eher darauf rechnen, daß sie uns unsere Unabhängigkeit auch
ferner lassen würden. Da aber die meisten schon ihre Unter
tanen sind, während sie mit uns noch auf gleichem Fuß ver
kehren müssen, so ist ihnen natürlich schon den anderen gegen
über, die sich ihnen gefügt haben, diese uns allein verbliebene
Gleichberechtigung höchst unbequem, zumal sie inzwischen immer
mächtiger geworden, wir aber mehr und mehr auf uns allein
angewiesen sind. Ein Bündnis hat nur Bestand, wenn beide
Teile sich gegenseitig fürchten; denn dann läßt auch der, welcher
dem anderen was am Zeuge flicken möchte, ihn doch lieber
in Ruhe, weil er weiß, daß er ihn nicht mit überlegener Macht
angreifen kann. Uns aber haben sie unsere Unabhängigkeit
nur deshalb gelassen, um den Schein zu meiden, als hätten
sie ihre Herrschaft nicht durch ehrliche und einsichtige Politik,
sondern durch Gewalt erworben. Zugleich dienten wir ihnen
als Beweis für die Gerechtigkeit ihrer Sache, da Staaten mit
gleichem Stimmrecht denn doch nicht freiwillig mit ihnen zu
Felde ziehen würden, wenn der Gegner nicht im Unrecht wäre.
Ebenso gingen sie zumeist mit Hilfe der Stärkeren gegen die
Schwächeren vor, so daß die letzten, welche sie übergelassen,
dann um so schwächer waren. Hätten sie mit uns den Anfang
gemacht, als alle noch bei Kräften und noch bündnisfähige
Staaten vorhanden waren, so wären sie damit so leicht nicht
fertig geworden. Auch fürchteten sie sich wohl vor unserer
Flotte, die mit eurer oder einer anderen zusammen ihnen
hätte gefährlich werden können. Endlich ließ man uns auch
deshalb in Ruhe, weil wir uns ihrer Stadt und den Männern,
welche jeweilig an der Spitze standen, beständig gefällig er
wiesen. Schwerlich aber hätten wir uns noch lange behaupten
können, wäre nicht dieser Krieg ausgebrochen; so viel konnten
wir uns nach dem, wie es den andern ergangen war, an den
Fingern abzählen.
History of the Peloponnesian War. Thucydides. Theodor Braun (Translator). Leipzig. 1917.
Sponsored by University of Leipzig.
Funding provided by European Social Fund Saxony.