Euripides Hecuba 484-625

Edward P. Coleridge (Translator)

View: By Card

Hecuba. Euripides. Edward P. Coleridge (Translator). London. 1891.

Sponsored by Perseus Project, Tufts University.

Funding provided by The Annenberg CPB/Project.

Current edition Perseus

Hecuba (English) (Euripides. The Plays of Euripides, Vol. II. Coleridge, Edward P., translator. London: George Bell and Sons, 1891. (Modernized by Perseus.))

Editions (1)
Ἑκάβη Perseus (Euripides. Euripidis Fabulae, Vol. I. Murray, Gilbert, editor. Oxford: Clarendon Press, 1902. (Reprinted 1906-1974)) — 484-628 focus
Translations (2)
Hecuba (OCR draft) Experimental (Hecuba. Robert Potter's English verse translation, first published in 1781–1783; text from the 1808 Oxford printing.)

No corresponding passage available

German (J. J. C. Donner, 1841; OCR review) (OCR draft) Experimental (Euripides. Deutsch in den Versmaßen der Urschrift. Volume 1, Heidelberg: C. F. Winter, 1841. Harvard OCR compared with an independent BSB copy. Native Donner verse citations, Murray reference cards, explicitly located notes and page facsimiles. Unresolved OCR, verse divisions, unlocated notes and printed errata are documented in the source review.) — 484 focus
Wo, Troërjungfraun, find' ich sie, die Königinn
Gewesen über Ilion, die Hekabe?
Die Thrån' entlocken willst du mir nochmals, o Frau,
Um deine Tochter: denn bericht' ich ihr Geschick,
Thrånt mir das Auge, wie am Grabe, da sie starb.
Das Heer Achcia's war vereint in voller Zahl,
515
Zu deiner Tochter Morde dicht ums Grab geschaart.
Da nahm Achilleus' Sohn die Hand Polyxena's;
Den Hügel führt' er sie hinauf,
ich stand ihm nah, -
Und auserkorne Jungling' aus Achaia's Heer,
3u hemmen deines Kindes Flucht, begleiten ihn.
520
Nun nahm Achilleus' edler Sohn in seine Hand
Den vollen goldnen Becher, goß Trankopfer aus
Dem hingeschiednen Vater, und bedeutet mir,
Dem ganzen Heer Stillschweigen anzukündigen.
Ich, ihm zur Seite stehend, rief in's Volk hinein:
525
„Seid still, Achaier! Stille walt' im ganzen Heer!
„Seid ruhig! Schweiget!" Und die Menge stand verstummt.
Er sprach: „des Peleus Språkling, du mein Vater, nimm
Von meiner Hand dies Opfer, dies versohnende,
Das Todte lockt vom Hades; komm, das dunkle Blut
530
Der reinen Jungfrau trinke, das wir spenden dir,
Ich und das Heer von Argos: sei uns gnädig nun,
Und laß die Zügel und die Tau' am Steuer uns
Der Schiffe losen; glucklich laß aus Ilion
Uns wiederkehrend, alle sehn das Vaterland!"
535
So rief er, und es flehte mit das ganze Heer.
Und bei dem Griffe faßt' er dann sein goldnes Schwert,
Und aus der Scheide zog er's; und die blühende
Jungfrau zu fassen, winkt' er nun den Jünglingen.
Doch als sie das bemerkte, sprach sie dieses Wort:
540
„Ihr Sohn' Achaia's, die verheert die Troërstadt!
Ich sterbe willig: Keiner leg' an mich die Hand;
Denn meinen Nacken biet' ich dar mit frohem Muth.
Last mich, die Freie, ledig, bei den Göttern! daß
Ich als die Freie sterbe: denn im Todtenreich
545
Sklavinn zu heißen, schämt die Königstochter sich."
Laut rief man Beifall; auch befahl den Jünglingen,
Sie loszulassen, Agamemnon's Herrscherwort.
Sobald die Jungfrau dies Gebot der Fürsten hört,
Nahm sie von hoher Schulter ihr Gewand sofort,
550
Und streift' es bis zum Nabel und zur Hüft' hinab,
Und zeigte Hals und Busen, wie ein gottliches
