Notes on the current edition
History of the Peloponnesian War
1.
1104
v.
Chr.
2.
51)* Thukydides scheint hier stillschweigend vorauszusetzen, daß von den
Staaten glänzende Thaten ausgeführt werden sollten, Unternehmungsgeist gezeigt
werden sollte. — Die Entwickelung der menschlichen Dinge ist ein Fortschritt.
Fortschritt ist Bewegung. Zur Bewegung gehört Thätigkeit. Nicht alle Glieder
des Ganzen sind gleichthätig. Größere Kraft treibt zu größerer Thätigkeit. Im
Genuß reibt sich die Kraft selbst auf. Die Genießenden überhaupt, und im
Staate die genießenden Parteien wollen im Allgemeinen aus Mangel an Kraft
keine Thätigkeit. Sie fragen: „Muß es denn sein?" Es muß wohl sein, weil
der unthätige Staat des thätigen Staates Beute wird. Der Vermittler ist auch
hier das Geld: der unthätige Staat verfällt so gut wie der in unfruchtbarer
Weise thätige Staat sz. B. Krieg um jeden Preis) in Armuth, so daß ihm
zuletzt die Mittel zu seiner Vertheidigung durch die Waffen fehlen, und sobald er
keinen Krieg mehr wagen oder aushalten kann, ist er verloren, und vas victis!
— Warum sträubt sich Tyrannis, tyrannische Oligarchie, Despotie gegen
Thätigkeit im Staate? Weil große Thätigkeit und allgemeine Rührigkeit schwerer zu
überwachen ist; weil sie die materielle und geistige Kraft der Beherrschten
vermehrt, also die Darniederhaltung ershcwert und schließlich unmöglich macht; weil
sie überhaupt vom entgegengesetzten Grundprinzip ausgeht: Tyrannis will und
wirkt Stillstand, Thätigkeit will und wirkt den Fortschritt, Fortschritt ist
Anderswerden, Umbildung des eben Daseyenden. — Noch schlimmere Versumpfung wirkte
später das Prinzip des conservativen Iesuitenstaats.
3.
52) Die eigentlichen Spartaner oder Spartiaten sind diejenigen
Doriet, welche sich als herrshcenden Adel in die günstig gelegene Stadt Sparta
hineinsetzten, um von hieraus, wie die Kreuzspinne aus dem Mittelpunkt ihres
Gewebes, die halbsreien Lakedämonischen Bauern und die leibeigenen Heloten zu
überwachen und darniederzuhalten. Ihrer sollen anfänglich nur 2000 streitbare
Männer gewesen sein (Jsokrat. Panathen. Z. 256), was mir nicht zu wenig
dünkt. Aehnlich wäre es, wenn heutzutage etwa eine mit Schiffen und Waffen
versehene Auswanderer-Armee von 10,000 Köpfen, worunter 2000 Streitbare,
irgend einen bewohnten und bebauten Küstenstrich Afrika's besetzte, die Landbauer
zu zinspflichtigen Halbfreien und die, welche sich am hartnäckigsten gewehrt, d. h.
sich als die Muthigsten, folglich als die Gefährlichsten gezeigt hätten, zu Sklaven
machte, sich selbst aber an einem günstig gelegenen Punkte zusammensiedelte. Ihre
4.
Stellung wäre um so gefährlicher, je größer das Mißoerhältniß zwischen ihrer
Zahl und der ihrer Halbfreien und Sklaven, und sie müßten sich durch alle
erdenklichen Mittel zu sichern suchen. So erklärt sich das ganze Spartanische
Staatswesen in seinem Ursprung. Streitbar waren ihrer um 1100 v. Chr. 2000 (?)
Mann, um 880 (Lykurg) 4500—6000 Mann, um 724 (Ende des ersten
messenischen Krieges) 9000 Mann. Ihnen gegenüber stand eine Bevölkerung von
ungefähr 350,000 Seelen, darunter mehr als 200,000 Heloten. Die Mittel, diese
Bevölkerung niederzuhalten, werden wir kennen lernen. Die erste Voraussetzung
ihrer Möglichkeit war die strengste Einigkeit unter den Spartanern selbst.
Bedingung der Einigkeit war Gleichheit aller Spartiaten unter sich. Bedingung
der Gleichheit ist gleiches Vermögen (hier gleicher Grundbesitz samt den ihn
bebauenden Leibeigenen). Das beste Land hatten die Spartaner in gleiche,
unveräußerliche und untheilbare Ackerloose unter sich vertheilt, je Eines auf den
streitbaren Mann, der Familienhaupt ist. Diese Gleichheit kann aber nicht über
zwei Menschenalter dauern, weil die Kinderzahl verschieden ist. Die Vorkehrungen
des Gesetzes (der Erstgeborne, Hausherr, mußte seine Brüder unterhalten?
