kommen sollen, Böotier, daß wir uns mit den Athenern nicht
zu schlagen brauchten, wenn wir sie nicht mehr in Böotien
träfen. Sind sie uns doch über die Grenze ins Land gekommen,
haben hier eine Festung gebaut und wollen Böotien zur Wüste
machen. Folglich sind sie unsere Feinde, kommen sie als solche,
woher sie wollen, wo immer wir sie antreffen. Und wer es
früher auch für richtiger gehalten, sie ziehen zu lassen, möge
sich jetzt eines besseren besinnen. Wenn man sich im eigenen
Lande seiner Haut wehren muß, hat man nicht Zeit zu langer
Überlegung wie der habgierige Nachbar, der sich zu Hause in
aller Ruhe auf einen Raubzug vorbereitet. Seit den Tagen
unserer Väter ist es bei uns immer Grundsatz gewesen, einem
auswärtigen Feinde, der uns angreift, gleichviel ob im eigenen
oder in fremdem Lande unbedingt zu Leibe zu gehen. Und
unseren Nachbarn, den Athenern, gegenüber haben wir um so
mehr Grund, darnach zu verfahren. Die Widerstandskraft den
Nachbarn gegenüber ist ja doch für alle die erste Bedingung
der Freiheit. Und wie sollten wir nicht im Kampfe mit ihnen,
die nicht nur ihre Nachbarn, sondern auch ferne Länder zu
unterjochen suchen, unsere letzte Kraft einsetzen? An Euboia
hier gegenüber haben wir ja das Beispiel; wie sieht eS da
aus, und was herrschen in Griechenland auch sonst fast überall
für Zustände! Und wenn andere mit ihren Nachbarn um
Landesgrenzen Krieg führen, so müssen wir uns klarmachen,
daß, wenn wir besiegt werden, unserem Lande unwiderruflich
nur eine Grenze gezogen werden wird; denn haben sie sich
unseres Landes erst bemächtigt, so werden sie es ganz behalten.
Darum sind die Athener unsere allergefährlichsten Nachbarn.
Ein Feind, der, wie jetzt die Athener, im Vertrauen auf seine
Macht seinen Nachbar angreift, wird, wenn dieser sich zugibt
und höchstens im eigenen Lande wehrt, nun immer anspruchs
voller auftreten, wenn man ihm aber schon jenseits der Grenze
entgegengehkund bei Gelegenheit selbst den Angreifer macht,
schon eher klein beigeben. Wir haben das ja an ihnen selbst
erlebt; denn seitdem wir sie damals, wo sie hier infolge unserer
inneren Zwistigkeiten Herren im Lande waren, bei Koroneia
besiegt, haben sie uns bis jetzt in Ruhe gelassen. Eingedenk
dessen müssen wir Alten wieder so tapfer draufgehen wie da
mals, die Jüngeren aber als Söhne ihrer mutigen Väter sich
bestreben, der alten böotischen Tapferkeit keine Schande zu
machen, und so wollen wir im Vertrauen auf den Beistand
des Gottes, dessen Tempel sie sich so ruchlos zur Festung ge
macht haben, und auf unsere Glück verheißenden Opfer ihnen
zu Leibe gehen, um ihnen zu zeigen, daß sie sich, wenn sie
Eroberungen machen wollen, Leute suchen müssen, die nicht zu
fechten verstehen, sich aber bei uns, die wir zwar nicht dabei
hergekommen sind, fremde Länder zu unterjochen, wohl aber
die Freiheit unseres eigenen Landes mit den Waffen in der
Hand zu verteidigen, nur blutige Köpfe holen."
History of the Peloponnesian War. Thucydides. Theodor Braun (Translator). Leipzig. 1917.
Sponsored by University of Leipzig.
Funding provided by European Social Fund Saxony.