Gebild, so reizend, senkt ein Knie zur Erde dann,
Und sprach von allen Worten dies hochherzigste:
„Sieh her, o Jungling! Wünschest du in meine Brust
555
Den Stahl zu bohren, bohre: wenn in meinen Hals -
Wohl: auch die Kehl hier ist gefaßt auf deinen Stoß."
Er, wollend und nicht wollend, denn sie jammert' ihn,
Er trennt des Athems Röhren ihr mit scharfem Stahl;
Des Blutes Strome flossen: sie, im Sterben auch,
560
Trug viele Vorsicht, hinzusinken, wie's geziemt,
Zu bergen, was die Scham verbirgt des Mannes Blick.
Als sie den Geist aushauchte nach dem Todesstoß,
Sann jeder Mann des Heeres auf ein andres Werk:
Die Einen warfen Blåtter auf die Todte hin
565
Aus vollen Hånden; Andre, Ståmm' aus Fichtenholz
Hertragend, thürmten die Scheiter: wer nicht trug, vernahm
Von Andern, welche trugen, wohl dies herbe Wort:
„Du stehest hier, Herzloser, hast du kein Gewand
Für solche Jungfrau, keinen Schmuck in deiner Hand?
570
Nicht sie beschenken willst du, die so großgesinnt,
So muthig hinstarb?"
Dies zu melden hab' ich dir
Von deiner Tochter: du, so sehr vor allen Fraun
Durch Kinder glucklich, bist die Unglückseligste.
Ich weiß, o Kind, nicht, welches Leid ich klagen soll;
So vieles traf mich: hång' ich nur am einen fest,
Gleich mahnt ein anderes, und von diesem ruft sofort
Ein neuer Schmerz ab, welchem Weh' auf Wehe folgt.
580
Und nun vermag ich dein Geschick aus meinem Sinn
Nicht auszutilgen, daß ich's nicht bejammerte:
Doch über Maaß zu klagen, wehrt die Kunde mir
Von deinem Muth. - Kein Wunder, wenn ein schlechtes Land,
Dem Götterſegen lächelt', edle Frucht gebiert,
585
Ein gutes aber, das entbehrt des Nothigen,
Unedle Früchte tråget: bei den Menschen bleibt,
Wer schlimm von Art ist, immerdar ein Böser nur,
Ein Edler edel, und den angebornen Sinn
Verkehrt das Unglück nimmer; er ist ewig gut.
590
Doch frommen Weltern oder Zucht und Pflege hier?
Auch Unterweisung mag in uns das Edle wohl
Durch Lehre pflanzen; wenn ein Mensch dies wohl erkannt,
An diesem Maaßstab wird ihm auch das Böse kund.
Doch Worte sind das, die verwehn in leere Luft:
595
Du geh' und Argos Kriegesheer bedeute dies,
Daß Keiner sie beruhre, daß der Schwarm von ihr
Fern bleibe! Frechen Pobel hegt ein großes Heer,
Und grimmer rast der Schiffer Züggellosigkeit,
Als Feuer; dort ist bose, wer nicht Bises thut.
600
Doch du, bejahrte Dienerinn, nimm dies Gefäß,
Und bring' es hierher angefüllt mit Meeresflut,
Daß ich die Tochter baden mog' im lezten Bad,
Die Braut, die Jungfrau, die der Hochzeit Lust entbehrt,
Und sie geschmuckt ausstelle, nicht, wie's ihr geziemt,
605
Das kann ich nicht,
nur, wie ich's kann: wie mach' ich's denn?
Schmuck will ich sammeln von den mitgefangnen Fraun,
Die mir vereinigt innerhalb der Zelte hier
Verweilen, wenn sich eine noch aus ihrem Haus
Ein Stück entwandt hat, unbemerkt den neuen Herrn.
610
Du schöner Wohnsiz! Du vordem so glucklich Haus!
Du, reich und machtig, Priamos, durch Kinder hoch
Begluckt, und ihre Mutter ich, ein greises Haupt!
Wie sind wir, ach der alten Herrlichkeit beraubt,
Zum Nichts geworden! Dennoch blåhn wir Menschen uns,
615
Der Eine, der im stolzen Goldpalaste wohnt,
Der, weil die Bürger ehrenvoll ihm huldigen!
Das ist ein Nichts; Mühn, Sinnen, Sorgen ist umsonst,
Umsonst der Zunge Prahlen. Der ist hochbeglückt,
Dem, ungetrübt von Leiden, jeder Tag entflicht.
620
Strophe.