Doch eine Sklavinn schreitet aus dem Hause dort,
In Thränen schwimmend. Welch Geschick vernehmen wir?
Verzeihlich ist die Trauer, wenn den Königen
Etwas begegnet; ob die Herrinn lebe noch,
Ob sie verschieden, das erführ' ich gern von dir.
135
Sklavinn.
Du kannst sie lebend nennen und gestorben auch.
Chor.
Wie mag derselbe leben und gestorben sein?
Sklavinn.
Sie neigt sich schon zum Tode, ringt im lezten Kampf.
Chor.
Welch edles Weib verlierst du, solch ein edler Mann!
Sklavinn.
Noch weiß es nicht Admetos, eh's geschehen ist.
140
Chor.
Ist keine Hoffnung also sie zu retten mehr?
Sklavinn.
Der Tag des Schicksals rafft sie unerbittlich hin.
Chor.
Was hier der Brauch will, wird's gethan?
Sklavinn.
Bereitet ist
Der Schmuck, womit ihr Gatte sie bestatten will.
Chor.
Sie wisse: ruhmvoll scheidet sie vom Leben ab,
145
Sie, aller Frauen beste weit im Sonnenreich.
Sklavinn.
Gewiß, die beste! Wer bestritte dieses auch?
Wie soll das auserles'ne Weib beschaffen sein,
Wodurch vermag sie ihre Gattenliebe mehr
zu zeigen, als indem sie sterben will für ihn?
150
Doch allem Volke Pherd's ist ja dies bekannt;
Nun, was sie that im Hause, hor' und wundre dich.
Sobald sie fühlte, daß der Tag des Todes ihr
Gekommen, wusch sie in dem Gewässer des Flusses sich
Die weißen Glieder, nahm Gewand' und Schmuck sodann
155
Aus Cederschränken, that sich sein und zierlich an,
Und trat zum Altar Hestia's, und betete:
Göttinn, weil ich wandeln muß in Hades' paus,
So fall' ich nieder, flehe dir zum legtenmal,
Behûte mir die Waisen, und dem Sohne gib
160
Ein liebes Weib, der Tochter einen edeln Mann;
Laß nicht, wie ich nun, ihre Mutter, enden muß,
Sie vor der Zeit hinsterben, sondern hochbeglückt
Im våterlichen Lande froh ihr Leben flieh'n!"
Zu jedem Altar in Admetos' Hause dann
165
Trat sie, bekränzt ihn, flehte laut die Gitter an;
Der Myrte Zweigen streifte sie die Blätter ab,
Nicht weinend, ohne Seufzen, und der nahe Tod
Entfärbte nicht ihr blühend schönes Angesicht.
1
Hierauf zum Ehbett eilte sie in ihr Gemach,
170
Ergoß sich dort in Thränen, und so sagte sie:
„O Lager, wo des Mädchens reine Blute sich
Zuerst ergab dem Manne, dem ich sterbe nun,
Leb' wohl! Ich zürne dir ja nicht; denn mich allein
Verdarbst du; nicht verrathen wollt' ich dich und ihn,
175
Und sterbe. Dich besizen wird ein andres Weib,
Nicht tugendhafter wahrlich, doch wohl glücklicher."
Und nieder sank sie, kust es, rings befeuchtete
Der überfließende Thränenstrom die Lagerstatt.
Doch als in vielen Zähren sie sich ausgeweint;
180
Da stürzt sie weg vom Lager mit gesenktem Haupt,
2
Und oft hinausgegangen kehrt sie wiederum,
Und warf sich dann von neuem auf die Ruhestatt.
Die Kinder hingen an's Gewand der Mutter sich,
Und weinten; diese nahm sie wohl in ihren Arm,
185
Und küfte beid' abwechselnd, da sie sterben soll.
Und alle Diener im Palaste weinten laut,
Die Herrscherinn bejammernd; und sie reichte dar
Die Rechte Jedem, und so schlecht war keiner ihr,
Den nicht sie ansprach, der es nicht erwiederte.
190
Ein solches Unglück lastet auf Admetos' Haus.
Starb er, so war's dies Eine nur; dem Tod' entflohn,
Trifft ihn ein Leiden, das er nie vergessen wird.
Chor.
Wohl seufzt Admetos über solches Ungemach,
Wenn ihm das hochgesinnte Weib entrissen wird?
195
-Sklavinn.
Er weint, beschwört sie, die er fest im Arme hålt,
Sie mög' ihn nicht verlassen; doch Unmögliches
Bittet er; in Krankheit welkt sie, schwindet sie dahin,
Entkräftet, unheilvolle Last für seinen Arm.
Und doch, wiewohl sie leise nur aufathmet noch,
200
Verlangt sie aufzuschauen nach der Sonne Glanz.
Nun geh' ich anzumelden deine Gegenwart.
Nicht alle Diener wollen wohl den Königen,
So daß sie freundlich ihnen nah'n im Ungemach;
Ihr aber seid die alten Freunde meines Herrn.
205
Strophe 1.
Erster Halbchor.
Alcestis. Euripides. Johann Jakob Christian Donner (Translator). . .