann, groß an Kunst und Schönheit der
Reden, wie durch Genauigkeit in den Thatsachen, durch Rathschläge, des
klugen Feldherrn würdig, wie durch Volks- und Lobreden.... ^). 50 51
History of the Peloponnesian War. Thucydides. Adolf Wahrmund (Translator). Stuttgart. 1864.
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