Doch ich sehe ja dort, in der Todten Gewand,
Sich nahen Herakles' Kinder, des Manns,
Der ehe so groß war; auch sein Weib,
435
Das die Söhne wie Ross' an der Seite des Jochs
Hinschleppt, und Alkmena's greisen Gemahl.
Ich Verlorener, weh!
Ich kann nicht mehr des erloschenen Blicks
Vorbrechenden Thränen gebieten.
440
Megara und Amphitryon kommen mit den Kindern aus dem Hause
Wohlan!
zurück. Der Chor.
Megara.
Wer ist der Priester, der die Kinder schlachtet? Wer
Der Würger, der mein armes Leben morden soll?
Bereitet sind die Opfer, in den Tod zu gehn.
O Kinder, welch ein Trauerzug von Todten wir,
Greis, Knaben, Mutter allzumal dahingeschleppt!
445
O mein Verhängniß, meiner Söhn' unselig Loos,
Die (weh!) zum leztenmale nun mein Auge sieht!
Euch gab ich Leben, und dem Feind erzog ich euch,
Zum Hohn, zum Spielwerk und geweiht dem Untergang.
Weh!
Wohl stürzt' ich tief vom schöngeträumten Gluck hinab,
450
Das eures Vaters Rede mich einst hoffen ließ.
Dir theilte, Sohn, der todte Vater Argos zu,
Das Haus Eurysthens solltest du bewohnen einst,
Im schönen Fruchtland herrschend, in Pelasgia.
Des grimmen Thieres Hülle legt' er dir um's Haupt,
455
Des Leu'n, womit gewaffnet er den Kampf bestand.
Du solltest Herr im wagenreichen Thebe sein,
Das Land besizen, welches ich als Erb' empfing,
Wie du von meinem Vater dir's erbatst, o Kind.
1
In deine Rechte, Feindestroz zu wehren, gab
460
Er seine Keule, Dådalos' trugvoll Geschenk.
2
Und dir verhieß er als Besiz Dechalia,
Das sein Geschoß ferntreffend einst eroberte.
So hob er euch drei Söhne hoch empor zu drei
Gewaltigen Thronen, seines Muths sich stolz bewußt.
465
Ich hatte froh im Geiste schon zu Brauten euch
Die besten Jungfrau'n im Athenerland ersehn,
Im Spartervolk, in Thebe, daß ihr glucklich wårt,
Un sichern Lauen euer Schiff befestigend.
Und nun - dahin ist Alles; umgewandelt ist
470
Das Schicksal, das die Keren euch zu Brauten gibt;
Mich Arme låßt es Thränen, statt des Bades weih'n!
Und hier des Vaters Vater gibt das Ehrenmahl
Dem Schattengotte, der Herakles' Schwåher ward!
Ach! Wen von euch am ersten oder wen zulezt
475
Druck' ich an diesen Busen? Wen küßt dieser Mund?
Wen, wen umarm' ich? Wie, der gelben Biene gleich,
Samml' ich die Klagen aller auf in Einen Laut,
Vereine sie in Einem langen Thränenstrom?
D Theurer, wenn man eine Stimm' aus Menschenbrust
480
Vernimmt im Hades, ruf' ich dir, Herakles, zu:
„Dein Vater stirbt, es sterben deine Söhn' und ich,
Die deinetwegen alle Welt einst glucklich pries.
Komm, rette! Wenn auch Schatte nur, erscheine mir!
Auch nur erscheinend wirst du mir ein starker Schuz:
485
Denn gegen dich sind deiner Söhne Mörder feig!"
Amphitryon.
Bereite du, Frau, was den Todesgittern ziemt:
3
Ich aber hebe meine Hand zum Himmel auf,
Und rufe dir, Zeus, willst du diese Kinder hier
Beschůzen, eile, weil du bald nicht mehr vermagst!
490
Doch oft ja rief ich schon zu dir: ich rief umsonst;
Ein strenges Schicksal, wie mir scheint, will unsern Tod.
Auf denn, o Greise! Flüchtig eilt das Leben hin;
Drum weihet froh der Erde kurzen Traum der Lust,
Von Tagesaufgang bis zur Nacht von Kummer frei!
495
Auf unsre Wunsche nimmt die Zeit niemals Bedacht:
Sie fliegt von hinnen, um das Ihre nur besorgt.
Seht mich: vor Zeiten galt ich groß vor aller Welt,
Und wirkte ruhmvoll; wie den Vogel himmelan,
Entriß das Schicksal Alles mir an Einem Tag.
500
Des Glückes Fülle, hoher Ruhm, wem wåren sie
Je treu geblieben? Lebet wohl: denn euren Freund,
Genossen, heute saht ihr ihn zum letztenmal!
Ha!
(Herakles tritt auf.)
Megara.
Erblick ich meinen Liebsten hier? Was sag' ich, Greis?
Amphitryon.
Mein Kind, ich weiß nicht; denn auch mir versagt das Wort.
