an uns tadelt, habt ihr euch nicht zu schämen; denn wenn ihr euch
jetzt beeilen wolltet, so würde das Ende um so mehr verzögert werden,
weil ihr unvorbereitet an's Werk ginget. Wir sind Bürger eines.freien
und in aller Weise wohlberühmten Staates, und mehr als jeden
andern verdient jenes Verfahren den Namen wohlbedächtiger Klugheit. 1 2 3
Denn darin allein liegt der Grund, weshalb wir im Glück nicht den
Uebermuth aufkommen lassen und im Unglück weniger als Andere uns
beugen: Und wenn man uns durch Lobsprüche zu nachteiligen
Unternehmungen anzuspornen sucht, so lassen wir unS durch den Kitzel des
Lobes nicht gegen unsere bessere Einsicht hinreißen, und wenn unS
Einer durch Tadel aufstacheln wollte, so würden wir unS weder erzürnen,
noch auch nachgeben. Wir sind kriegerisch und wohlberathen zugleich,
weil wir uns schöner Disciplin fügen '29); das eine, weil Ehrgefühl
der Bedachtsamkeit nahe steht, und dem Ehrgefühl die Tapferkeit;
wohlberathen aber sind wir, weil wir zu wenig gelehrt erzogen
werden, um die Gesetzt zu verachten, und zu rauh und bescheiden, um
unS ihnen nicht zu unterwerfen Wir verstehen zu wenig von
unnützen Dingen, um die kriegerischen Anstalten unserer Gegner in
schönen Redensarten zu tadeln und dann doch in der That hinter ihnen
zurückzubleiben'2'), sondern wir glauben, daß die Klugheit des
Feindes der unseren wohl gewachsen ist, und daß sich die Glücksfälle nicht
mit Worten abmachen lassen. In unserer wirklichen Ausrüstung
handeln wir immer so, als ob unsere Gegner sehr wohl berathen seien;
und man darf auch nicht seine Hoffnungen auf künftige Fehler des
Feindes bauen, sondern auf seine eigene treffliche Vorficht. Auch
soll man nicht glauben, daß sich ein Mensch vom andern viel
unterscheide, sondern daß der zum Tüchtigsten werde, der durch den härtesten
Zwang der Verhältnisse geschult ist 122).« 4 5 6 7
History of the Peloponnesian War. Thucydides. Adolf Wahrmund (Translator). Stuttgart. 1864.
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