der Seeschlacht bei Kerkyra, denn die Korinther waren nun schon so
gut wie erklärte Feinde, und Perdikkas 97), des Alexandros' Sohn 1 2
und König von Makedonien, früher Bundesgenosse und Freund, war
ebenfalls zum Feind geworden, weil die Athener sich mit seinem
Bruman sieht doch ein, daß sie ganz direkt großen menschlichen Culturzwecken
dienen und gegen die sittlichen Forderungen nicht verstoßen? der
Schwächere wird zum Anschluß oder zur Unterwerfung aufgefordert, mit der
KriegSandrohiing. Er weiß, was ihm im Weigerungsfälle bevorsteht, und der
Mächtigere ist deßhalb ihn zu bekämpfen gezwungen, weil in den meisten
Fallen ein zweiter Mächtiger auf der andern Seite steht, welcher durch
Einverleibung des Schwächeren an Macht so überlegen zu werden droht, daß
eben daS Gebot der Selbsterhaltung ihm zuvorzukvminen nöthigt. Hierbei
wird weiter kein Recht verletzt, als das Existenzrecht des schwächeren Staates,
das in jedem Fall nur ein temporäres und von den größeren Verhältnissen
(die nicht von uns, sondern von der Gottheit abhängen) n»r in so lange
garantirteS ist, als die umliegenden Staaten von ziemlich gleicher Macht sind.
Welcher von diesen Gleichen unter Gleichen sich zuerst zu größerer Macht
emporschwingt, kann dies aber nur durch höhere sittliche Anstrengung
erreichen, womit eben den höchsten Zwecken der Menschheit und der Gottheit
gedient ist. Daher kommt >eS, daß z. B. das Schauspiel der ausstrebenden
Römischen Macht ein sittlich erhebendes ist. denn es wird hier gezeigt,
was virtus des Menschen vermag. Ganz anders ist es aber, wenn politische
Schwäche um jeden Preis zur Macht gelangen will. „Es ist gewiß sehr in
der Ordnung und ein natürliches Verlangen, daß man sich zu vergrößern
wünscht: und immer werden diejenigen, welche es thun, wofern sie es nur zu
thun vermögen (d. h. die ausreichende Macht dazu besitzen), darum belobt,
oder doch nicht getadelt werden. Wenn sie eS aber nicht vermögen und
doch auf alle Weise thun wollen, da liegt der Tadel und der
Fehler. (Machiavell, Fürst, Kap. Z am Schluß.) Machiavell sieht hier nur
Machtsragen. Macht und Moralität gehen auch heutzutage noch nicht
ganz zusammen, aber wir glauben, es ist nicht zu leugnen, daß heutzutage
das moralische Bewußtsein der Volks-nassen doch schon eine ansehnliche Macht
geworden ist (in Folge der Erfindung GuttenbergS), mit welcher in der
Politik der Neugestaltungen gerechnet werden muß. Da nun politische Schwäche,
so gut wie individuelle, sich hauptsächlich unmoralischer Mittel
«Zweideutigfett, Lüge, Betrug» bedienen muß, wenn sie rasch emporkommen will, so
beleidigt sie dadurch die Macht des sittlichen Bewußtseins der Nationen, und es
scheint, daß dieses heutzutage nicht mehr ertragen kann, unmoralisches
Verfahren mit großem dauernden Erfolg gekrönt zu sehen. Wir wollen demnach
gern glauben, daß Machiavell nicht mehr ganz Recht hätte, wenn er heute
schriebe, was er im Fürsten zu Anfang des IS. Kap. sagt: „Wie man wirk»
lich lebt, und wie man leben sollte, liegt in meinen Augen so weit von
einander ab, daß derjenige, welcher um dessentwillen, was eigentlich geschehen
sollte, das verabsäumt, was wirklich geschieht, eher seinen Untergang,
als seine Errettung erleben wird, insofern ein Mensch (und ein Staat), der
der Philippos 98) und dem Derdas, die sich gemeinsam gegen ihn
empörten, verbündet hatten. Zn seiner Furcht suchte er durch eine
Gesandtschaft nach Lakedämon den Athenern einen Krieg mit den
Peloponnesiern auf den Hals zu ziehen, und die Korinther brachte er
wegen des Abfalls von Potidäa auf seine Seite ^). Auch die
Chalkidäer und Bottiaer auf der Thrakischen Gränze suchte er abtrünnig
zu machen, in der Meinung, daß er in Verbindung mit diesen seinen 3 4 5
Gränznachbarn den Krieg leichter werde durchführen können. Die
Athener aber merkten dies, und um dem Abfall der Städte
zuvorzukommen, so gaben sie den Anführern der Flotte, welche unter
Archestratos, des Lykomedes' Sohn, und noch zehn Anderen auf dreißig
Fahrzeugen tausend Schwerbewaffnete gegen den Perdikkas
führen sollte, und die eben zum Auslaufen bereit lag, den Auftrag, von
den Potidäern Geißeln zu nehmen, ihre Mauer niederzureißen und
aus die benachbarten Städte ein wahcsames Auge zu haben, um
ihren Abfall zu verhindern.
History of the Peloponnesian War. Thucydides. Adolf Wahrmund (Translator). Stuttgart. 1864.
Sponsored by University of Leipzig.
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