505
Megara.
Er ist's, von dem wir hörten, daß er drunten sei,
Wenn nicht ein Traumbild uns erscheint im Sonnenlicht!
Was sag' ich? Welche Traume sieht mein wirrer Geist?
Das ist, - es ist kein Andrer, als dein Sohn, o Greis!
Hierher, o Kinder! Hånget euch an sein Gewand!
510
Kommt, eilet, laßt ihn nimmer los! Denn, traun, er ist
Euch kein geringrer Helfer, als der Retter Zeus!
Herakles.
D Dach, o Hallen meines Herdes, seid gegrüßt!
Welch froher Anblick, nun ich kam zum Sonnenlicht!
Ha!
Was gibt es? Meine Kinder seh' ich am Palast,
515
In Todtenschleier tragen sie das Haupt gehüllt;
Und im Gewühl von Männern seh' ich mein Gemahl
Und meinen Vater, der ein Ungemach beweint.
Wohlan, ich trete nåher hin und frage sie.
Sprecht, welches neue Mißgeschick traf dieses Haus?
4
520
Amphitryon.
O liebster Mann, o Licht in deines Vaters Nacht!
Du bist gerettet, kommst für uns zu rechter Zeit.
Herakles.
Was meinst du? Vater, welchen Aufruhr treff' ich hier?
Megara.
Wir sind verloren! Du vergib, Greis, wenn ich dir
Das Wort vorausnahm, welches dir an ihn geziemt.
525
Wir Frauen sind ja weicher als der Mann gestimmt,
Und meinen Kindern drohte Tod, ich war dahin.
Herakles.
Apollon! Wie beginnst du deine Reden mir!
Megara.
Todt sind die Brüder und mein alter Vater todt.
Herakles.
Wie? Was begann er? Welcher Speer hat ihn entseelt?
530
Megara.
Lykos, des Landes neuer Fürst, ermordet' ihn.
Herakles.
In offner Feldschlacht? Oder tobt' Aufruhr im Land?
Megara.
Ausruhr erschloß ihm Kadmos' siebenthorig Reich.
Herakles.
Doch, Frau, warum denn faßte Furcht den Greis und dich?
Megara.
Dem Vater, mir und unsern Sohnen droht er Tod.
535
Herakles.
Was sagst du? Wie? Verwaiste Kinder fürchtet er? -
5
Megara.
Sie möchten Nache nehmen einst um Kreons Tod.
Herakles.
Doch was bedeutet dieser Schmuck, der Todten ziemt?
Megara.
Die Todeskleider sind es, die wir angelegt.
Herakles.
Ihr sollt gewaltsam sterben? Ich Unseliger!
540
Megara.
Kein Freund beschůzt uns, und man sagte dich für todt.
Herakles.
Wie kam es denn, daß solcher Kleinmuth euch befiel?
Megara.
Mykene's Herrscher that es uns durch Boten kund.
Herakles.
Warum verließt ihr dieses Haus und meinen Herd?
6
Megara.
Gewalt vertrieb den Vater aus der Lagerstatt -
545
Herakles.
Durch Schmach den Greis zu krånken, trug er keine Scheu?
Megara.
Von dieser Göttin, der Gewalt, wohnt fern die Scheu.
Herakles.
So hatten wir, von Hause ferne, keinen Freund?
Megara.
Wo håtte denn auch Freunde, wen das Gluck verließ?
Herakles.
Der Minyerschlachten, die ich schlug, vergaßen sie?
7
550
Megara.
Freundlos, ich wiederhol' es, ist das Misgeschick.
Herakles.
O reißt die Todesschleier flugs vom Haupt herab,
Und hebt das Auge wiederum empor zum Licht,
Das freundlich wechselnd leuchtet nach der Todesnacht!
Ich aber eile (nun bedarf es meines Arms)
555
Vorerst von hinnen, sturz' in Staub die Wohnungen
Des neuen Herrschers, werse dann den Hunden vor
Des Frevlers abgehau'nes Haupt; und wen ich schlecht
Vom Thebervolk erfunden, dem ich Gutes that,
Mit dieser sieggekrönten Wehr vertilg' ich ihn.
560
Mit rasch beschwingten Pfeilen todt' ich Andere,
Und füll' Ismenos' Fluten rings mit Leichen an,
Und Dirke's klare Welle fårbt sich blutigroth!
Wem soll ich eher Retter sein, als meinem Weib,
Dem Greis, den Kindern? Fahret wohl, ihr Kampfesmuh'n!
565
Unnůz ja wart ihr alle mehr, als dieser Kampf!
Ich muß für meine Söhne, sowie sie für mich,
8
Im Kampfe sterben; oder wie beschönt' ich es,
Daß ich mit Leu'n und Hydern mich im Kampfe maß,
In den Eurystheus mich gesandt, und nicht den Tod
570
Von meinen Kindern wehrte? Nicht mehr Herakles,
9
Der sieggekrönte, hieß ich dann, wie früherhin.