kinderlose Familien mußten Söhne aus der Verwandtschaft adoptiren; Erbtöchter
mußten Männer ohne Besitz heirathen) konnten nicht verhindern, daß
Vermögensungleichheit einriß, so daß Arm und Reich sich schied, und der Armen bald viel
mehr wurden, als der Reichen. Die letzteren erregten durch Uebermuth und
Unterdrückung Neid und Mißvergnügen, das Mißverhältnis; wuchs durch die
Erweiterung des Gebiets und durch Ausnahme von Achäern in die dorische
Gemeinschaft. Dazu kamen einzelne tyrannische Könige. Die hierdurch erzeugten
Unruhen sind in obiger Stelle gemeint. Der Staat mußte sich aber helfen, wenn
er sich nicht dem furchtbarsten Untergang durch die Rache der unterdrückten
Lakedämonier und Heloten preisgeben wollte, und übertrug dem Herakliden
Lykurgos die Heilung des Zwiespalts. Dieser nahm nm 830 v. Chr. eine neue
Ackervertheilung vor, wahrscheinlich in 4500 oder in 6000 Loose, so daß die
Bermögensgleichheit zunächst wieder hergestellt war: die Spartiaten waren wieder
in jeder Hinsicht ein Volk von Gleichen, Homöen. Um 724, nach dem
ersten Messenischen Krieg, wurde abermals eine neue Vertheilung des erweiterten
Gebiets in 3000 Ackerloose für die Spartiaten und 30,000 kleinere Loose für
die Lakedämonischen Bauern (Periöken, d. i. Um- oder Beisaßen) vorgenommen.
Dieser Demos von.Homöen, d. h. dies Volk der Gleichen, bildet nun
fortwährend den Periöken und Heloten gegenüber den in sich abgeschlossenen,
unendlich bevorrechteten und herrshcenden Adel, unter sich aber zerfiel er wieder
von Neuem in eine Minderzahl von Reichen und Mächtigeren, welche sich auch
einer feineren Bildung nicht vershclossen, und in eine Mehrzahl von Aermeren,
deren geistiger Gesichtskreis durch die vom Staat ertheilte und mit bewußter
Absicht zugetheilte Bildung begränzt war. Aus Thukydides und Xenophon ist erficht-
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lich, daß zwischen 500 und 400 v. Chr. die Vermögensungleichheit in Sparta
aum geringer war als anderswo. Während des peloponnesifchen Krieges
bereicherten sich Einige in großem Maßstab; das Gesetz, welches den Besitz von Gold
und Silber untersagte, wurde umgangen und dann stillschweigend aufgehoben.
Den Todesstoß endlich erhielt die Gleichheit, als Epitadeus das Gesetz durch-
brachte, das Jedem erlaubte, über sein Gut durch eine Schenkung unter Lebenden
und durch Testament frei zu verfügen, „wovon die Folge war, daß die Aermeren
sich leicht bestimmen ließen, ihr Gut für einen lockenden Preis an Reiche zu
überlassen und es so ihren Kindern zu entziehen, die dann, wenn der Kaufpreis
verzehrt war, Nichts mehr besaßen. Verlauf des Guts war freilich auch durch das
Gesetz des Epitadeus nicht erlaubt; es springt aber in die Augen, wie leicht ein
wirklicher Verkauf unter der Form einer Schenkung oder einer testamentarischen
Verfügung versteckt werden konnte." (Schömanu, Griech. Alterth. I, S. 223.)
So wurde der Untergang des Adelstaates durch die einreißende Gsldwirthschaft
herbeigeführt. Warum aber betrieben die Lakedämonier den Sturz
der Tyrannen? Die Lakedämonier hatten zwei Könige neben einander (Einen
aus dem Geschlecht der Euristheniden oder Ägiden, den Andern aus dem der
Prokliden oder Eurypontiden). Ihre Macht war von vornherein sehr
beschränkt. Im Wesen der persönlichen Macht liegt das Streben-nach Erweiterung
derselben bis zur Tyrannis. Erweitern konnten die spartanischen Könige ihre
Macht, indem sie sich entweder auf die unterdrückten Landeseinwohner stützten und
diesen gleiches Recht mit den Spartanern versprachen, falls sie ihre Pläne unter-
stützten, oder indem sie sich an andere hellenische Alleinherrscher oder Tyrannen
anschlössen. Um das Letztere zu verhüten, waren ihnen Ehen mit Auswärtigen
untersagt: „Sie sollten nicht etwa durch Verbindung mit andern Fürstenhäusern
zu dynastischer Politik und tyrannischen Gelüsten verleitet werden" (Eurtius,
Griech. Gesetz. I, S. 133); denn das wäre ja der Todesstoß für die
Adelsherrschaft gewesen. Noch sicherer aber war es, wo möglich gar keine Tyrannen in
Hellas zu dulden.
8.
53) Thukydides findet die Lykurgischen Gesetze gut, weil er selber
Ausschreitungen der Demokratie erlebte, welche den Staat durch vielfache Umwälzungen
an den Rand des Verderbens führten, während sich Sparta seit Lykurg innerer
Ruhe erfreute.