Peloponnesier, Einer von euch vor der bevorstehenden fürchtet, so hat er darin
gar keinen gerechten Grund zur Furcht. Denn damals war unsere
Rüstung mangelhaft, wie ihr wißt, und wir segelten nicht in
Erwartung einer Seeschlacht, sondern vielmehr eines Kampfes auf dem Lande.
Zufällig waren uns auch einige Glücksumstände nugünstig, und auch
unsere Erfahrung reichte wohl für den Seekampf nicht aus. Von
unserer Seite ist also keineswegs Feigheit an der Niederlage Schuld
gewesen, und es wäre Ungerechtigkeit gegen uns selbst, wenn unser
Muth, der doch keineswegs vor der Tapferkeit der Feinde gewichen
ist, sondern noch viele Rechtsertigungsgründe für sich hat, sich durch
das eingetretene Unglück würde Herabdrücken lasten. Vielmehr muß
man glauben, daß derMensch durch die Verhängnisse des Schicksals wohl
einmal unglücklich sein kann, aber deshalb, was seinen Muth angeht, doch
nach wie vor mit Recht für einen tapfern Mann gehalten werde, und
daß Einer bei tapferer Gesinnung aus seiner Unerfahrenheit keinen 1
Entschuldigungsgrund der Verzagtheit machen dürfe. Ihr aber steht
nicht einmal wegen mangelnder Erfahrung so weit hinter jenen zurück,
als ihr sie an Kühnheit übertrefft. Die Erfahrung jener, die ihr so
sehr fürchtet, wird nur, wenn sie mit Tapferkeit verbunden ist,
Beisnnung genug haben, um in der Gefahr das anzuwenden, was sie
gelernt hat. Ohne Muth aber ist keine Kunst m der Gefahr etwas
nütze; denn Furcht benimmt die Besinnung, und Geschicklichkeit ohne
Tapferkeit vermag Nichts. Setzet also der größeren Erfahrung jener
euerseits kühneren Muth entgegen, und eurer Furcht wegen der früheren
Niederlage den Gedanken, daß wir damals ungerüstet waren. Auch
kommt euch die größere Schiffszahl zu Statten, und daß ihr an der
eigenen Küste in der Nähe eurer Schwerbewaffneten die Seeschlacht
liefert. Meist gehört ja der Sieg der Mehrzahl und den besser
Gerüsteten. So könnten wir also auch nicht einen einzigen Grund finden,
weshalb wir wahrscheinlicher Weise den Kürzeren ziehen sollten. Was
wir früher schlecht gemacht haben, das kommt uns jetzt als erworbene
Belehrung zu Statten. So seid also gutes Muthes, ihr Steuermänner
und Schiffleute! Thue Jeder das Seine und weiche nicht von dem
Platze, wohin er gestellt worden ist. Wir aber werden nicht schlechter
als die vor uns Anführer gewesen sind, den Angriff leiten und werden
Keinem einen Vorwand lassen, sich feig zu zeigen. Wenn es aber
dennoch Einer thun wollte, so wird ihn die geziemende Strafe treffen;
die Braven aber werden mit dem verdienten Lohn der Tapferkeit
geehrt werden."
History of the Peloponnesian War. Thucydides. Adolf Wahrmund (Translator). Stuttgart. 1864.
Sponsored by University of Leipzig.
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