Der Chor.
Wohl ist es billig, daß sein Kind der Vater schirmt,
Der Sohn die grauen Weltern, sein Gemahl der Mann.
Amphitryon.
Dir steht es zu, den Freunden Freund zu sein, o Sohn,
575
Den Feind zu hassen; aber eile nicht zu sehr.
Herakles.
Worin, o Vater, eil' ich mehr als billig hier?
Amphitryon.
Gar Viele, arm an Gütern, die dem Ruse nach
Für Reiche gelten, sind dem Lykos zugethan,
Bereiten Aufruhr und der Stadt den Untergang,
580
Um Andrer Gut zu rauben; denn ihr Gut daheim
Verschlang der Aufwand und zerstob der Mußiggang.
Du wardst gesehen, als du kamst in diese Stadt;
10
Drum sei behutsam, daß du nicht der Feinde Schwarm
Aufregst, und wider Hoffen dich Verderben trifft.
585
Herakles.
Mir gilt es gleichviel, ob die ganze Stadt mich sah.
Doch einen Vogel schaut' ich jungst am schlimmen Ort,
Und schloß, ein Unglück habe wohl euch heimgesucht;
So kam ich denn vorsichtig ingeheim in's Land.
Amphitryon.
Zum Glück erschienst du; nun begrüße deinen Herd,
590
Und laß das våterliche Haus dein Auge schaun.
Bald kommt er selbst, der König, der dir Sohn' und Weib
Fortschleppen, morden, und zugleich mich schlachten will.
Indeß du dort weilst, fugt sich Alles wohl für dich,
Und Sicherheit gewinnst du; doch verseze nicht
595
Die Stadt in Aufruhr, eh du dieses wohl vollbracht.
Herakles.
So thu' ich; denn du sprachest recht: ich geh' hinein.
Spåt heimgekehrt aus sonnenloser Gründe Nacht,
Von Hades' Reich und Kore's, will ich allererst
Die Götter grüßen, die des Hauses Hüter sind.
600
Amphitryon.
So kamst du wirklich in des Hades Haus, o Kind?
Herakles.
Und führte sein dreiköpfig Ungethum an's Licht.
Amphitryon.
Im Kampf es zwingend, oder als Kora's Geschenk?
Herakles.
Im Kampf: die heil'gen Weihen sah ich Glucklicher.
11
Amphitryon.
Und ist im Königshause schon das Ungethum?
605
Herakles.
Der Hain Demeters nahm es auf in Hermion.
12
Amphitryon.
Weiß Argos' König, daß du kamst an's Licht herauf?
13
Herakles.
Nein; eher wollt' ich wissen, wie's euch hier ergeht.
Amphitryon.
Doch was verzogst du solche Zeit in Hades' Haus?
Herakles.
Theseus zurückzuführen, såumt' ich, Vater, dort.
610
Amphitryon.
Und wo verweilt er? Ging er heim in's Vaterreich ?
Herakles.
Nach Atthis, freudig, daß er Hades' Land entflohn.
Doch auf, o Kinder! Folgt dem Vater nach in's Haus. -
Ihr geht zu großrer Freude, traun, hinein, als ihr
Herausgegangen. Also seid getrostes Muths,
615
Und badet euer Auge nicht in Thränen mehr!
Du, theure Gattin, sammle dich und fasse Muth,
Hör' auf zu zagen! Lasset ab von meinem Kleid:
Denn Flügel hab' ich keine, will euch nicht entfliehn!
Ha!
Sie weichen nicht, nein, klammern um so fester sich
620
An mein Gewand. So nahe war euch die Gefahr?
Ich will sie führen, will sie mir, gleichwie das Schiff
Die Boote, nachziehn; denn um meine Kinder mag
Ich gern mich müh'n! Hier sind sich alle Menschen gleich.
Denn seine Kinder liebt der Hochgeborne, liebt
625
Der Namenlose. Dieser lebt in Fülle, der
Ist arm; doch Kindesliebe wohnt in jeder Brust.
(Sie gehen mit den Kindern in das Haus.)
Erste Strophe.
Der Chor.
Jugend erfreut, fesselt mich süß; aber das Alter lastet
Ueber dem Haupt drückender stets als die Felsen Aetna's,
Und in Dunkel hült es mir das Licht der Augen.
630
Niemals werde mir Asia's
Thron, Asia's Schaze mir eigen,
Noch sei voll Goldes die Wohnung,
Ist hiefür Jugend der Preis,
Dies herrlichste Gut für den Reichthum,
635
Dies herrlichste Gut in der Noth!
Doch das traurige, tödtende
Alter hass' ich: hinab in's Meer
Stürz' es! Nie zu der Sterblichen
Häusern, noch zu den Städten nah'n
640
Sollt' es, sondern in Aethershohn
Stets auf Schwingen dahinfliehn!
Erste Gegenstrophe.
Heracles. Euripides. Johann Jakob Christian Donner (Translator). . .